Waiblingen

Schwab: Jobcenter will zielgerichtet fördern

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Gunnar Schwab: „Wir müssen den Menschen Zeit geben.“ © Schneider/ZVW

Waiblingen. Die Chancen vieler Langzeitarbeitslosen stehen nach wie vor schlecht, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Gerade in Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit gering ist, geraten die Langzeitarbeitslosen aus dem Blick, sagt Gunnar Schwab, der seit einem halben Jahr das Jobcenter Rems-Murr leitet.

Video: Drei Fragen - drei Antworten von Gunnar Schwab.

Gunnar Schwab hat nicht die typische Karriere bei der Bundesagentur für Arbeit gemacht. Der 40-Jährige ist beinahe eine Art Quereinsteiger. 2004, nach dem Studium der Soziologie und Politikwissenschaften, hat Schwab beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur (IAB) zunächst den wissenschaftlichen Weg eingeschlagen und wechselte dann ins operative Geschäft der Regionaldirektion Baden-Württemberg. Zuletzt war er in Stuttgart für den Finanz- und Personalhaushalt zuständig. Seit IAB-Zeiten ist ihm das Thema Grundsicherung vertraut. Gereizt habe ihn an der Geschäftsführung des Jobcenters das operative Geschäft in diesem Bereich.

Langzeitarbeitslosigkeit nicht verkleinert

Bei einer Arbeitslosenquote von 3,4 Prozent zwischen Rems und Murr erscheint die Lage auf dem Arbeitsmarkt rosig. Dem sei aber nicht ganz so, weist Schwab auf den harten Kern der Langzeitarbeitslosigkeit hin, der sich auch in konjunkturell guten Zeiten nicht wirklich verkleinert.

Qualifizierung ist Hauptthema 

Die Beschäftigungsmöglichkeiten für gering Qualifizierte sind und bleiben schlecht. Gerade auch bei einer Wirtschaftsstruktur, in der hochqualifizierte Fachkräfte gesucht werden. Qualifizierung sei deshalb das Hauptthema, mit der sich Schwab beschäftigt. Das Spektrum reicht vom Staplerschein bis zu einer kompletten Umschulung. Immer öfters werde aber die Frage gestellt: „Was hat die Maßnahme gebracht?“

Trotz guter Ergebnisse gibt es Luft nach oben

Die Konsequenz ist, die Angebote zu individualisieren und auf den Arbeitslosen individuell zuzuschneiden. Nicht für jeden sei eben ein dreimonatiger Qualifizierungskurs in der Gruppe geeignet. Die bisherigen Ergebnisse seien nicht schlecht, betont Schwab. „Es gibt aber Luft nach oben!“

Erfolg durch direkte Ansprache 

Sobald sich ein Vermittler persönlich um einen Langzeitarbeitslosen bemühen kann und beispielsweise Arbeitgeber direkt anspricht, stellt sich der Erfolg ein. Das zeigen erste Erfahrungen eines Projektteams des Jobcenters mit „individualisierten Integrationsprozessen“.


Diesen sind jedoch enge Grenzen gesetzt, zumal das Jobcenter Rems-Murr im Vergleich zu anderen Jobcentern im Land personell schlechter ausgestattet ist. Während sich im Projektteam ein Vermittler um 150 Kunden kümmere, seien es sonst bis zu 250 Kunden. „Da kommt man nicht sehr weit“, weiß Schwab. Er will seinen Vermittlern zumindest größere Ermessensspielräume einräumen, wie oft sie mit ihren Kunden in Kontakt treten. „Entscheiden kann das immer nur derjenige, der mit dem Menschen arbeitet.“

Persönliches Engagement und Netzwerke sind nützlich

Er bedauert, dass der Langzeitarbeitslosigkeit in der Öffentlichkeit so wenig Beachtung geschenkt wird. Ganz im Gegensatz zu den Flüchtlingen oder dem Fachkräftemangel, die die Schlagzeilen beherrschen. Die Fachkräfteallianz Rems-Murr, in der viele Beteiligten von den Kammern über die Schulen bis zur Arbeitsagentur an einem Strang ziehen, oder die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer sind für ihn gute Beispiele, wie nützlich persönliches Engagement und Netzwerke sind. Ein solches engagiertes Eintreten wünscht sich Schwab auch für die Kunden des Jobcenters.

Immer mehr Flüchtlinge kommen hinzu

Vor einem halben Jahr, bei seiner Amtseinführung, hatte Schwab die Betreuung und Integration der geflüchteten Menschen als eine der Herausforderungen bezeichnet. Derzeit betreut das Jobcenter rund 2300 Flüchtlinge. Monat für Monat kommen 100 bis 120 weitere hinzu, sobald der Asylantrag durch ist und sie vom Sozialhilfeträger Landratsamt zum Jobcenter überwiesen werden. Mit Blick auf die Vermittlungen ist Gunnar Schwab ziemlich ernüchtert. Seit Anfang des Jahres konnten 80 Flüchtlinge in Arbeit integriert werden. „Ein Tick mehr als 2016“, sagt Schwab, doch weniger als erhofft und erwartet.

"Man braucht einen langen Atem"

Die Migration könne zumindest kurzfristig dem Fachkräftemangel nicht abhelfen, wie so mancher in der Anfangseuphorie der Flüchtlingswelle gehofft hatte. „Man braucht einen langen Atem“, sagt Schwab. Dreh- und Angelpunkt einer Integration in den Arbeitsmarkt sei die Sprachförderung. Ohne gute Sprachkenntnisse fehlten die Grundlagen für eine Ausbildung.

"Wir müssen den Menschen Zeit geben"

Aber auch an den mathematischen Kenntnissen hapere es bei vielen Flüchtlingen, sieht Schwab in diesem Bereich oft einen Nachholbedarf. „Wir müssen den Menschen Zeit geben“, sagt Schwab mit Blick auf den Fachkräftemangel. Die Unternehmen suchten hochqualifizierte Mitarbeiter. Schwab hat aber durchaus Verständnis für seine Kunden, die nicht den langen Weg einer Ausbildung einschlagen wollen, sondern sofort einen Arbeitsplatz suchen, um Geld zu verdienen. Sei es, um Angehörige in der Heimat zu unterstützen; sei es aber auch, um die Schulden abzubezahlen, die sie für ihre Flucht gemacht hatten. Der Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte – Helfertätigkeiten, Lager und Logistik oder im Reinigungsgewerbe oder in der Gastronomie – ist jedoch eng, wie die Probleme der Langzeitarbeitslosen immer wieder zeigen.

"Zweiter Arbeitsmarkt" sinnvoll

Wie sein Vorgänger Klaus Baumgardt hält auch Gunnar Schwab einen „zweiten Arbeitsmarkt“ für sinnvoll. Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt mangels Qualifikation oder auch aufgrund persönlicher Schwierigkeiten keine Chancen haben. „Den Bedarf gibt es definitiv“, sagt Schwab, „auch im Rems-Murr-Kreis.“

Die insgesamt gute Arbeitsmarktlage verstelle oft den Blick. Schwab kann sich in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt, zusammen mit der Agentur für Arbeit der Träger des Jobcenters, durchaus Beschäftigungsmöglichkeiten vorstellen, Menschen in einem geschützten Rahmen, aber doch marktnah zu beschäftigen. Also keine „Beschäftigungsmaßnahme“ um ihrer selbst willen. Derzeit bietet das Jobcenter rund 140 sogenannte „Ein-Euro-Jobs“ an.

Arbeitslosigkeit geht zurück

Im März ist die Arbeitslosenquote im Rems-Murr-Kreis gegenüber Februar um 0,2 Prozentpunkte auf 3,4 Prozent gesunken. Im März 2016 hatte die Quote noch bei 3,8 Prozent gelegen. Fast 8000 Menschen waren Ende März arbeitslos gemeldet. Davon werden rund 4400 Männer und Frauen vom Jobcenter betreut und erhielten Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV).

Im Arbeitsmarktbericht hieß es, dass verstärkt auch Arbeitslose über 50 und Langzeitarbeitslose von der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt profitierten. Gunnar Schwab, Geschäftsführer des Jobcenters Rems-Murr, sieht jedoch für seine Klientel der Langzeitarbeitslosen keine generelle Umkehr des Trends.

Die Arbeitslosigkeit sei trotz eines leichten Rückgangs stabil, wie ein Blick auf die Unterbeschäftigung zeige. In denen finden sich auch Erwerbslose wieder, die sich beruflich weiterbilden, sich in einer Eingliederungsmaßnahme befinden oder als Ältere aus der Statistik bereits herausgefallen sind.