Waiblingen

Sexting endet vor Gericht

Waiblingen im Amtsgericht 3
Die Kontrahenten hätten keine Gerichtsverhandlung gebraucht – aber bei schwerer Körperverletzung schreibt das Gesetz eine Strafe vor. Und die setzt das Amtsgericht fest. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Die Polizei in Hessen durchsucht das Handy einer Zwölfjährigen. Was sie darauf findet, führt sie auf die Spur eines jungen Mannes aus Kernen. Der musste sich nun wegen sexuellen Missbrauchs vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten.

Es tue ihm leid, er schäme sich dafür, sagt der Angeklagte in der Verhandlung. Der heute 20-Jährige muss sich wegen Chat-Nachrichten vor Gericht verantworten, die er vor zwei Jahren an eine Zwölfjährige geschickt hat. Er ist ohne Verteidiger erschienen, sitzt alleine auf der Anklagebank.

„Dann können wir Skype-Sex haben“

In der Unterhaltung über den Nachrichtendienst Whatsapp soll es in erster Linie um verschiedene Sexualpraktiken gegangen sein – einvernehmlich, wie der junge Mann beteuert. Unter anderem soll der damals 18-Jährige die Zwölfjährige gefragt haben, ob sie „schon mal geblasen“ habe – in der Liste der Beispiele, die Richterin Bayer vorliest, noch eine der harmloseren Chat-Nachrichten.

Später soll der Kernener dem Mädchen vorgeschlagen haben, sich das Videotelefonieprogramm Skype herunterzuladen: „Dann können wir Skype-Sex haben.“ Auf seine Aufforderung hin habe die Minderjährige dem jungen Mann zudem ein Bild ihrer gespreizten Beine und entblößten Geschlechtsteile geschickt.

Der Angeklagte habe das Alter überlesen

„Ich habe eigentlich immer nach dem Alter gefragt und unter 17 Jahren einen Schlussstrich gezogen“, sagt der Angeklagte, der offenbar noch weitere solcher „Sextings“ mit verschiedenen anderen Gesprächspartnerinnen unterhalten hat. In diesem speziellen Fall habe er das Alter des Mädchens wohl im Chat überlesen.

Was er sich von der Sache erhofft habe, wisse er selbst nicht so genau. Auf ein Treffen mit der in Hessen lebenden Zwölfjährigen sei er jedenfalls nie aus gewesen, beteuert der Kernener, der wegen schwieriger Familienverhältnisse mit 17 Jahren von zu Hause ausgezogen ist. Auch an das Bild erinnere er sich nicht. Irgendwann habe der Kontakt dann aufgehört.

Ein Zufall brachte die Beamten auf die Spur

Dass die hiesige Polizei überhaupt auf die Spur des Angeklagten kam, ist einem Zufall geschuldet: In einem anderen Verfahren gegen besagte Zwölfjährige hatte die Polizei in Mittelhessen deren Handy ausgewertet. Dabei waren die Beamten auf den Chatverlauf inklusive des Nacktbildes gestoßen.

Auf dem Handy wurden weitere Nacktbilder gefunden, jedoch nicht festgestellt, ob, und an wen sie versendet worden waren. Ein als Zeuge geladener Polizeibeamter bestätigt die Aussage des jungen Kerneners: Der Chat sei einvernehmlich gewesen, es habe keinerlei Anzeichen für eine Erpressung oder Ähnliches gegeben. „Nur das Alter ist eben ein Problem“, so der Polizist.

Zweiter Anklagepunkt: Betrug

Angeklagt war der junge Mann auch wegen eines zweiten Punktes: wegen Betruges. Er soll versucht haben, die Agentur für Arbeit um rund 530 Euro zu prellen. Einkünfte aus einer zweimonatigen Nebentätigkeit in Höhe von etwa 2040 Euro brutto monatlich soll er dem Jobcenter nicht gemeldet und so unberechtigterweise Arbeitslosengeld II bezogen haben.

Das begründet der Kernener damit, dass er den ihm ausgehändigten Merkzettel „nicht hundertprozentig durchgelesen“ und somit nicht gewusst habe, dass er auch kurzfristige Nebentätigkeiten melden müsse. Den ersten Rückzahlungsbescheid habe er noch für einen Fehler gehalten, sich aber nach dem zweiten sofort mit der Agentur für Arbeit in Verbindung gesetzt und das Geld zurückerstattet.

Hinweise auf pädophile Neigungen seien nicht festgestellt worden

Zumindest die Staatsanwältin nahm ihm seine Argumentation ab und beantragte in diesem Anklagepunkt einen Freispruch. Für den Punkt des sexuellen Missbrauchs forderte sie sechs Beratungsstunden bei der Beratungsstelle für sexualisierte Gewalt sowie 30 Arbeitsstunden.

Die Jugendgerichtshilfe hatte zuvor großes Verständnis für den Angeklagten geäußert. Seine familiäre Situation sei nach wie vor prekär und er habe sich im Gespräch sehr freundlich gezeigt. Zudem habe er bereits im Vorfeld der Verhandlung ein Gespräch mit der Beratungsstelle geführt. Hinweise auf pädophile Neigungen seien dort nicht festgestellt worden.

Schuldig in beiden Anklagepunkten

Am Ende entsprach die Richterin insgesamt dem geforderten Strafmaß. Abweichend vom Antrag der Staatsanwaltschaft befand sie den jungen Mann allerdings auch des Betruges für schuldig. „Bei 2000 Euro brutto im Monat muss jedem klar sein, dass man das melden muss“, begründete Richterin Bayer ihr Urteil.

Wichtig sei ihr zudem, hier ein Signal zu setzen: Obwohl nur eine Nachricht von Gesetzes wegen strafbar sei – nämlich die, in der der Angeklagte seine Chat-Partnerin aufforderte, ihm ein Nacktbild von sich zu schicken –, solle dem jungen Mann nochmals vor Augen gehalten werden, dass und weshalb Kinder vor solcherlei Unterhaltungen geschützt werden müssten. Die Beratungsgespräche bezeichnete sie daher als sehr sinnvoll.

Was ist Sexting überhaupt?

  • Miley Cyrus, Kim Kardashian oder Jennifer Lawrence tun es – sie verschicken online Nacktbilder von sich. Manchmal landen diese Bilder jedoch in den falschen Händen und in der Folge für alle sichtbar im Internet.
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  • Das Wort Sexting setzt sich zusammen aus „Sex“ und „Texting“.