Waiblingen

Sie machen Menschen mit Handicap mobil

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Per Hebebühne hievt Werner Bartel (rechts) einen Fahrgast mit Rollstuhl in den Bus. © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Tagtäglich bringt der Fahrdienst des Roten Kreuzes behinderte Kinder in die Schule und Erwachsene in die Werkstätten. Minijobber transportieren Rollstuhlfahrer zum Arzt, ins Krankenhaus oder einfach zum Ausflug in die Wilhelma. Eine tägliche, in der Öffentlichkeit kaum beachtete logistische Meisterleistung.

Kreisweit sind 150 Fahrer für den Sozialdienst des Roten Kreuzes unterwegs, allein in Waiblingen sind es 35. Einer von ihnen: Werner Bartel aus Hohenacker. Mit spürbarer Begeisterung fährt der 69-Jährige seit acht Jahren behinderte Kinder in die Schule und Kranke zum Arzt. Als der international tätige Außendienstler, der während seines Berufslebens immer auf Achse war, seinen Ruhestand antrat, suchte er schon bald eine sinnvolle Aufgabe, denn: „Irgendwann ist jede Platte gekärchert und die Hecken sind akkurat geschnitten.“ Beim Fahrdienst fand er das passende Betätigungsfeld.

Ungeschulte Fahrer wären schnell überfordert

Einfach ist es nicht immer: Fahrgäste ohne Einschränkungen befördert das Rote Kreuz nicht. „Wir wollen keine Konkurrenz zu Taxi-Unternehmen sein“, betont der stellvertretende DRK-Kreisgeschäftsführer Utz Bergmann. Der Sozialverband nimmt sich nur der Kunden an, die in einem Taxi nicht klarkommen. 90 Prozent der Fahrgäste können nicht selbstständig einsteigen. Viele haben starke geistige Behinderungen, so dass ein ungeschulter Fahrer schnell überfordert wäre. Manche Fahrgäste kratzen, beißen oder schlagen, andere leiden unter Autismus oder es sind anfallgefährdete Epileptiker. Damit müssen die Fahrer umgehen können.

„Uns Fahrern sind die Schulungen wichtig“, sagt Werner Bartel für seine Kollegen. Er selbst hat schon mehrere genossen. Thema ist, neben Training für defensives Fahren und technischen Kenntnissen zum Rollstuhlfahrer-Transport, auch das Wissen über die Behinderungen.

„Wir müssen pünktlicher sein als die Bahn“

Lange Jahre erledigten Zivildienstleistende diese Arbeit. Mit ihren Ruheständlern sind Utz Bergmann und Fahrdienstleiterin Gabriele Lesko indes vollauf zufrieden: „Sie haben Lebenserfahrung und pflegen einen umsichtigen Fahrstil.“ Beschäftigt sind sie meist auf geringfügiger Basis. Werner Bartel kommt auf rund 60 Stunden im Monat. Aus seiner Sicht bringt das reife Lebensalter einen weiteren Vorteil mit sich: Disziplin – vor allem die Zeit betreffend. „Wir müssen pünktlicher sein als die Bahn“, lautet seine Devise.

Verkehrsverhältnisse und Wünsche von Eltern wie Wunsch-Nebensitzer oder günstigere Fahrtrouten fürs eigene Kind lassen sich nicht immer reibungslos in Einklang bringen. Werner Bartel löst solche Fälle mit „diplomatischem Geschick und schwäbischem Charme“. Fahrdienst bedeutet für ihn mehr als Transport von A nach B – das DRK spricht von „sozialem Fahren“. Dabei menschelt es unentwegt.

Zu Pop-Konzerten und VfB-Spielen

Manchmal werden ganze Ausflugsgruppen von Altenheim-Bewohnern befördert. Einmal versammelten sich im Transporter 600 Lebensjahre. Um Behinderten die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, werden sie auf Wunsch zu Pop-Konzerten oder zum VfB-Spiel gefahren. Wer das nötige Kleingeld hat, lässt sich auch in den Urlaub fahren. Die weiteste Fahrt des Dienstes führte nach Usedom.

Für die Schülerfahrten macht der Landkreis regelmäßig europaweite Ausschreibungen. Das bedeutet Kostendruck durch billigere Konkurrenz: „Wir haben immer größere Probleme, die Ausschreibungen zu gewinnen“, klagt Utz Bergmann. Wenn das Rote Kreuz in der nächsten Runde doch wieder zum Zug kommt, reagieren die Eltern erleichtert, berichtet Fahrer Werner Bartel. Der stellvertretende Geschäftsführer appelliert daher an den Landkreis, bei der Ausschreibung dem Qualitätsaspekt mehr Gewicht zu geben.


Zahlen & Fakten

Im Jahr 2017 erledigte der Fahrdienst des DRK Rems-Murr 3735 Einzelfahrten, also Fahrten zu Ärzten, zum Einkaufen oder zu Ausflügen. In Waiblingen waren es 1662 Einzelfahrten.

Kreisweit transportierte der Fahrdienst täglich 465 behinderte Kinder und Erwachsene in die Schulen und die Werkstätten. In Waiblingen 118.

Das DRK Rems-Murr verfügt über 115 Fahrzeuge. Darunter sind 23 Spezialfahrzeuge für den Transport von Rollstuhl-Fahrern. Ein solches Fahrzeug kostet rund 50 000 Euro, wovon 12 000 auf den Umbau entfallen.

In bestimmten Fällen werden die Kosten für eine begrenzte Anzahl von Fahrten von den Kassen übernommen. Ansonsten wird kilometergenau abgerechnet. Fahrer werden immer gesucht.