Waiblingen

Silvesterraketen lösen Schlägerei in Hohenacker aus

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Eine Auseinandersetzung um schlecht ausgerichtete Silvesterraketen hat für blaue Augen, blutige Risse und Platzwunden gesorgt. © Pixabay.com / meineresterampe

Waiblingen. Wegen gefährlicher Körperverletzung ist ein 22-jähriger Serbe in Waiblingen vor Gericht gestanden. Vor etwas mehr als einem Jahr war er an einer Silvesterschlägerei in Hohenacker beteiligt. Verurteilt wurde er jedoch nicht: Der Richter ordnete weitere Ermittlungen an. Eine Zeugenaussage hatte nahegelegt, dass sich der Mann mehr zuschulden kommen lassen hatte, als ihm die Anklageschrift anlastete.

Raketen lösten am Silvesterabend 2017 eine Rangelei aus: Der Cousin des Angeklagten, wohnhaft in Hohenacker und Gastgeber einer Silvesterfeier, schoss sie vor seinem Wohnhaus in die Höhe. Und zwar von einem Gully aus in eine hohe Tanne. Eine Partygesellschaft vom Haus nebenan sah die gefährliche Zielrichtung. Als ihre Warnrufe ungehört verhallten, rannten die Gastgeberin und ihr mittlerweile 23-jähriger Freund hinüber. Letzterer schubste den über dem Gully kauernden, beschwipsten Raketenschützen um – und kassierte einen Faustschlag von dessen Vetter, dem Angeklagten. Am folgenden Handgemenge sollen der Angeklagte, sein Cousin und der Freund der Nachbarin beteiligt gewesen sein. Zwei Gäste der Nachbarin griffen als Schlichter ein. Der Angeklagte will sich dabei nur an einen einzigen Faustschlag erinnern – dann habe er seinen Cousin ins Haus gebracht und dieses nicht mehr verlassen. Die Anklageschrift indes wirft ihm weit mehr Beteiligung vor: Dem 23-Jährigen soll er eine blutige Nase und Prellungen im Gesicht verpasst haben, einem der Schlichter, mittlerweile 30 Jahre alt, eine blutige Lippe.

Ein Partygast trägt üble Verletzungen davon

Was jedoch nicht in der Anklageschrift auftauchte, waren die Verletzungen des zweiten Schlichters (mittlerweile 27). Der Angeklagte habe kurz nach der Rangelei mit seinem Cousin und einem Dritten auf ihn eingeschlagen, sagte der 30-Jährige. Und zwar mit harten Gegenständen – einem Axtstiel vielleicht, einer Latte, einem Baseballschläger gar? So sehr jedenfalls, dass sein Freund ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Mit der klaren Zuordnung dieser Tat zum Angeklagten sorgte der Zeuge für Verwunderung – bei der Staatsanwältin, dem Richter und dem Verteidiger, der gestand, in der Akte nicht so weit nach hinten geblättert zu haben. Hätte er es getan, hätte er dort Fotos von einer stark blutenden Platzwunde am Hinterkopf des 27-Jährigen gefunden, Aufnahmen von einem Riss am rechten Ohr und blauen Flecken an Rücken und Schulter.

27-Jähriger will für Ruhe sorgen und wird verprügelt

Zu diesen Verletzungen ist es nach Angaben des 27-Jährigen gekommen, als sich der Streit bereits beruhigt zu haben schien. Beide Partygesellschaften hätten sich zum Abkühlen in die Häuser zurückgezogen; er sei noch im Garten geblieben. Wenige Minuten später seien einige Männer wieder aus dem Nachbargebäude gekommen. Er sei auf sie zugegangen, um sie zur Ruhe zu ermahnen – und ohne viel Federlesens von ihnen verprügelt worden. An viel erinnere er sich nicht. Doch er beschrieb das Gefühl harter Gegenstände auf Kopf und Rücken und den Eindruck, umzingelt zu sein. Jemand habe ihn weggezogen, „ich stand plötzlich wieder draußen“. „Mir gingen dann auch relativ schnell die Lichter aus.“ Eine kleine Narbe am Ohr hat er davongetragen.

Geklärt werden muss, ob eine zusätzliche Anklage nötig ist

Die Fragen, die sich Richter, Staatsanwältin und Verteidiger nun stellen mussten: Umfasst die bestehende Anklage die Tat mit, weil es sich um dieselbe Konfliktsituation handelt? Sprich: Kann sie sofort mitverhandelt werden? Oder muss eine zusätzliche Anklage erhoben werden? Das wäre nötig, wenn die Schlägerei bereits beendet war und die Truppe um den Angeklagten einen neuen Tatentschluss fasste – nämlich den, Waffen zu holen und erneut loszulegen.

Nachtragsanklage: Zeugenhinweis und Tatworwurf werden geprüft

Die Staatsanwältin argumentierte für Letzteres – zumal der dritte Geschädigte und seine Verletzungen nicht einmal in der Anklageschrift auftauchen. Sie erwog eine Nachtragsanklage. Das bedeutet, dass die Staatsanwaltschaft den Zeugenhinweis und den Tatvorwurf prüft. Wenn sich der Verdacht erhärtet, dass der Angeklagte auch den 27-Jährigen geschädigt hat, erhebt sie eine zusätzliche Anklage. Diese könnte auf gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung lauten und beim nächsten Termin des Verfahrens mitverhandelt werden.

Richter und Staatsanwältin: "So was haben wir noch nie erlebt"

„Das muss noch weiter ermittelt werden“, fand Richter Blattner. Die Aussagen an diesem Tag begründeten „deutlich einen Verdacht“. Sowohl Richter als auch Staatsanwältin gaben aber zu, dass das Fehlen dieses Tatvorwurfs in der Anklageschrift sie in eine Ausnahmesituation bringe: „So was haben wir noch nie erlebt“, sagte Blattner ebenso wie die Staatsanwältin.


Neue Hinweise

Wie kann das sein, fragt sich der geneigte Zuhörer im Publikum: Eine derart gravierende Anschuldigung findet sich nicht in der Anklageschrift?

Die Erklärung ist jedoch denkbar simpel, erläutert Erster Staatsanwalt Heiner Römhild, der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Wenn zwar klar ist, dass sich eine Tat ereignet hat – beispielsweise hier ein Körperverletzung –, aber nicht eindeutig belegt werden kann, wer genau sie begangen hat, dann kann auch niemand dafür angeklagt werden. Die Tat darf nicht einfach einem der mutmaßlich Beteiligten zur Last gelegt werden. Sprich: Ohne „hinreichenden Tatverdacht“ darf die Staatsanwaltschaft keine Anklage erheben.

Wenn vor Gericht neue Hinweise auftauchen – zum Beispiel eine eindeutigere Zeugenaussage –, können sie einen vorläufig ad acta gelegten Anfangsverdacht erhärten. Richter können dann entweder direkt in der Verhandlung ein härteres Strafmaß für ein strengeres Delikt ansetzen (zum Beispiel für „gefährliche Körperverletzung“ statt „Körperverletzung“). Oder sie können darauf plädieren, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Das geschieht im vorliegenden Fall.