Waiblingen

Sinfonietta Waiblingen: Konzert-Ausklang mit sanfter Versöhnlichkeit

SinfoniettaKonzert
Gemeinsames Konzert der Sinfonietta Waiblingen mit dem Augsburger Vokalensemble am Samstag, 19. November 2022, in der Michaelskirche. © ZVW/Gaby Schneider

Das „deutsche Requiem“ von Johannes Brahms (1833 bis 1897) unterscheidet sich mit einer wesentlichen Akzentverschiebung vom herkömmlichen Inhalt dieser Musikgattung. Es ist bei ihm, dem Hamburger Protestanten und musikalischen Wunderkind, weniger als Totenklage, sondern zum Trost für die Lebenden gemeint, zum Trost also derer, wie es im Gesangstext heißt, „die da Leid tragen“. Zu hören war das Requiem am Samstag, 19. November 2022, in der Michaelskirche in Waiblingen, beim Auftritt der Sinfonietta. Ein weiteres Konzert findet an diesem Sonntag, 20. November, von 17 Uhr an statt.

Ein gleich zu Beginn in Bann ziehendes Geborgenheitswogen des Chors

Wer könnte diesen Trost, zumal in eher düsteren Zeiten wie diesen, passend zudem zum novemberkühlen Totensonntag, nicht gebrauchen? Und so hebt denn die 1869 erstmals vollständig aufgeführte Komposition mit einem sehr warmen, geradezu umarmenden Intro des Orchesters an, zu dem sich wie schmeichelnd, schwebend der Chor einschwingt, mit einem pulsierend bewegten An- und Abschwellen. Ein gleich zu Anfang in Bann ziehendes Geborgenheitswogen der Sängerinnen und Sänger des fein und doch spannungsvoll austarierten Augsburger Vokalensembles unter der Leitung von Alfons Brandl, das am Samstagabend zusammen mit der Sinfonietta Waiblingen in der Michaelskirche auftrat.

Aufgewühlter Vergänglichkeitstaumel über unsere kurze Frist hienieden

Trost den Lebenden, der ist aber vielleicht nicht ohne Eingedenken der eigenen Vergänglichkeit zu haben. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“, singt – in b-Moll – der Chor aus dem ersten Brief des Petrus zitierend. Das instrumentiert der in Hamburg geborene Johannes Brahms mit dramatischem Donner durchaus als einen aufgewühlten Vergänglichkeitstaumel, der angesichts unserer kurzen Frist hienieden schwindeln macht. Das wird verstärkt im dritten Stück mit der Bitte des Baritons (mit großer Innigkeit Jakob Kreß) und Chors, „Herr lehre mich, dass es ein Ende mit mir haben muss.“ Chor, Orchester und Sänger in gesteigerter Beunruhigung auf der Suche nach dem Trost im Leben, der ihnen dann am Ende des ersten Teils des Requiems mit dem Versprechen gegeben wird: „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand.“

Psalm 84: „Wie lieblich sind deine Wohnungen“

Danach dann die aufatmend pulsierende Feier des (wirklich nur jenseitigen?) Lebens mit dem Psalm 84: „Wie lieblich sind deine Wohnungen.“ Stellvertretend dann für das Leidenspathos von uns allen, das zitternde, hoch aufklingende Solo der Sopranistin Christa Maria Hell mit der stockend buchstabierten Feststellung „Ihr habt nun Trau-rig-keit“.

Zu mitreißend klangvoller Wucht steigert sich das musikalische Heilsversprechen dann im sechsten Satz mit einem furiosen Bariton, der, beide Mal in c-Moll erklärt, „denn wir haben hier keine bleibende Statt“ und dann das (erlösende?) Jüngste Gericht mit „denn es wird die Posaune schallen“ ankündigt. Fortissimo in Chor und Orchester. Großartig zusammengehalten von der eindringlich unaufdringlich dirigierenden Margret Urbig.

Braucht es auf dem Weg zum Heil immer ein lautes Untergangspathos?

Nichtgläubige dürften hier natürlich verstimmt sein. Nicht über das wunderbare Konzert, sondern über Brahms. Braucht’s auf dem Weg zum Heil immer so ein lautes Untergangsgetöse? Nun, feierlich der Schluss, in F-Dur. „Selig sind die Toten“, tröstet der Chor dann die Lebenden ausgerechnet mit der Vergänglichkeit, dem Jenseits, diese Aussicht aber in sanfter Versöhnlichkeit ausklingen lassend. Herzlicher, dankbarer und langer Beifall ertönte daraufhin für alle beteiligten Musikerinnen und Musiker in der Michaelskirche.

Das „deutsche Requiem“ von Johannes Brahms (1833 bis 1897) unterscheidet sich mit einer wesentlichen Akzentverschiebung vom herkömmlichen Inhalt dieser Musikgattung. Es ist bei ihm, dem Hamburger Protestanten und musikalischen Wunderkind, weniger als Totenklage, sondern zum Trost für die Lebenden gemeint, zum Trost also derer, wie es im Gesangstext heißt, „die da Leid tragen“. Zu hören war das Requiem am Samstag, 19. November 2022, in der Michaelskirche in Waiblingen, beim Auftritt der

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper