Waiblingen

Sorgen kurz vergessen: Ukrainerinnen lernen Deutsch in Waiblingen und Fellbach

Deutschkurs
Im CVJM-Haus in Fellbach unterrichtet Gisela Bauer 15 Ukrainerinnen und einen Ukrainer in Deutsch. © Benjamin Büttner

Eine bunt gemischte Gruppe zeigt sich im Unterrichtsraum im CVJM-Haus in Fellbach. Hier bringt Gisela Bauer 16 ukrainischen Flüchtlingen Deutsch bei. Die Altersspanne ist breit: Die älteste Teilnehmerin ist 75 Jahre alt, die jüngste 18. Ähnlich ist das in Waiblingen, wo 19 Frauen und Männer unterrichtet werden. Mit dem Sprachkursangebot wollen die VHS Unteres Remstal und die Kreissparkasse Waiblingen die Integration auf schnellstem Weg unterstützen.

Liudmila Ivanova ist 62 Jahre alt und „froh“, dass sie nun „grammatisches Deutsch“ lernt. Sie ist als Pflegerin im Oktober nach Deutschland gekommen und eignet sich das Nötigste bei der Arbeit an. Seit Kriegsausbruch ist sie nicht mehr allein mit der von ihr betreuten Dame. Ihre Schwiegertöchter, die 36-jährige Olesia, die in der Ukraine im Bankwesen gearbeitet hat, und die 34-jährige Svitlana, gelernte Buchhalterin, seien am 8. März nach Fellbach zur Schwiegermama gekommen. Dank der Großzügigkeit der von ihr betreuten Seniorin können die drei Frauen gemeinsam unter einem Dach leben.

Auch im Sprachkurs haben sie zu dritt Platz gefunden. Es ist der dritte Kurstag und die ersten Sätze sitzen schon. „Ich bin Olesia, ich komme aus Dnipropetrowsk“, stellt sie sich vor. „Mein Name ist Svitlana“, wählt die Schwägerin eine alternative Formulierung. Anhand von Alltagssätzen versucht Gisela Bauer, den Teilnehmern – ein Mann ist unter ihnen – die Sprache nahe zu bringen. Sie wird unterstützt von einer ehrenamtlichen Muttersprachlerin: Iryna Leopold.

Smartphone hilft bei Verständigungsproblemen

In Waiblingen unterrichtet die russischsprachige Dr. Natalia Schwarzhorn, die auch Ukrainisch kann. Bei Gisela Bauer findet der Unterricht in Deutsch statt. So könne vermieden werden, dass bei Verständigungsproblemen zu viel auf die Muttersprache ausgewichen wird. „Wir verstehen einander schon sehr gut“, sagt sie und hält ihr Smartphone hoch. „Wenn es mal holpert, hilft mir die Wunder-App“, spielt sie auf eine digitale Dolmetscher-Hilfe an.

Ziel: Übergang in einen offiziellen Integrationskurs

Einige bringen bei Kursbeginn Vorkenntnisse mit, andere konnten bis vor einer Woche kein Wort. Was sie eint: Alle können die Schriftzeichen. Und die Motivation sei bei allen hoch. Viele hätten sich schon vor dem Kurs nach dem Titel des Lehrbuchs erkundigt, um am ersten Tag vollständig ausgerüstet zu erscheinen oder um vorlernen zu können, so Ralf Sonntag, Fachbereichsleiter Deutsch und Integration an der Volkshochschule. Um Lehrmaterialien müssten sie sich aber gar nicht kümmern, alles werde von der VHS gestellt, inklusive Schreibmaterial.

Die Kosten für beide Kurse in Höhe von 12.000 Euro übernimmt zu 100 Prozent die vor rund eineinhalb Jahren eigens gegründete Abteilung für ehrenamtliches Engagement der Kreissparkasse. „Uns war eine Förderung, die auf schnellem Wege an der Basis ankommt, wichtig“, sagt Karlheinz Weckerle, Filialdirektor Privatkunden, zuständig für den Marktbereich Fellbach-Weinstadt.

Ein Kurstag umfasst drei Unterrichtsstunden zu je 45 Minuten, mittwochs fünf Stunden, weil nach dem regulären Sprachunterricht ein Tutorium angeboten wird, zur Vertiefung, und das zweimal pro Woche. Reicht das aus, um im Berufsleben Fuß zu fassen? „Unser Angebot ist es, am Ende des Kurses den Einstufungstest gemäß dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu machen, weil viele schon signalisiert haben, dass sie weiterlernen möchten“, so Sonntag. Die jetzigen Kurse werden nicht auf die Integrationskurse angerechnet. Somit behalten die Teilnehmenden die kompletten 700 Stunden des Integrationskurses. Sonntag schätzt, dass bei einigen die Sprachkenntnisse ausreichen könnten, um das erste Modul des allgemeinen Integrationskurses zu überspringen. „Die Kurse kürzen die Gesamtdauer ab, ersetzen den Integrationskurs aber nicht.“

Wenige Wochen Vorlaufzeit

Die VHS habe die Kurse als Reaktion auf die schnell wachsende Zahl ukrainischer Flüchtlinge innerhalb weniger Wochen auf den Weg gebracht, sagt Leiterin Stefanie Köhler. Sie in die allgemeinen Integrationskurse aufzunehmen hätte vermutlich zu lange gedauert. Allein bis der Antrag vorliege, vergingen Wochen, angesichts der wachsenden Zahl an Flüchtlingen könne es sich sogar bis zu drei Monate hinziehen, so Köhler. „Die Zeit wollen wir sinnvoll nutzen und den hochmotivierten Flüchtlingen die Möglichkeit bieten.“

Bis Juli dauern die Kurse. Parallel werden die Anträge gestellt mit dem Ziel, dass die Teilnehmer dann nahtlos die Integrationskurse besuchen können.

Liudmila Ivanova: Dankbar für Angebot, das auch von Sorgen um Verwandte ablenkt

99 Unterrichtseinheiten liegen noch vor Liudmila Ivanova und ihren Schwiegertöchtern. Sie ist dankbar, „endlich richtig sprechen“ zu lernen, um hier „weiterarbeiten zu können“. Ihre Dankbarkeit begleitet die 62-jährige Pflegerin mit Händen und Füßen und einem herzlichen Lachen. Die ständige Sorge um ihre Männer und Verwandten in der Heimat könnten sie hier ein bisschen ausblenden. Die Sprache zu lernen sei wichtig, es gebe ihnen eine Struktur. „Danke, der Kurs ist sehr gut“, sagt Liudmilla.

Eine bunt gemischte Gruppe zeigt sich im Unterrichtsraum im CVJM-Haus in Fellbach. Hier bringt Gisela Bauer 16 ukrainischen Flüchtlingen Deutsch bei. Die Altersspanne ist breit: Die älteste Teilnehmerin ist 75 Jahre alt, die jüngste 18. Ähnlich ist das in Waiblingen, wo 19 Frauen und Männer unterrichtet werden. Mit dem Sprachkursangebot wollen die VHS Unteres Remstal und die Kreissparkasse Waiblingen die Integration auf schnellstem Weg unterstützen.

Liudmila Ivanova ist 62 Jahre alt

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