Waiblingen

Sprache geht durch den Magen

1/12
reise1_0
Tusamba Mayamba (Mitte) zeigt ihren MItköchinnen, wie Hühnchen auf Angolanisch gekocht wird. © Jamuna Siehler
2/12
2016-03-18_16_54_35-Malukba.pdf_-_Adobe_Reader_1
Makluba © Jamuna Siehler
3/12
_A8B7614_2
Teresa Santamaria ist die Leiterin des Sprachcafés. © Jamuna Siehler
4/12
_A8B7678_3
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler
5/12
_A8B7672_4
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler
6/12
_A8B7530_5
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler
7/12
_A8B7726_6
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler
8/12
_A8B7868_7
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler
9/12
_A8B7811_8
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler
10/12
_A8B7809_9
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler
11/12
_A8B7847_10
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler
12/12
_A8B7879_11
Kulinarische Reise. © Jamuna Siehler

Waiblingen. Die „Kulinarische Reise“ im Karo Familienzentrum ist kein normaler Kochkurs: Frauen aus aller Welt kochen hier gemeinsam und lernen so quasi ganz nebenbei Deutsch. Der aus dem Frauensprachcafé entstandene Kurs soll interkulturellen Austausch und Begegnung fördern.

Es ist laut in der Küche im dritten Obergeschoss des Karo Familienzentrums. Überall wird geschnippelt, geraspelt, geschält, gehackt, geredet und gelacht. In den Töpfen und Pfannen zischt und brutzelt es bereits. Der Duft von Zwiebeln, Knoblauch und exotischen Gewürzen liegt in der Luft. Um die vier Kochfelder drängen sich 19 Frauen aus aller Welt – und jede packt mit an.

An einem Herd steht Tusamba Mayamba aus Angola, um ihren Kopf hat sie ein orangerotes Tuch geschlungen. Die 43-Jährige rührt in einem großen Topf mit Hühnchen und Gemüse und gibt ihren Helferinnen in gebrochenem Deutsch Anweisungen. Einmal wöchentlich kommt sie ins Frauensprachcafé, um dort Deutsch zu lernen – heute ist sie die Expertin.

Wichtig für den Selbstwert

„Das ist auch die Idee hinter dem Kurs“, erklärt Eva Belzner von der Familienbildungsstätte Waiblingen (FBS). Die Frauen aus dem Sprachcafé sollen hier die Expertenrolle einnehmen und etwas von ihrer Kultur weitergeben. „Es ist wichtig für ihr Selbstwertgefühl, dass sie nicht das Gefühl haben, immer nur zu nehmen, sondern auch etwas zurückgeben können“, ist Belzner überzeugt. Entstanden sei die Idee, als die Frauen aus dem Sprachcafé vor Weihnachten gemeinsam Plätzchen gebacken hätten.

„Beim Kochen kommt man auch ganz einfach ins Gespräch“, ergänzt Teresa Santamaria. Sie ist die Leiterin des Sprachcafés und hat den Kochkurs mit organisiert. Die 60-Jährige weiß, was es heißt, ohne Sprachkenntnisse in Deutschland neu anzufangen – sie kam selbst vor 43 Jahren als Einwanderin nach Deutschland. „Wir hatten damals kaum Unterstützung“, erinnert sich Santamaria. Für sie ein Grund, es heute anders zu machen und anderen Frauen dabei zu helfen, in Deutschland Fuß zu fassen.

Die Rezepte für die Gerichte, die auf der „Kulinarischen Reise“ gekocht werden, haben die Frauen vorher aufgeschrieben – auf Deutsch, versteht sich. Das sei eine gute Übung, sagt Santamaria. In vielen Ländern sei es nämlich gar nicht üblich, Rezepte überhaupt aufzuschreiben – auch das sei ein Stück deutscher Kultur. „Auch die Zutaten haben die Frauen selbst eingekauft und mitgebracht.“ Für die Leiterin des Sprachcafés ein erster Schritt in Richtung Selbstständigkeit hier in Deutschland. Auch sie zeigt an diesem Abend ein Rezept aus ihrer Heimat: Spanische Kartoffeltortilla.

Gerichte aus aller Welt

Auch aus Griechenland kommt ein Gericht – gefüllte Auberginen mit Zitronenkartoffeln. Eine Vietnamesin wickelt Frühlingsrollen, zwei Rumäninnen machen Champignonauflauf mit Polenta und auch zwei Syrerinnen bereiten Speisen aus ihrer Heimat zu: einmal Huhn mit Joghurtsauce und einmal würzig angebratenes Hackfleisch mit Cashew-Nüssen, dazu gibt es Reis. Nebenbei erleben die Teilnehmerinnen ein Stück deutscher Kochkultur. Die älteste Teilnehmerin, die 80-jährige Margarete Weiss, zeigt den anderen Frauen, wie man echt schwäbische Maultaschen herstellt. Auch sie ist regelmäßig im Sprachcafé – um zu helfen. Nun müsse sie dort aber erst mal für drei Wochen aussetzen, erzählt sie. „Ich fahre nach Malawi, wegen eines Kindergartenprojektes.“

Das Konzept des Kurses scheint aufzugehen: Beim Kochen kommen die Teilnehmerinnen schnell ins Gespräch. Worte wie Küchenrolle, Glasschüssel und Pinsel werden gesucht – und gefunden. „Weil die Frauen hier unter sich sind, haben sie weniger Hemmungen, zu sprechen“, vermutet Teresa Santamaria. Das habe sie auch schon im Sprachcafé beobachtet. Eva Belzner von der FBS bestätigt: „Ganz gleich, auf welchem sprachlichen Niveau sie sich befinden, sie werden dort abgeholt, wo sie stehen.“ Auch Analphabetinnen könnten hier Deutsch lernen – im Sprachcafé genauso wie im Kochkurs.

Maultaschen – oder „Herrgottsbscheißerle“

Als die Frauen an der großen gedeckten Tafel Platz nehmen, wird es zunächst still. Alle sind mit ihrem Essen beschäftigt. Dann erklärt Margarete Weiss den ausländischen Frauen, wieso Maultaschen in Schwaben auch „Herrgottsbscheißerle“ genannt werden – „damit der liebe Gott in der Fastenzeit das Fleisch net sieht“ – und es wird wieder mit Händen, Füßen und in mehr oder weniger flüssigem Deutsch geredet. Am Ende scheinen alle zufrieden mit dem Verlauf der ersten „Kulinarischen Reise“: Telefonnummern werden ausgetauscht und die ersten Kaffeekränzchen verabredet.

In Zukunft soll der Kurs regelmäßig stattfinden, einen genauen Termin gibt es aber noch nicht.

Frauensprachcafé

Beim Frauensprachcafé treffen sich immer dienstags von 9.30 Uhr bis 11.30 Uhr Frauen aus aller Welt im Karo-Familienzentrum, Raum 2.21.

Weitere Informationen gibt es bei Teresa Santamaria, telefonisch unter 01 73/3 26 35 94 oder per E-Mail an teresa.waiblingen@yahoo.de.