Waiblingen

Stammzellenspende: Stettenerin rettet kleinen Jungen aus Chile

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Ein emotionaler Moment: Bei der Eröffnungsfeier der DKMS in Chile trifft Tatjana Tröger erstmals Juans Mutter Magdalena Herrera Prietoa. © Alexander Roth
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Juan-Pi und Tatjana: Ein kleiner Junge aus Chile und seine Lebensretterin. Im April haben die beiden sich kennengelernt.
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Tatjana Tröger zusammen mit Juans Familie.

Kernen-Stetten/Santiago de Chile. Zwei Piekser, ein Leben: Durch eine Stammzellenspende der Stettenerin Tatjana Tröger ist der mittlerweile fünfjährige Chilene Juan von Leukämie geheilt worden. Was ihre Spende für den Jungen und dessen Familie bedeutet, hat sie nun, fast vier Jahre später, hautnah erfahren.

Eine Überraschung war es – und was für eine: Zur feierlichen Eröffnung eines DKMS-Ablegers in Chile hat die Deutsche Knochenmarkspenderdatei die Familie des kleinen Juan geladen – und die Stettenerin Tatjana Tröger, die ihm vor vier Jahren mit ihrer Stammzellenspende das Leben gerettet hat. Ein bewegender Moment für beide Seiten war es, als Mutter und Spenderin auf der Bühne zusammentrafen.

„Sie hat mich in den Arm genommen und nur Danke gesagt“, berichtet die 26-jährige Kernenerin drei Wochen später, zurück auf dem Balkon ihrer Stettener Wohnung. Sie strahlt noch immer bei der bloßen Erinnerung an diesen Moment.

Juan: Fünf Jahre alt, aufgedreht – und vor allem gesund

Die Idee zum Überraschungsbesuch ist nicht auf ihrem Mist gewachsen. Zwar hatte sie im vergangenen Sommer schon per E-Mail und Chat Kontakt zu Juans Eltern aufgenommen und ins Auge gefasst, der vierköpfigen Familie im kommenden November einen Besuch abzustatten. Doch als die DKMS sie im Februar einlud, als Überraschungsgast der Eröffnungsfeier eine Aprilwoche in der Hauptstadt Santiago de Chile zu verbringen, sagte sie sofort zu.

Ihr Besuch hat Tatjana Tröger deutlich gezeigt, wie viel ihre Spende für die Familie bedeutet hat. Der einstige Blutkrebspatient Juan, von seiner Familie liebevoll Juan-Pi genannt, hat sich von einem kränklichen Zweijährigen zu einem energiegeladenen Vorschüler mit einem Faible für Fußball und Gummibärchen entwickelt. „Der macht schon manchmal ganz schön viel Blödsinn.“ Seine neunjährige Schwester Maria Eugenia hat alle Hände voll damit zu tun, ihn zu bändigen. „Sie ist schon die Vernünftigere. Aber er ist trotzdem ein süßer Kleiner“, sagt die Stettenerin.

Die Mutter bedankt sich immer wieder für das Wunder

Magdalena Herrera Prietoa, die 37-jährige Mutter mit ansteckendem Lachen und Engelsgeduld, bedankt sich immer wieder für das Wunder, ihren Sohn noch am Leben zu sehen. Mal im Internet in dankbaren Facebook-Posts, mal persönlich bei der jungen Spenderin. Für deren Überraschungsbesuch hat sie sich jeden Tag Zeit freigeräumt und Ausflüge in die Innenstadt, zu Restaurants oder zum Shoppen organisiert. Sie fungierte auch als Englisch-Dolmetscherin. Bei den vielen Scherzen ihres eigentlich so ruhigen Mannes, Juan Carreno Ulloa, sei sie jedoch an ihre Grenzen gekommen, erinnert sich Tröger mit einem verschmitzten Grinsen. Egal: Sie habe sich richtig in die Familie aufgenommen gefühlt. Das sei auch ihrem Vater so gegangen, der sie auf die Reise begleitet hatte.

Einen weiteren (angekündigten) Besuch wird es sicherlich geben. In der Zwischenzeit kommunzieren sie und Magdalena weiter übers Internet, tauschen Bilder von Familie, Urlaub oder Grillabenden aus.

Spende aus dem Venenblut: „Das ist gar nicht so schlimm“

Der Besuch und der vorangegangene Kontakt haben die abstrakte Spende für Tatjana Tröger endgültig real gemacht. Als sie sich 2014 Stammzellen entnehmen ließ, sei ihr alles sehr unwirklich vorgekommen. Eine Woche lang hatte sie ein Medikament genommen, das die Zahl der Stammzellen im Venenblut erhöht. Dann die unspektakuläre Prozedur: Drei, vier Stunden lang lag sie mit zwei anderen Spendern in einem Raum in Tübingen, an beiden Armen Zugänge zu den Venen.

Etwa 80 Prozent der Stammzellen werden laut DKMS auf diese Weise gespendet, nur zwanzig Prozent werden in einstündigen Prozeduren aus dem Knochenmark entnommen. „Das ist gar nicht so schlimm, wie man es sich immer vorstellt.“ Und es lohnt sich: „Als ich erfahren habe, für wen das eigentlich ist,“ – ein kleines Kind aus Chile hieß es damals, weil die Anonymität gewahrt werden musste – „da hab ich gedacht: Du machst auf jeden Fall das Richtige.“ Sie wirbt dafür, sich in eine Spenderdatei aufnehmen zu lassen. „Warum sollte ich nicht mitmachen, wenn ich damit jemandem helfen kann und gesund bin?“ Schließlich kann das ein Leben retten.


Glückstreffer: Passende Spender sind selten

Einen passenden Stammzellenspender zu finden ist gar nicht so leicht: Laut DKMS müssen die Gewebemerkmale fast hundertprozentig übereinstimmen. Trotz Spenderdateien finde jeder zehnte Patient in Deutschland keinen Spender.

Wer sich bei der DKMS registrieren lassen will, muss zwischen 17 und 55 Jahren alt sein. Spender ab 18 Jahren werden für den weltweiten Suchlauf berücksichtigt. Rücksprache ist erforderlich bei chronischen Erkrankungen und regelmäßiger Medikamenteneinnahme. Von der Spende ausgeschlossen sind unter anderem Krebs- oder HIV-Patienten, extrem übergewichtige Menschen oder solche, die an schwerem Diabetes leiden.

Frischgebackene Mütter können Stammzellen aus Blut in Nabelschnur und Plazenta spenden. Nach der Geburt wird dieses meist entsorgt, doch die DKMS Nabelschnurblutbank kann es konservieren.

Einen persönlichen Kontakt zwischen Spender und Empfänger vermittelt die DKMS erst nach zwei Jahren und nur auf beiderseitigen Wunsch hin. Anonyme Nachrichten sind schon vorher möglich. So sollen die Patienten in Ruhe genesen, die Spender im Falle einer zweiten Spende ohne Druck entscheiden können – und finanzielle Motive ausgeschlossen werden. Fürs Ausland gelten zum Teil abweichende Regelungen bis hin zur Kontaktsperre.

Infos gibt’s unter www.dkms.de.