Waiblingen

Statt sich die Hand zu geben, wird in die Kamera gewunken: Bezirkssynode findet in Waiblingen zum zweiten Mal digital statt

Evangelische Michaelskirche
Statt in den Räumen der Michaelskirche findet die Bezirkssynode online statt. © ALEXANDRA PALMIZI

Dass "Kirche Online" im evangelischen Kirchenbezirk Waiblingen sehr weit gediehen ist, zeigte die Selbstverständlichkeit, mit der die Bezirkssynode zum zweiten Mal dieses Jahr im digitalen Raum über die Bühne ging.

Jeder ist nur einen Klick entfernt vom Geschehen

Es beginnt pünktlich wie bei jeder Präsenz-Sitzung. Das große Gremium mit über 100 Synodalen findet im digitalen Raum zusammen, bespricht unter Leitung des Vorsitzenden Max Müller aktuelle Themen und Zukünftiges. Jeder ist nur einen Klick entfernt vom Geschehen, das die Regeln einer Sitzung befolgt, auch wenn das Setting ein anderes ist.

Wie es sich für die Veranstaltung gehört, ist die dreistündige Tagesordnung vor allem von Rück- und Ausblicken, einer Wahl und Haushaltsgesprächen geprägt.

Ohne Mundschutz und mit einem Lächeln

Statt sich die Hand zu geben, wird in die Kamera gewunken und gelacht, ohne Mundschutz. Immer mehr lächelnde Gesichter erscheinen - ein seltener und guttuender Anblick. Die Delegierten sehen sich in Nahaufnahme während einer Zeit der Fernbeziehungen, wo Distanz als Teil unseres Beziehungslebens sich tief ins Bewusstsein gegraben hat.

"Wir haben gelernt, dass Distanz ein Ausdruck von Nächstenliebe sein kann"

Sie folgen vom PC aus dem Bericht von Dekan Timmo Hertneck, der genau darüber spricht: „Nähe und Distanz gehören zusammen, das ist die Botschaft der Bezirkssynode.“ Corona lehre uns, beides „in einem heilsamen Maß“ zu verknüpfen. „Wir haben gelernt, dass Distanz ein Ausdruck von Nächstenliebe sein kann.“ Über seine Worte stellt er das Motto „Ganz nah bei den Leuten“ und fragt sich, wie Kirche, Kirchengemeinden, Einrichtungen und Pfarrdienste für Menschen relevant sein können. „Nicht die Kirche definiert, wer ihr Nächster ist, sondern unsere Öffentlichkeit gibt genug Zeichen.“

Viele kreative Ideen sind in den Kirchengemeinden während der Pandemie entstanden

In den Kirchengemeinden seien viele kreative Ideen entstanden. Er erinnert an Traktorgottesdienste und geistliche Impulse an Wäscheleinen, an denen ermutigende Worte zum Mitnehmen hingen, an Telefonate und schriftliche Grüße für Ältere, Kranke und Einsame.

„In den Einrichtungen und Krankenhäusern musste manche Möglichkeit bei der Begleitung von Sterbenden erkämpft werden.“ Pfarrer müssten sich fragen, wie sie ihre „verlorenen Schafe“ erreichen. Nur vier der zehn gesellschaftlichen und kirchlichen Milieus ließen sich vom Pfarrdienst ansprechen, so Hertneck. Das zeige, dass „wir immer über das Anvertraute hinausschauen und uns über Grenzen wagen sollten“.

Wer nur die Verschmelzung und die „Kuschelgemeinde“ anstrebe, riskiere die Auflösung des Ichs und werde sein Gegenüber ebenso wenig erreichen wie jener, der auf Distanz geht. Ein zum „Kuscheltier“ gemachter Gott habe nichts zu tun mit „unserem Gott, der in Distanz zu manchem Ereignis in unserem Leben und in unserer Zeit“ sei, bezieht sich Dekan Hertneck auf die politisch angespannte Lage weltweit, auf Kontaktverbote und steigende Infektionszahlen.

Schwierige Bedingungen für Pfleger und Schwestern

Christian Müller von der Diakoniestation schildert die schwierigen Bedingungen für Pfleger und Schwestern. Ganz plötzlich würden Mitarbeiter ausfallen, weil sie in Quarantäne geschickt werden oder weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen, die in die Isolation geschickt wurden. Die Diakoniestation sei stolz, dass bisher kein Klient infiziert wurde.

„Online ist ein wichtiges Werkzeug“

Ermutigende Zeichen geben der Online-Beauftragte Jonas Dietz und Tobias Hermann, seit Oktober Geschäftsführer des Jugendwerks. Kirche habe digitale Räume für alle Altersgruppen gefunden und bezogen: Über die Hälfte der Menschen über 70 Jahre sei regelmäßig im Internet unterwegs.

„Wenn wir nahe bei den Menschen sein wollen, ist "Online" ein wichtiges Werkzeug, um die Arbeit in den Gemeinden zu erweitern“, so Jonas Dietz, der als Ziel eine Stärkung und Vernetzung der Zusammenarbeit ausgibt. In Zeiten, in denen alles abgesagt wird, seien sich Jugendliche in den Sommerferien bei Freizeiten begegnet, berichtet Tobias Hermann; auch für das kommende Jahr seien Freizeiten geplant. „Es wurde eine Sehnsucht nach persönlichen Gesprächen und Begegnungen deutlich.“

Der neue Heilbronner Prälat Ralf Albrecht, der im September als neuer Regionalbischof eingesetzt wurde, ist nach eigenen Worten auf „Kennenlerntour de Prälatur“, um „mehr wahrzunehmen und kennenzulernen“. Die geistliche Gemeinschaft sei „in schwierigen Zeiten“ unterwegs, Veränderungen seien nicht ohne „schmerzliche Verlustprozesse“ denkbar. Das Loslassen benötige auch „in den Gemeinden seinen Raum“, und dies auf eine von Gott gerahmte Art und Weise: „Er spricht, er weiß den Weg, und wird ihn auch garantieren.“

Dass "Kirche Online" im evangelischen Kirchenbezirk Waiblingen sehr weit gediehen ist, zeigte die Selbstverständlichkeit, mit der die Bezirkssynode zum zweiten Mal dieses Jahr im digitalen Raum über die Bühne ging.

Jeder ist nur einen Klick entfernt vom Geschehen

Es beginnt pünktlich wie bei jeder Präsenz-Sitzung. Das große Gremium mit über 100 Synodalen findet im digitalen Raum zusammen, bespricht unter Leitung des Vorsitzenden Max Müller aktuelle Themen und Zukünftiges.

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