Waiblingen

Staufer-Kastell schließt nach 37 Jahren

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Das Staufer-Kastell schließt: Charly und Brigitte Herrmann empfingen in ihrem Restaurant rund 50 feste Gruppen wie Jahrgänge und Vereine. © Alexander Roth

Waiblingen. Auf der Korber Höhe fließen die Tränen. Zum Jahreswechsel sind Charly und Brigitte Herrmann, die Pächter des Restaurants Staufer-Kastell, in den Ruhestand gegangen. Wieder hat die Stadt ein gutbürgerliches Lokal weniger – und viele Gäste werden die beliebte Riesling-Torte oder die selbst gemachten Maultaschen vermissen.

Immer wieder bleiben Passanten vor den Fenstern im Mikrozentrum Korber Höhe stehen. Über und über sind sie mit Fotos von Gästen beklebt, die in den zurückliegenden Wochen noch einmal im Staufer-Kastell zum Essen waren und sich vom Wirtspaar verabschiedeten.

Jahrgänge, Vereine, Stammtische, Eigentümergemeinschaften, Ehemaligen-Treffs – etwa 50 feste Gruppen hatten regelmäßig Plätze in dieser gastronomischen Institution reserviert. Da spielt Alt-Bürgermeister Hans Wössner Karten mit Fifa-Schiedsrichter Heinz Aldinger und Fagottbauer Bernd Moosmann. Da lachen Damenkränzchen wie „Charlys Tanten“ und Herrenrunden wie die „Sieben Schwaben“ in die Kamera. Zum Senioren-Treffen der Stadtverwaltung gesellen sich Fachwerk-Papst Kurt-Christian Ehinger, Hauptamtsleiter Harald Czabon, Baubürgermeister Klaus Denk und der vielgeliebte OB Ulrich Gauss. Krankenhaus-Mitarbeiter, VfL-Handballer und -Fußballer, der Motorsportclub, Briefmarkensammler, die Tischtennis-Gruppe der Post und die Bürgeraktion Korber Höhe – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Die Einrichtung stammt noch von 1980

Das Staufer-Kastell hat Kultstatus. Die Einrichtung mit den dunklen Leuchtern und der dicken Jute-Tapete stammt noch original von 1980 – und gewissermaßen trifft das auch auf Küchenchef Charly Herrmann zu. Erst führte er das Restaurant in Diensten der Familie Göltenbodt als Filiale des einst in der Querspange ansässigen Cafées Waldhorn, dann gemeinsam mit seiner Brigitte in Eigenregie. Durch das „Waldhorn“, wo sie als Verkäuferin und an der Hotelrezeption arbeitete, lernten sie sich kennen und sind seit 30 Jahren glücklich verheiratet. Schon länger hatten sie sich als Ziel gesetzt, aufzuhören, wenn die beiden Kinder, die in ihrer Freizeit immer wieder mithalfen, aus dem Haus sind und wenn Charly Herrmann die 60 erreicht hat. Zwar spielte bisher die Gesundheit mit, aber wer kann das bei einem Zwölf- und manchmal 14-Stunden-Tag auf Dauer garantieren? Jetzt wollen sie erst einmal die neue Ruhe genießen, mindestens für ein halbes Jahr.

Ohne diesen enormen Einsatz läuft es nicht in der Gastronomie, so Charly Herrmann: „Das ist nicht nur Arbeit, das muss man zu 100 Prozent leben.“ Gekocht hat er meistens alleine, nach allen Regeln der gutbürgerlichen Kunst: Soßen und Fleischbrühe werden in „Riesenhafen“ selbst zubereitet, bis zu 300 Maultaschen in der Stunde gefaltet, vorm Kartoffelschälen und vor dem Abwasch drückte er sich dennoch nicht. Und am Abend kam er noch jeden Tag zum Schwätzle vorbei. Das Arbeitspensum schafft der gelernte Koch nur dank zentnerweise Erfahrung, hoher Konzentration und „Nerven wie breite Nudeln“. Brigitte Herrmann managte die Verwaltung und den Service, zeichnet für Torten und Kuchen verantwortlich.

Salier-Schüler waren ebenso willkommen wie VfB-Profis

Dass ein Mannschaftsfoto des VfB Stuttgart an der Wand hängt, ist kein Zufall. Fan-Liebling Günther Schäfer gehört zu den Stammgästen, und auch Spieler wie Franco Foda, Andi Buck und Fredi Bobic feierten im Staufer-Kastell mit Familie und Freunden. Doch Prahlen mit den Promis ist nicht Charly Herrmanns Ding, im Umgang mit den Gästen gilt der Gleichheitsgrundsatz, trotz großer Namen „nicht eine Oma sitzenzulassen“. Willkommen waren stets die Schüler vom Salier-Zentrum, oft bis zu 100 am Tag, obwohl sie, wie Brigitte Herrmann mit nachsichtigem Schmunzeln verrät, „manchmal ganz schön Sauerei“ machten. Die Hits waren Pommes mit Ketchup für 3,50 Euro oder Spätzle mit Soß’. Dass auch bei Letzteren die gute, selbst gemachte draufkommt – Ehrensache. Auch das gehört zur über 30 Jahren ehrlich „erkochter“ Kunden-Bindung.

Das besonders bei Jägern und dem Fischereiverein beliebte Nebenzimmer mit lebensgroßen Fisch-Plastiken und Netzen an der Decke zeugt von der Angler-Passion des Chefkochs, der jede Woche eine Platte mit Pulpo, Seeteufel, Steinbeißer, Zander, Lachs oder anderen Fischarten servierte. Trotz des Schwerpunkts auf schwäbischer Küche war das Staufer-Kastell auch bei Italienern, Russen oder (Ex-)Jugoslawen beliebt. „Ein besondere Auszeichnung“, sagt Charly Herrmann dankbar.

Gesucht wird jetzt ein Nachfolger, gerne ein „gutbürgerlicher“. Interessenten gibt es, aber noch nichts Spruchreifes. Das Restaurant, das vorerst leer steht, lief bestens: Schon seit September war für Weihnachten und Silvester alles ausgebucht.

Politisch neutral

Ob CDU, SPD, FDP oder ALi: „Bei mir haben sich alle Parteien getroffen“, sagt Charly Herrmann unter Wahrung politischer Neutralität. Das Prinzip, wonach jeder Gast gleich willkommen ist, gilt auch hier.

Als Wirt ist der Neustädter in ganz Waiblingen bekannt wie ein bunter Hund, was die Parteien schon mehrmals auf die Idee brachte, ihn als Kandidaten anzufragen. „Aber das habe ich aus Prinzip nie gemacht.“ Ganz abgesehen davon, dass er wohl ohnehin keine Zeit gehabt hätte.