Waiblingen

Stihl investiert eine Milliarde Euro

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Sieht Wachstumspotenzial bei den neuen Akku-Geräten: Dr. Bertram Kandziora. © Ramona Adolf

Waiblingen. Die Börsen reagieren nervös. Experten warnen vor dem Absturz der Weltkonjunktur. Doch Stihl setzt weitere Rekordmarken: 2015 wurde erstmals ein Umsatz von mehr als drei Milliarden Euro erzielt, bestätigte Vorstandsvorsitzender Dr. Bertram Kandziora im Gespräch. Außerdem plant der Waiblinger Weltmarktführer bis 2018 Investitionen in Höhe von einer Milliarde Euro. Davon profitiert auch Waiblingen.

Herr Dr. Kandziora, Stihl will weltweit bis 2018 eine Milliarde Euro in Produkte und Produktion investieren. Woher nehmen Sie den Optimismus und das Geld?

Lassen Sie mich mit dem Geld anfangen. Wie ich bei den jährlichen Pressekonferenzen berichte, erwirtschaftet Stihl „zufriedenstellende“ Ergebnisse. Da die Eigentümerfamilien diese Gewinne zum weitaus größten Teil im Unternehmen belassen, haben wir im Laufe der Jahre eine hohe Eigenkapitalquote von 70 Prozent aufgebaut, trotz der permanent hohen Investitionen. Wir brauchen deshalb zur Finanzierung dieser einen Milliarde Euro keine Banken. Nun zum Optimismus. Politische und ökonomische Krisen gibt es immer auf der Welt. Diese Krisen gehen aber auch vorbei, und wenn man wie Stihl in 160 Ländern verkauft, gleichen sich schlecht und gut laufende Märkte zumindest teilweise aus. Mit den hohen Investitionen reagiert Stihl nicht auf die aktuelle Situation, sondern bereitet sich damit auf die Zukunft vor. Wir sind davon überzeugt, dass wir weiter wachsen werden, gerade weil wir so viel investieren in Produkte und Märkte. Natürlich muss dann auch die Produktion wachsen. Neben der neuen Produktionslogistik in Waiblingen haben wir im Januar ein neues Werk für Vergaser auf den Philippinen eingeweiht, in der Schweiz wird das Kettenwerk vergrößert, und in Spanien bauen wir ein Schulungszentrum für die Händler. Im Mai findet dann ein weiterer Spatenstich in China statt. Da der Mietvertrag für unser Vergaser-Werk in China ausläuft, müssen wir neu bauen. Wir haben dort 2500 Mitarbeiter. Unsere weltweiten Investitionsprojekte sind Teil einer langfristigen Strategie. Ein vorübergehendes Krisen-Störfeuer beeinflusst uns nicht.

Bis 2018 will Stihl 300 Millionen Euro ins Stammhaus investieren. Was ist konkret geplant?

In Waiblingen haben wir das Entwicklungszentrum erweitert und für die Produktionslogistik einen Neubau errichtet. Am 4. März feiern wir die Einweihung zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. In diesem Jahr steht außerdem die Erweiterung von Werk 7 in Ludwigsburg an. Dort wird die Vertriebslogistik ausgebaut. Allein für diese drei Vorhaben geben wir rund 140 Millionen Euro aus.

Reden wir über die restlichen 160 Millionen Euro. Fließt das Geld in weitere Bauinvestitionen in Waiblingen?

Es wird weitere Bauaktivitäten in Deutschland geben, auf die ich jetzt nicht näher eingehen will.

Auch in Waiblingen?

Die Waiblinger können gespannt sein, was sich hier noch tut. Bei einem Umfang von 300 Millionen Euro kann einiges passieren. Das Geld wird aber nicht nur in Baumaßnahmen fließen, sondern natürlich auch in neue Werkzeuge und Produktionsanlagen sowie in die Produktentwicklung.

Auf welche neuen Trends setzen Sie bei den Produkten?

Den Großteil unseres Geschäftes machen wir mit Produkten mit Benzinmotor. Dies wird auch in Zukunft so bleiben. In diesem Segment werden wir die Leistung verbessern, neue Motortechnologien wie z.B. Einspritzmotoren ausweiten und ganz generell den Elektronikanteil erhöhen. Im Profi-Bereich wird es nur noch moderates Wachstum geben, starkes Wachstum sehe ich dagegen vor allem im Privatkunden-Bereich. Hier gewinnen wir mit unseren Akku-Geräten neue Kunden, die nie ein Benzin-Produkt kaufen würden. Mittelfristig kann das aber auch den Markt für Benzinprodukte reduzieren. Wir haben vor, das auszugleichen, indem wir unseren Wettbewerbern weltweit Marktanteile abnehmen.

Sind die Akku-Geräte damit kein Nischenprodukt mehr?

Ja, das stimmt. Die Akku-Produkte sind schon jetzt kein Nischen-Produkt mehr, und sie verfügen über enormes Wachstumspotenzial. Deshalb erweitern wir unser Entwicklungszentrum in Waiblingen für mehr als 30 Millionen Euro. Im neuen Erweiterungsbau geht es schwerpunktmäßig um die Themen Elektronik, Akkuprodukte und vernetzte Produkte. Die Leistung und Kapazität der Akkus wird permanent verbessert. Damit werden die Akku-Geräte auch für professionelle Anwender immer interessanter. Nachfrage gibt es beispielsweise bei Hotelbetreibern oder bei Kommunen. Denn Akku-Geräte arbeiten wesentlich leiser als Benziner. Wir haben vor zehn Jahren mit der Entwicklung von Akku-Geräten begonnen und 2009 unser erstes Produkt auf den Markt gebracht. Da wir permanent neue Patente anmelden, bewegen wir uns heute sehr sicher in diesem Bereich. Mit einer Produktoffensive wollen wir in Zukunft allen Zielgruppen, vom Privatanwender bis zum Profi, neue Akku-Geräte anbieten.

Am 4. März werden die neuen Gebäude eingeweiht. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt dazu extra nach Waiblingen. Wie wichtig ist der Besuch der Kanzlerin für Sie?

Wir freuen uns, dass die Bundeskanzlerin Stihl besucht. Das ist vielleicht auch eine Anerkennung für unser doppeltes Bekenntnis zum Standort Deutschland. Wir konzentrieren nicht nur unsere Entwicklung im Land, sondern geben viel Geld aus für moderne Verfahren, damit auch die industrielle Produktion in Deutschland eine Zukunft hat. Das neue, hoch automatisierte Hochregallager versorgt uns schneller und kostengünstiger mit Material für die gesamte Produktion.

Sind die guten Zeiten der Globalisierung nicht vorbei. Der russische Premierminister Medwedjew sprach auf der Münchener Sicherheitskonferenz bereits von einem neuen Kalten Krieg.

Stihl ist krisenerprobt. Es wird immer Märkte auf dieser Welt geben, die nicht funktionieren. Man spricht von Krisen in China und Brasilien. Durch intensive Marktbearbeitung haben wir es geschafft, dass sich unsere enormen Wachstumsraten lediglich abgeschwächt haben. In Argentinien gab es in den letzten Jahren Probleme mit Importbeschränkungen und dem drohenden Staatsbankrott. Für uns ist das schon die zweite Argentinienkrise, die wir überstanden haben, denn 2015 ist Stihl in dem Land wieder stark gewachsen. Wir erleben eine große Krise in Russland. Dort war nach Stückzahlen gerechnet unser zweitgrößter Markt. Im vergangenen Jahr sind die Verkaufsstückzahlen in Russland um rund 75 Prozent zurückgegangen. Die Ursachen dafür liegen für Stihl aber nicht in den Sanktionen der Europäischen Union, die verstärken die vorhandenen Schwierigkeiten. Die realen Probleme sind der sinkende Ölpreis, der Fall der russischen Währung und der starke Kaufkraftverlust. Der russische Kunde muss für ein Stihl-Produkt rund doppelt so viel Rubel zahlen wie vor der Krise. Aber wir sind in der Lage, Marktausfälle mehr als auszugleichen. Im vergangenen Jahr waren vor allem die USA unser Wachstumsmotor. Aber auch Deutschland ist, wenn auch moderat, weiter gewachsen.

Hat Stihl 2015 trotz der schwierigen Weltkonjunktur zum ersten Mal die magische Marke von drei Milliarden Euro Umsatz übersprungen?

Die Marke haben wir sicher geknackt.

Stihl hat im Dezember einen neuen Beschäftigungs- und Standortsicherungsvertrag bis 2020 abgeschlossen. Wie wichtig ist dieser Vertrag für das Unternehmen?

Wir garantieren unserer Stammbelegschaft mit dem Vertrag sichere Arbeitsplätze in Deutschland bis zum Jahr 2020. Mit dem Instrument können wir Kostennachteile ausgleichen, die sich aus den Lohnstrukturen in der deutschen Metallindustrie ergeben. Auf der anderen Seite geht es um Flexibilität im Unternehmen. Wir müssen mit großen Schwankungen im Markt leben und darauf schnell in der Produktion reagieren. Stihl hat außerdem mit der IG Metall Zusatztarifverträge abgeschlossen, damit mehr Beschäftigte 40 Stunden in der Woche arbeiten können. Gerade unsere hoch qualifizierten Experten wollen 40 Stunden arbeiten, die bleiben nicht bei einer 35-Stunden-Woche. Mir ist aber noch etwas anderes wichtig: Wir leisten hier sehr gute Arbeit, die sehr gut bezahlt wird. An der Spitze zu stehen ist aber kein Besitzstand, sondern das müssen wir uns jeden Tag neu erarbeiten. Wer nachlässt, wird überholt. Im Vertrag regeln wir eine Reihe größerer und strategisch wichtiger Punkte, hinter die man auch einzelne Millionenbeträge schreiben kann. Bei Stihl werden im deutschen Stammhaus von den rund 4200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern täglich Dinge getan und Entscheidungen getroffen, die Zusatzkosten erzeugen oder Kosten reduzieren können. Das können Sie nicht von oben erkennen oder verordnen. Mit dem Vertrag wird allen bewusst, dass jeder Einzelne im betrieblichen Alltag für den Erfolg von Stihl auch und gerade in Deutschland verantwortlich ist.

Wie wird sich die Beschäftigung in Waiblingen in Zukunft verändern? Bleibt es bei den derzeit 3200 Mitarbeitern?

Das ist schwer vorherzusagen. Die Beschäftigungssicherungsverträge wirken: 1997 haben wir zum ersten Mal einen Vertrag abgeschlossen. Seitdem haben wir 1300 neue Stellen im Stammhaus - das sind die Werke in Waiblingen, Ludwigsburg, Prüm und Wiechs am Randen - schaffen können. Allein in den vergangenen zehn Jahren waren es 600 neue Arbeitsplätze.

Macht Ihnen die aktuelle Diskussion um Grenzschließungen in Europa Angst? Und was wären die Folgen für Stihl?

Grenzkontrollen verlängern die Logistikketten. Unternehmen, die eine strikte Just-in-time-Logistik haben, werden große Probleme bekommen. Das macht Stihl nicht, aber wir müssten unsere Bestände vergrößern.

Geschlossene Grenzen bedeuten höhere Kosten für Stihl?

Natürlich, die ganze Abwicklung kostet dann mehr Geld. Die Kontrollen verlängern die Fahrten, und der Aufwand steigt.

Warum ist die Stimme der Wirtschaft nicht lauter? Derzeit äußern sich vor allem der Hass und die Abscheu von Wohlstandsbürgern gegen das Fremde, die aber meist vergessen haben oder gar nicht wissen, wie eine moderne Gesellschaft heute funktioniert.

Ich bin dagegen, dass an den innereuropäischen Grenzen wieder Kontrollen eingeführt und Zäune gezogen werden. Das ist nahe bei einer Kapitulationserklärung für Europa. Die europäischen Außengrenzen müssen aber geschützt sein.

Wie sehen Sie die Debatte um die Flüchtlingskrise ganz persönlich? Sie sind nach der Definition des Statistischen Bundesamtes ein Mensch mit Migrationshintergrund.

Ich war sogar ein Flüchtlingskind. Ich bin in Oberschlesien geboren, das seit 1945 zu Polen gehört. Meine deutschen Eltern sind, als ich zwei Jahre alt war, aus Polen in die Bundesrepublik geflohen. Nach einer kurzen Zwischenstation in Gelsenkirchen sind wir nach Mannheim gezogen. Mein Vater kannte Mannheim aus seiner Jugend, da er bei der BASF in Ludwigshafen seine Ausbildung absolviert hatte. Dort und an anderen Orten Badens habe ich dann bis zum Abschluss meiner Promotion in Karlsruhe gelebt. Ich bin meinen Eltern bis heute für diese Entscheidung dankbar. Damals gab es aber nur wenige Flüchtlinge, das war sicherlich leicht beherrschbar, wie bis vor kurzem auch in Europa. Heute geht es aber um Millionen Flüchtlinge. Das ist eine Herkulesaufgabe, für die ich auch keine einfache Lösung parat hätte.

Der Stihl-Chef und die Kanzlerin

Der Stihl-Vorstandsvorsitzende Dr. Bertram Kandziora ist vor kurzem 60 Jahre alt geworden. Seit 2002 sitzt er im Vorstand von Stihl.

2003 musste der erste familienfremde Firmenchef Harald Joos nach nur zehn Monaten das Unternehmen verlassen. Kandziora wurde im März 2003 zum Vorstandssprecher ernannt. Am 1. Juli 2005 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden bestellt. In der Amtszeit von Kandziora hat sich der Umsatz bei Stihl fast verdoppelt und liegt jetzt erstmals über drei Milliarden Euro.

2004 kam der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder zur Einweihung des Entwicklungszentrums in Waiblingen. Jetzt wird es erweitert um die Themen Elektronik, Vernetzung und Akkus. Am 4. März kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Einweihung des Erweiterungsbaus nach Waiblingen. Auf zvw.de wird dann die Festrede der Bundeskanzlerin live übertragen.