Waiblingen

Stihl stärkt den Standort Waiblingen

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Seit 2002 bei Stihl: Vorstandsvorsitzender Dr. Bertram Kandziora (61). © Büttner / ZVW
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Unter anderem wird im Werk 1 in Waiblingen eine Stihl-Markenwelt mit Museum errichtet und das Büro-Hochhaus wird komplett saniert und modernisiert. © Danny Galm
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Wolfgang Zahn. © Gabriel Habermann
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Peter Pretzsch. © Stihl

Waiblingen. So eine rasante Aufwärtsentwicklung hat es bei Stihl in den vergangenen 20 Jahren nicht gegeben. Der Erfolg der neuen Akku-Produkte treibt die Wachstumskurve steil nach oben. Eine Konsequenz: Stihl muss sein Investitionsprogramm aufstocken, um Platz für die vielen neuen Mitarbeiter zu schaffen. Auch Vorstandschef Dr. Bertram Kandziora ist in ein Übergangsbüro nach Waiblingen-Neustadt umgezogen. Wir haben mit ihm über die jüngste Erfolgsgeschichte von Stihl gesprochen.

Herr Kandziora, Sie arbeiten in einem Büro mit Glaswänden, unverputzten Betonwänden und nur lückenhaft abgedeckten Lüftungs- und Versorgungsschächten an der Decke. Wie wohl fühlen Sie sich hier?

Klingt nach Provisorium oder Baustelle, ist aber modernste Innenarchitektur. Ich fühle mich sehr wohl und habe hier ein gutes Raumgefühl. Das Büro ist transparent, es ermöglicht schnelle Kommunikation. Ich sehe meinen Vorstandskollegen Michael Prochaska, und wir können uns spontan abstimmen. Ich sehe ja, ob er gerade frei ist.

Das heißt, Sie bleiben hier im neuen Entwicklungszentrum und ziehen nicht nach der Sanierung des Stihl-Hochhauses zurück in die Badstraße?

(Lacht) Auf jeden Fall bleiben wir für ein paar Jahre hier.

Vor einem Jahr haben Sie angekündigt, Stihl werde in Waiblingen 54 Millionen Euro für eine neue Markenwelt und die Sanierung des Hochhauses an der Badstraße ausgeben. Jetzt ist plötzlich von 100 Millionen Euro die Rede. Was ist passiert?

Wir stocken das Investitionsprogramm auf mehr als 100 Millionen Euro auf. Wir haben einen enormen Zuwachs an Mitarbeitern. Deshalb reichen unsere Büroarbeitsplätze nicht mehr aus. So können wir unser Ziel, während der Bauzeit mit allen Mitarbeitern aus dem Hochhaus nach Neustadt umzuziehen, nicht mehr umsetzen. Denn die vorgesehenen Flächen im neuen Entwicklungszentrum sind bereits belegt. Neben meinem Vorstandskollegen Michael Prochaska und mir sind lediglich sieben Mitarbeiter umgezogen. Die anderen 182 Personen arbeiten vorerst weiter in der Badstraße, weil wir derzeit nicht genügend Ersatzflächen haben.

Wir haben deshalb beschlossen, das Bauprogramm zu erweitern. Stihl wird an der Badstraße direkt neben dem alten Hochhaus ein weiteres Bürogebäude bauen sowie eine neue Kantine. In der Übergangszeit werden wir Flächen von mehr als 10 000 Quadratmetern in Fellbach und in Waiblingen anmieten. Zusätzlich werden wir in Neustadt den Kopfbau des Produktionslagers um zwei Geschosse aufstocken, um weitere Büroflächen für 250 Menschen zu schaffen.

Es bleibt beim Bau der neuen Markenwelt, die die Geschichte von Stihl präsentiert, die Innovationsfähigkeit, das Produktprogramm und die Emotionen, etwa bei Stihl Timbersports mit unseren Sportholzfällern. Es bleibt auch bei der Komplettsanierung des Hochhauses.

Die Baumaßnahmen sollten ursprünglich 2018 beginnen und zwei Jahre dauern. Wie sieht der neue Zeitplan aus?

Aufgrund der umfangreichen Bau- und Sanierungsmaßnahmen müssen rund 350 Mitarbeiter aus Werk 1 vorübergehend umziehen. Die Umzugskisten sollen im Sommer 2018 gepackt werden. Die Fertigstellung dieses komplexen, jetzt noch größeren Bauvorhabens ist selbst für 2021 noch nicht gesichert.

Sie stellen immer mehr Mitarbeiter für die Akku-Produkte ein. Werden Sie von der Entwicklung überrollt?

Nein, dann wären wir ja platt. (Lacht) Unsere Akku-Strategie geht jetzt lediglich voll auf. In diesem Jahr gehen die Stückzahlen durch die Decke.

Warum gibt es jetzt diesen Erfolg?

Die strategischen Weichen haben wir bereits 2006 gestellt. Denn damals war absehbar, dass es leistungsfähigere Akkus für Arbeitsgeräte geben würde. Im Markt sind wir seit 2009 mit unseren Akku-Produkten. Die Zahl der verkauften Geräte war aber niedrig. Ein Grund dafür waren die hohen Preise: Ein Akku-Produkt kostete damals den dreifachen Preis eines vergleichbaren Benzinproduktes. Jetzt haben wir eine zusätzlich Kompaktlinie mit Wechselakku und eine Linie mit eingebautem Akku zu ganz anderen Preisen mit 249 Euro oder 129 Euro. Damit sprechen wir neue Zielgruppen an und die Akku-Geräte werden attraktiver für Hobbygärtner. Diese neuen Geräte sind trotzdem voll ausreichend für mittlere und kleine Gärten. Mit der Heckenschere für 129 Euro kann man mit einer Akkuladung 80 Quadratmeter Hecke schneiden.

Wir sprechen mit unseren Akku-Geräten weiter auch die Profis an. Denn da kommen wir her. Wir definieren uns über die Profis in der Holzwirtschaft. Wir haben eine ganze Spannbreite von Profi-Akkugeräten entwickelt, die bis zu 2000 Euro kosten. In diesem Bereich wollen wir Wettbewerbern keinen Angriffspunkt bieten.

Eine Million Akku-Geräte wollten Sie in diesem Jahr verkaufen.

Wir haben mehr Geräte verkauft.

Wie viel?

Mehr. (Lacht) Wir liegen deutlich über diesem Ziel.

Wie entwickeln sich die Benzin-Geräte?

Stihl wird in diesem Jahr einen Umsatz von rund 3,8 Milliarden Euro erreichen. Das sind 350 Millionen Euro Umsatz mehr als noch vor einem Jahr. Erfreulich ist, dass wir auch mehr Benzin-Geräte verkaufen. Wir liegen in diesem Bereich deutlich über unserem Standardziel von fünf Prozent Wachstum. Das bedeutet: Wir wachsen sowohl bei Akku-Geräten als auch bei den Benzinern. Das liegt vor allem an der sehr erfolgreichen Marktbearbeitung. Es hilft aber auch, dass sich einige Großflächen vom aufwendigeren Benzingeschäft zugunsten der Akkuprodukte verabschieden und kleinere Wettbewerber aufgeben, da sie die enormen Entwicklungsaufwendungen für die immer schärfer werdenden Abgasgesetze nicht mehr finanzieren können. Der servicegebende Fachhandel von Stihl übernimmt gerne dieses Zusatzgeschäft.


Was bringt den Erfolg: das Thema Akku oder die neuen, niedrigen Preise?

Beides. Wir erschließen gerade völlig neue Kundengruppen. Es gibt Menschen, die würden nie ein Benzin-Gerät kaufen, weil ihnen die Bedienung zu kompliziert ist. Jetzt kaufen sie Akku-Geräte. Und über den Preis erreichen wir jetzt Kundengruppen, denen das Akku-Segment vorher zu hochpreisig war.

Nützt das Akku-Wachstum dem Standort Waiblingen?

Ja. Die zentralen Funktionen wie Einkauf, Lieferantenentwicklung, Marketing, Produktmanagement oder Entwicklung müssen ausgebaut werden. Akku-Produkte haben einen viel kürzeren Modellzyklus. Nachfolgemodelle müssen also viel häufiger entwickelt werden. Deshalb brauchen wir auch mehr Personal gerade in Waiblingen. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren im Stammhaus rund 460 neue Arbeitsplätze aufgebaut. Das ist ein Plus von mehr als zehn Prozent. Weitere 150 Stellen sind derzeit noch unbesetzt. Dabei handelt es sich in der Regel um hoch qualifizierte Jobs.

Wir reden viel über Entwicklung und Digitalisierung. Wie sieht es aber in der Produktion in Waiblingen aus?

Auch hier gibt es einen richtig großen Sprung. Nach Jahren der Stagnation steigen die Stückzahlen, die im Stammhaus produziert werden. Es geht um ein Plus von 20 Prozent. Das ist eine stärkere Steigerung als in der gesamten Gruppe weltweit. Umsatz, Absatz und Ergebnis haben sich hier im Stammhaus sehr gut entwickelt. Im Moment passt alles.

Dann brauchen Sie in den kommenden Jahren keinen Beschäftigungs-Sicherungs-Vertrag mehr?

Der bestehende Vertrag läuft bis zum Jahr 2020. Wir brauchen dieses Instrument, da er auch Klauseln zur Flexibilität enthält und insbesondere auf höhere Kontingente für 40 Stunden Verträge verweist. Das brauchen wir als Unternehmen, um erfolgreich sein zu können. In der deutschen Metall- und Elektroindustrie sind derzeit so viele Menschen wie noch nie seit der Jahrhundertwende beschäftigt. Die Geschäftserwartungen der Unternehmen sind extrem positiv - trotz Donald Trump, Brexit oder der schwierigen Regierungsbildung in Deutschland. Alle Unternehmen suchen händeringend Fachkräfte, besonders in den Bereichen Elektronik und Digitalisierung. In dieser Situation können wir nicht die Arbeitszeit teilweise von 35 auf 28 Stunden verkürzen, wie es die IG Metall in der derzeitigen Tarifrunde fordert. Das wäre absolut kontraproduktiv.

Sie haben mit Dr. Christian Vogt jetzt einen jungen Digitalisierungschef aus dem Silicon Valley eingestellt. Was haben Sie in diesem Bereich vor?

Digitalisierung könnte für Stihl in einigen Jahren die nächste Wachstumslokomotive werden. Bei Akkuprodukten hat es zehn Jahre gedauert, und die Strategie musste modifiziert und erweitert werden, bis in diesem Jahr die Post abging. Das zeigt, dass man Zukunftsstrategien frühzeitig angehen muss. Ich hoffe, dass es bei der Digitalisierung schneller vorangeht. Wir haben die Stihl Digital GmbH gegründet. Diese Gesellschaft beteiligt sich an jungen Unternehmen, die digitale Geschäftsmodelle entwickeln und zur Produktreife bringen.

Was bedeutet Digitalisierung für Stihl konkret?

Es gibt die klassische Digitalisierung: die kaufmännische IT im Unternehmen, das computergestützte Konstruieren, die Simulation in der Entwicklung oder die Kommunikation zwischen den Unternehmen der Gruppe. Neu hinzu kommen Produkte mit digitalen Funktionen, die miteinander vernetzt werden können. So geht etwa eine Bewässerungsanlage nicht an, wenn auf dem Rasen ein Mähroboter im Einsatz ist.

Besonders hohes Potenzial haben digitale Geschäftsmodelle. Wir wollen digitale Funktionen entwickeln, die den Kunden wirklichen Mehrwert bieten und nicht nur unterhaltsame Apps. Wir arbeiten derzeit beispielsweise mit zwei Start-up-Unternehmen zusammen. Das eine, Freiraum, bietet Landschaftsgärtnern eine App, mit der sie ihre Aufträge erfassen, dokumentieren und abrechnen können. Arbeitsteams können darauf zugreifen, Dinge ergänzen, leicht miteinander kommunizieren und wissen viel genauer, was sie machen müssen. Das zweite Start-up, Log-Buch, zielt auf Revierförster und Holzfäller. Bisher markiert der Förster die Bäume, die geschlagen werden müssen, mit einer Sprühpistole. Und die Holzfäller müssen in einem großen Gebiet die Bäume vor Ort suchen. Die Idee der jungen Unternehmer: Die Sprühpistole wird digitalisiert. Der Förster drückt zusätzlich einen Knopf, speichert dabei den genauen Standort und kann zugleich Angaben zu dem Baum einsprechen. Der gesprochene Text wird automatisch in Text umgewandelt. Die Holzfäller erhalten ein Baum-Navi mit genauen Standorten und sparen Suchzeit.


Dr. Peter Pretzsch (57) wurde zum 1. Juli 2018 vom Aufsichtsrat der Stihl AG zum neuen Entwicklungsvorstand bestellt. Pretzsch löst damit den bisherigen Entwicklungsvorstand Wolfgang Zahn (63) ab, der seit Juli 1999 das Amt innehat und nun altersbedingt aus dem Unternehmen ausscheidet, heißt es in einer Mitteilung von Stihl.

Unter der Leitung von Wolfgang Zahn wurden mehrere Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung von Stihl-Produkten investiert. So wurde 2004 ein neues Entwicklungszentrum gebaut und 2016 ein Kompetenzzentrum für umweltfreundliche Elektro- und Akku-Produkte am Stammsitz in Waiblingen errichtet. Während seiner Amtszeit wurde die Stihl-Akku-Technologie entwickelt und Weltneuheiten sowie zahlreiche technische Innovationen auf den Markt gebracht.

Dadurch wurden Produkte sowohl leistungsstärker und komfortabler in der Anwendung, aber auch ergonomischer und abgasärmer. Dazu zählen beispielsweise der TS 500i, der weltweit erste Trennschleifer mit elektronisch gesteuerter Einspritzung, und Produktfeatures wie Ergostart, Vier-Mix-Motor und Motormanagement M-Tronic. Seit 1999 hat sich der Umsatz der Stihl-Gruppe von 1,14 Milliarden Euro mehr als verdreifacht auf rund 3,8 Milliarden Euro.

Dr. Peter Pretzsch ist seit 2011 Geschäftsführer des österreichischen Gartengeräteherstellers Viking. Unter seiner Leitung wurde der Standort ausgebaut; und es konnte ein erhebliches Wachstum der Stihl- Tochter realisiert werden. Zuvor war der promovierte Diplom-Ingenieur mehr als 20 Jahre in führenden Positionen im Stammhaus in Waiblingen tätig.

Unter anderem leitete er zwei Jahre den Bereich „Forschung und Entwicklungsservice“ und anschließend mehr als fünf Jahre den Bereich „Technologie und Gebäude Gruppe“. Davor durchlief er mehrere Stationen in der Entwicklung, beispielsweise in der Motorenentwicklung und Vorentwicklung.