Waiblingen

Stihl wächst weiter in Waiblingen

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Kandziora
Dr. Bertram Kandziora (60) gehört dem Stihl-Vorstand seit 2002 an. Sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender wurde jüngst bis 2022 verlängert. © Büttner / ZVW
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So sollen die Markenwelt und das sanierte Hochhaus aussehen. © BFK Architekten

Waiblingen. Stihl investiert weiter in Waiblingen. Nach der Erweiterung des Entwicklungszentrums und dem Neubau der Produktionslogistik kommt ein neues Projekt hinzu. Für 54 Millionen Euro werden das Verwaltungshochhaus an der Badstraße saniert und eine neue 5 000 Quadratmeter große „Stihl-Markenwelt“ errichtet. Wir sprachen darüber mit Stihl-Chef Dr. Bertram Kandziora.

Video: Stihl-Chef Dr. Bertram Kandziora im Gespräch mit dem Zeitungsverlag Waiblingen.

Was haben Sie in Waiblingen am Werk 1 genau vor?

Das Hochhaus wird zurückgebaut bis auf die Betonstruktur des Gebäudes und dann komplett nach heutigen Standards umgestaltet. Wir wollen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern moderne Bürowelten bieten und die Kommunikation weiter verbessern. Der Flachbau vor dem Hochhaus wird abgerissen, und dort entsteht die neue Stihl-Markenwelt. Das Projekt kostet rund 54 Millionen Euro.

Warum braucht Stihl ausgerechnet eine Markenwelt?

Stihl hat heute ein kleines Museum, das kaum auffällt, zwischen Hochhaus und Kurbelwellenfertigung. In diesem Raum präsentieren wir historische Stihl-Geräte aus 90 Jahren Firmengeschichte. Wir laden erfolgreiche und engagierte Händler ins Stammhaus ein, um ihnen die Ursprünge der Marke Stihl, die Herstellung von Spitzenqualität und unsere Neuentwicklungen zu zeigen. Dafür reicht der bisherige Rahmen aber nicht mehr aus. Deshalb planen wir die Stihl-Markenwelt - ein Leuchtturmprojekt, das die Marke Stihl auf einzigartige Weise erlebbar machen wird.

Wie sieht die neue Markenwelt konkret aus?

Die Markenwelt ist Ergebnis eines Architektenwettbewerbes. Wir planen ein kupferfarbenes Gebäudeensemble mit Erdgeschoss und zwei Stockwerken. Das sind aber keine abgeschlossenen Geschosse, alles ist luftig konzipiert und geht fließend ineinander über. Zudem sind Veranstaltungs- und Schulungsräume vorgesehen und die Räumlichkeiten für den technischen Service und die Händlerförderung.

Die eigentliche Markenwelt ist dreigestaffelt. Sie fahren mit einem Fahrstuhl ganz nach oben und beginnen den Rundgang. Im ersten Bereich geht es um die Vision von Andreas Stihl: den Menschen die Arbeit in der Natur erleichtern. Eine Etage tiefer zeigen wir anhand von Produkten technische Innovationen. Im Erdgeschoss dreht sich alles um Emotionen: Es gibt einen kleinen Bereich, der sich um Timbersports dreht. Denn das Sportholzfällen steht für Kraft und Emotionen. Fanartikel werden präsentiert und natürlich wird das aktuelle Produktprogramm gezeigt. Die Markenwelt wird aber keine reine Ausstellung sein, sondern durch modernste Medientechnik flexibel und dynamisch erscheinen. Im Außenbereich ist schließlich eine Produktvorführung integriert.

Steht die Stihl-Markenwelt der Öffentlichkeit zur Verfügung?

Zielgruppe sind unsere Fachhändler. Aber wir sind natürlich offen für die Sommertouren, die der Zeitungsverlag jedes Jahr für seine Leserinnen und Leser anbietet.

Eine Markenwelt ist etwas untypisch für Stihl. Ist das die Aufgabe der typisch schwäbischen Zurückhaltung?

Die Marke ist ein sehr hoher Wert. Da wir über einen langen Zeitraum gute Qualität und guten Service anbieten, braucht der Fachhändler nicht mehr zu erklären, warum Stihl-Produkte besser sind. Das ist mit dem Marken-Namen verbunden. Unsere Marke müssen wir daher weiter pflegen und noch bekannter machen. Wir suchen weltweit permanent neue Fachhändler - inzwischen sind es mehr als 45 000.


Wann startet das Bauprojekt?

Der Bau beginnt 2018 und dauert zwei Jahre. Die Fertigstellung ist für 2020 geplant. Von den Baumaßnahmen sind 220 Mitarbeiter betroffen, die vorübergehend umziehen müssen.

Sie auch?

Ja. Ich ziehe wie der Großteil der Mitarbeiter Mitte 2017 in den Erweiterungsbau unseres Entwicklungszentrums um. Dort haben wir 1,5 Etagen frei gehalten. Allerdings verzeichnen wir im Moment ein enormes Wachstum an neuen Mitarbeitern im Angestelltenbereich. Deshalb reichen auch die Freiflächen im Entwicklungszentrum nicht mehr aus. Wir sind auf der Suche nach weiteren Büroräumen.

Braucht Stihl mehr Mitarbeiter, weil mehr Akku-Geräte verkauft werden?

Ja. Es geht um neue Stellen, vor allem in der Entwicklung, aber auch in anderen Bereichen. Deswegen werden die Büroflächen knapp.

Um wie viele neue Mitarbeiter geht es?

Es geht dieses und nächstes Jahr um mehr als 200 neue Mitarbeiter im qualifizierten Bereich. Allein 2017 sollen mehr als 100 Akademiker in Waiblingen dazukommen. So einen starken Zuwachs hatten wir seit 2002, so lange bin ich bei Stihl, noch nicht.

Hat Stihl immer noch „Benzin im Blut“? Diesen Begriff haben Sie in früheren Gesprächen benutzt. Ändert sich etwas bei Stihl mit den Akku-Geräten?

Wir haben nach wie vor Benzin im Blut, sind inzwischen aber auch elektrisiert. 2006 sind wir in die Entwicklung von Akku-Geräten eingestiegen. 2009 kam das erste Produkt auf den Markt: eine Akku-Heckenschere. Unsere Produktpalette für Akku-Geräte haben wir dann Schritt für Schritt ausgeweitet. 2013 konnten wir bereits 100 000 Akku-Geräte verkaufen. Der Akku-Markt wächst schneller als erwartet. Wir wollen im kommenden Jahr bereits eine Million Akku-Geräte verkaufen.

Das ist innerhalb von vier Jahren eine Verzehnfachung der Stückzahlen …

Das ist richtig. Der große Sprung kommt aber erst jetzt. Warum? Bisher kostete das günstigste Set bestehend aus Gerät, Akku und Ladegerät 439 Euro. Jetzt haben wir die Akku-Compact-Linie eingeführt. Sie können nun das Geräteset für 249 Euro oder das Sägenset für 299 Euro kaufen. Das ist fast eine Halbierung des Preispunktes.

Parallel kommt eine Linie mit integriertem Akku auf den Markt: Heckenschere, Freischneider und ein Blasgerät. Diese Geräte haben einen Preispunkt von 129 Euro. Damit können wir auch ganz andere Mengen verkaufen. Die neuen Geräte sind für kleinere Gärten gedacht. Mit der Heckenschere für 129 Euro können Sie aber immer noch 80 Quadratmeter Hecke mit einer Akku-Ladung schneiden. Der Freischneider hat keinen Faden, sondern kleine Kunststoffblätter. Man glaubt es kaum, die schneiden wie Speedy Gonzales und verbrauchen dabei weniger Energie.

Kommen die neuen Produkte aus China? Hängt das mit der Beteiligung an Globe Tools zusammen?

Alle Geräte bieten bewährte Stihl Qualität. Die Compact-Linie kommt aus Österreich, das Werk unserer Tochter Viking ist in Langkampfen bei Kufstein. Die Linie mit integriertem Akku wurde von uns mit Globe Tools entwickelt und wird im chinesischen Changzhou gebaut. Hier treffen sich schwäbische Gründlichkeit mit chinesischer Schnelligkeit. Davon wird auch die Stihl-Organisation profitieren. Langfristig wird es weitere Standorte für die Akku-Produktion geben. Auch in den USA werden wir Akku-Produktion aufbauen. Bei diesem Riesensprung auf eine Million Geräte müssen wir jetzt in kurzer Zeit für verschiedene Komponenten wie Ladegeräte oder Akkus weltweit Kapazitäten schaffen - in eigenen Werken und bei Zulieferern in China, auf den Philippinen, in den USA oder in Europa. Es ist eine Herausforderung, diese Kapazitäten so schnell aufzubauen. Doch wir sind auf gutem Weg.


Stihl hat Ihren Vertrag bis 2022 verlängert. Was sind Ihre drei wichtigsten Ziele in den kommenden fünf Jahren?

Das wichtigste Ziel ist: Wir wollen weiter wachsen, unseren Kunden also noch bessere Produkte und eine breitere Produktpalette anbieten. Als Ergebnis davon sollten wir in fünf Jahren eine Milliarde Euro mehr Umsatz machen.

Ein weiteres Ziel: Wir haben nicht nur Benzin im Blut, wir müssen noch mehr Elektronen ins Blut bekommen. Dieser Wandel muss vorangetrieben werden. Wir müssen aus den hohen Investitionen in Akku-Produkte eine nachhaltige Erfolgsgeschichte machen.

Das dritte Ziel: Wir müssen das Thema Digitalisierung vorantreiben. Digitale Geschäftsmodelle mit vernetzten Produkten stecken heute noch in den Anfängen. Aber auch in diesem Bereich stellen wir neue Mitarbeiter ein.

In der Autoindustrie werden Szenarien diskutiert, die vom Ende des Verbrennungsmotors ausgehen. Auch in der Politik, etwa von den Grünen, werden solche Forderungen erhoben. Beschäftigt sich Stihl mit einem solchen Szenario?

Ich halte nichts davon, dass Regierungen Technologien vorschreiben. Elektroautos sind schön, aber die Energie, die sie nutzen, muss auch erzeugt werden. Und nicht alles, was aus der Steckdose kommt, stammt von Windkraft oder Sonnenenergie. Verbrennungsmotoren haben das Potenzial, noch sauberer zu werden. Wir beschäftigen uns dennoch mit solchen Szenarien. Wir haben bald die gesamte Produktpalette auch in Akku-Geräten und sind damit gut auf die Zukunft vorbereitet.

Es gibt noch eine akute Gefahr. Stihl war ein Wegbereiter der Globalisierung. Jetzt schlägt das Pendel zurück. Großbritannien will aus der EU raus. In den USA kommt ein Präsident an die Macht, der im Wahlkampf gegen den Freihandel argumentiert hat. Macht Ihnen das Sorgen?

Freihandel ist eine Grundvoraussetzung für unseren Wohlstand. Freihandel einzuschränken ist der falsche Weg. Eine große und offene Nation wie die USA sollte sich nicht durch Zölle abschotten. Das ist ein Zeichen von Schwäche und passt nicht zu einem starken Amerika. Das wäre ein großer Gesichtsverlust für diese Weltmacht. Wären wir darauf vorbereitet? Ja, wir haben in den USA unser größtes Werk und unseren größten Markt. Der Absatz in Nordamerika steht für ein Drittel unserer Gesamtmenge. Das amerikanische Werk bedient den heimischen Markt, aber es exportiert auch in rund 100 Länder. Abschottung wäre ein Irrweg.

Rekordumsatz

Stihl wird auch in diesem Jahr einen Umsatzrekord erzielen. Der Umsatz wächst auf 3,45 Milliarden Euro. Das sind 200 Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

Die Zahl der Mitarbeiter weltweit stieg von 14 245 zum Jahresende 2015 auf 14 808 im Oktober 2016.

Auch im Stammhaus wächst das Personal (siehe Grafik). Das Stammhaus umfasst sieben Werke der Andreas Stihl AG & Co. KG: drei Werke in Waiblingen, zwei Werke in Ludwigsburg, ein Werk in Weinsheim (Eifel) und eins in Wiechs am Randen.