Waiblingen

Stoffgitter und Sitzgespinste

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Wlodzimierz Szwed beim Aufbau der Ausstellung im Zeitungshaus in Waiblingen. © ZVW

Waiblingen. Der Bildermacher schafft für die Wand ein erhebendes Werk. Auch wenn’s nur zwei Millimeter sind, die der angedickte Zellstoff hervorragt. Erhaben allemal. Der Bildhauer wiederum arbeitet gern mit Bodenplatten, die nur verzagt in die dritte Dimension ragen wollen. Gegensätze ziehen sich an bei Wlodzimierz Szwed und Jean-Marc Dufour, beide jetzt im Zeitungshaus zu sehen.

Video: Kunstausstellung im Zeitungsverlag Waiblingen mit Werken von Jean-Marc Dufour und Wlodzimierz Szwed

Szwed gilt in der Schorndorfer Szene und darüber hinaus als wahrer Erfinder. Als Bilderfinder, aber mehr noch als Kreateur von Verfahren, die eigen sind und in einem weiten Umkreis einzig.

Seine neue Befassung gilt einem Stoff, der für die Papierherstellung wesentlich ist. Insofern schon einmal passend für ein Zeitungshaus. Zellstoff, Holzfasern. Die vermischt er mit Acrylbinder, trägt die Masse auf Papier oder Leinwand auf, presst den Stoff, zwingt ihn dabei zu Linien, wie wir es von den Schreibheften kennen. Aber dann, wenn die Masse soweit trocken ist, und er den Stempel, es kann auch ein Gitter sein, wieder wegnimmt, dann entstehen Fehlstellen, Unsauberkeiten.

Früher waren die Zeichen noch lesbar

Oft geht es in der Kunst um den gesteuerten Zufall. Szwed spricht von Interventionen, herbeigeführt durch „Kurzschlusshandlungen“. Kurz: Ein „Eigenleben“ schreibt er dem Material ein, oder lässt es selbst schreiben. Könnte sein, dass hier ein heimlicher Text mitgeschrieben wurde. Aber er zeigt sich gelöscht. Dass es Szwed früher um Zeichenhaftigkeit ging, um lesbare Buchstaben, das war augenfällig. Und ist auch jetzt noch in der Ausstellung über die vier Etagen des Zeitungshauses zu sehen. Eine eingefärbte Fläche bricht ab, franst aus, beginnt zu schweben wie bei den Meditationsbildern eines Mark Rothko, aber da ist ja die Rückbindung an den Text, auch wenn wir ihn nicht verstehen.

Szwed hatte dazu einem Kugelkopf aus einer IBM-Schreibmaschine ausgebaut und in eine Halterung gespannt. Den Kopf mit den Typen drauf in Druckerschwärze getunkt, und dann scheinbar wahllos auf dem Bildträger abgerollt. Das machte die Magie der Arbeiten von Szwed aus.

Eine universelle Bildsprache

Es ist schön, jetzt in Waiblingen nochmals einschätzen zu können, ob diese Idee 20 Jahre nach der Erprobung noch trägt. Siehe da, Idee wie auch das Verfahren, es wirkt weiter berückend.

Und gleichzeitig sehen wir, wie er mit dem Verschwinden des Textes fortfährt, und wir uns vollends selbst einen Reim aufs Geschaute machen sollen. Dann, wenn er den Zellstoff mit Gusseisenpulver vermischt. Die Flugschriften nehmen Flugrost an.

Oder wenn auf grafitgraue Flächen feinste Acryltropfen fallen lässt. Eine universelle Bildsprache, geradewegs aus dem zu uns leuchtenden Universum entnommen. Wie heißt es bei Immanuel Kant, der uns eingebläut hat, wir wollen es uns mit dem Glauben, mit der Religion, nicht so leicht machen: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Jean-Marc Dufour lebt auf dem Land

Kant gab noch den Rat mit, dass man beides, das Sternensystem ebenso wie das Gesetz der Moral, nicht als etwas uns Äußeres und Abgewandtes zu sehen hat. Man soll es in seinem „Gesichtskreise suchen“, und man soll beides mit dem„Bewusstsein seiner Existenz verknüpfen. Insofern und zu diesem Zweck liefert Szwed sehr weltliche Andachtsbilder.

Jean-Marc Dufour lebt auf dem Land bei Tulle, der französischen Partnerstadt von Schorndorf. Er ist der fleißigste Kollaborateur, wenn der Schorndorfer Kunstverein mal wieder zu Gemeinschaftsaktionen aufruft. In seinem Smartphone gespeichert hat er Bilder von Platten aus Beton, in die er kaum merklich Linien einer Landschaft einschreibt. Gehen ein paar Jahre Zeit und Natur über die Platten, sehen sie wie eingewachsen in den Grasgrund aus, wo die Platten zum Liegen kommen. Solch ein Relief ist zu finden neuerdings in der Raible-Grünanlage im Süden von Schorndorf.

Eine Serie reserviert Dufour speziell den Frauen

Hier in der Ausstellung in Waiblingen zeigt er neben Auseinandersetzungen mit Bildhauer-Größen der Vergangenheit Gipsplatten, die auch etwas Erhabenes haben: ein Gespinst aus Draht. Auf den zweiten Blick als Stühle zu erkennen, denen freilich die Sitzfläche fehlt. Aber es sind ja auch nur Angebote, die wir selbst mit Inhalt zu füllen haben, sagt er. So oft beobachtet er, dass wir in Auseinandersetzungen zwischen Mann und Frau ein Gebot nicht beachten: sich Zeit zu nehmen, hinzusitzen und sich dann erst verbal auseinanderzusetzen. Eine Serie mit Stühlen, die immerhin Sitzflächen aus Gipsbinden erhielten, reserviert Dufour speziell den Frauen, schon vom Titel her.

Die schwarze Pädagogik voriger Jahrhunderte habe das weibliche Geschlecht niedergedrückt. Ihm Sitzgelegenheit zu geben, damit auch Augenhöhe in Auseinandersetzungen, das allein schon wäre ein Akt der Wiederbeschaffung von Würde.

Soll sagen: Um Gerechtigkeit ins Recht zu setzen, ist es nie zu spät.

Wlodzimierz Szwed und Jean-Marc Dufour

Eröffnet wird die Ausstellung mit Arbeiten von Wlodzimierz Szwed und Jean-Marc Dufour diesen Sonntag, 25. September, um 11 Uhr in der Galerie des Zeitungsverlags Waiblingen, Albrecht-Villinger-Straße 10. Es spricht Ricarda Geib.
Zu sehen ist die Ausstellung mit Bildobjekten und Bildhauerarbeiten bis zum 11. November montags bis donnerstags von 8 bis 17.30 Uhr, freitags bis 16.30 Uhr.