Waiblingen

Stones-Pianist Chuck Leavell im Sägenwerk

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Chuck Leavell bie seinem Auftritt bei Stihl. © Ramona Adolf
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Chuck Leavell bie seinem Auftritt bei Stihl. © Ramona Adolf
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Chuck Leavell bie seinem Auftritt bei Stihl. © Ramona Adolf
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Chuck Leavell bie seinem Auftritt bei Stihl. © Ramona Adolf
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Chuck Leavell bie seinem Auftritt bei Stihl. © Ramona Adolf
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Chuck Leavell bie seinem Auftritt bei Stihl. © Ramona Adolf
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Chuck Leavell bie seinem Auftritt bei Stihl. © Ramona Adolf

Waiblingen. Wenn sein starker Arm es will, stehen alle Räder bei Stihl still. Einer, der immer wieder für die Rolling Stones in die Tasten greift, hat jetzt für 20 Minuten die Produktion im Sägenwerk lahmgelegt. Weil die Arbeiter alle Hände brauchten, um Chuck Leavell am Piano Ehre zu erweisen. Der Musiker aus Georgia, USA, kam erneut ins Werk, weil er ein überzeugter Anwender von Kettensägen aus Waiblingen ist.

Chuck Leavell spielt bei Stihl.

So nett, so bescheiden. Es ist ganz und gar nicht anzunehmen, dass Leavell Hotelzimmer zerlegt. Auch nicht mit dem Geschenk, das er nach dem Kurz-Konzert überreicht bekam. Eine kleine Stihl aus neuester Produktion, zusätzlich zu seinem großen Werkzeugpark für seinen Waldbesitz.

So nett. Es sei ihm „eine große Ehre“, hier zu spielen, vor den Arbeitern. Vor zehn Jahren, beim ersten Besuch bei den Stihlianern, hatte er schon mal performt. Freilich noch in der Kantine. Und nicht mit der Folge eines solchen Einschnitts in die Produktion.

Man weiß, dass Rock’n’Roller gern in Gefängnissen spielen. Das hat so was verwegen Outlaw-Mäßiges. Konzerte in Fabriken sind weniger dokumentiert. Ein solcher Schulterschluss zwischen Arbeitern mit dem Arm und Arbeitern des Kopfes, welche dann virtuos die Finger zu bewegen wissen, ist denn doch so originell, dass sich zu den Arbeitern der gesamte Vorstand gesellt. Und seine Freude hat. Die Arbeiter, die noch nicht so richtig wahrhaben wollen, was da geschieht, anfeuern. Indem der Krawattenmensch sich vorne hinstellt und rockt und klatscht.

Ein Rock’n’Roller mit besten Manieren

Derweil zückt der Mann im Unterhemd, der Stihl-Arbeiter, der mit der Ganzkörper-Tätowierung, so weit einsehbar, sein Schlautelefon und macht Aufnahmen. Die kann er noch seinen Enkeln zeigen. Leavell, dieser nette Star von nebenan, hat sich vorher sagen lassen, dass ein gewisser Jürgen heute in der Halle Geburtstag hat. Also gibt’s erst einmal ein Happy-Birthday-Ständchen mit Tastendonner. Der Chef über alles, Bertram Kandziora, hatte zuvor das Startsignal gegeben: „The stage ist yours“. Leavell legt los. Der von Piano-Fischer, Schorndorf, ausgeliehene Flügel heult nicht auf wie ein Zweitakter unter seinen Fingern, aber die alte Cowboy-Metapher vom Aufbäumen passt schon. Ein Boogie-Woogie lässt das Instrument erzittern. Aber alles im Rahmen, wie bei einem gut gelagerten und gedämpften Gehäuse für die Säge. Vielleicht ist es ja das, was Leavell zu Stihl greifen lässt – good vibrations. Er sagt, er habe eine Motorsäge jeden Tag in der Hand, wenn er Pause hat vom Touren und in seinen Wald geht. Und ein Gerät, das ruhig in der Hand liegt, muss einem solch taktil Beanspruchten wie einem Tastenmann schon was wert sein.

Ob wir was von den Stones hören wollen? Vielkehliges Yeah. Die jeder Firmen-Compliance hohnsprechende „Honky Tonk Woman“ schält sich frivol aus den Anfangsakkorden. Zum Schluss darf es ein Hohes Lied auf die Heimat sein: „Georgia on my mind“. Das alles unweit der „Kostenstelle 2334“, wie Schilder über dem Kopf signalisieren. Direkt bei den Metallschränken mit Schriftlichem („Richtiges Unterweisen“) für die Montage.

Es ist nicht so, dass es vorab eine Umfrage bei den Beschäftigten gab, was denn nun ihre musikalische Präferenz ist. Der Organisationsgrad bei der IG Metall ist hoffentlich nicht gering. Also wäre Heavy Metal vielleicht das favorisierte Ding bei all den Metallern.

Aber heute spielt das keine Rolle. Es legt sich fast so etwas wie Ergriffenheit über die Fabrik-Szenerie. Dort, wo der Griff an den Motor kommt.

Alle warten jetzt auf das nächste Mal. Dramaturgisch ist noch was drin. Mit dem Schlussakkord, kann man sich vorstellen, sollte ein Zweitakter starten und sein heißeres Gebrüll in den Sound einspeisen. Einen Tonabnehmer am Gehäuse braucht es hierfür sicher nicht.

Ach, man hätte so viele Ideen für das wunderbarste Kettensägen-Massaker an der Musik.

Sicher arbeiten sie bei Stihl schon daran.

Chuck Leavell

Leavell ist auf der Durchreise. Diesen Donnerstag spielt er bei Jazz Open in Stuttgart mit dem Pink-Floyd-Kopf David Gilmour.

Leavell gilt in den USA als Waldschützer und hat auch ein Buch geschrieben über Nachhaltigkeit.