Waiblingen

Straftaten? Normaler Durchschnitt

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Deutschunterricht für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Berufsschule der Paulinenpflege im Schelmenholz. © Paulinenpflege

Waiblingen. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – die Schwächsten der Verletzlichen – sind durch einen grauenhaften Mord generell ins politische Gerede gekommen. Soll das Alter aller, die vorgeben, noch nicht erwachsen zu sein, mit Röntgenbildern ermittelt werden? Sieht man dann wirklich klarer? Bringt das was? Wenn ja, was denn? Und wie sieht die Situation eigentlich tatsächlich aus im Kreis?

Minderjährige Flüchtlinge, besonders schützenswert, sind ins politische Gerede gekommen. Sind die, die sich als so verletzlich präsentieren, wirklich immer, was sie vorgeben? Oder erschleichen sich hier junge Erwachsene besonderen Schutz, besondere Zuwendungen und Vorteile? Wäre, wenn hier – wie auch immer – noch genauer geguckt und gerichtet würde, der Mord an dem 15-jährigen Mädchen in Rheinland-Pfalz womöglich nicht geschehen? Und welche Verbrechen sind bei uns im Kreis schon geschehen?

Im Rems-Murr-Kreis leben zurzeit insgesamt 265 minderjährige junge Flüchtlinge, die sich ohne erwachsene Begleitung hierher durchgeschlagen haben. Sie heißen auf Amtsdeutsch „Uma“: „unbegleiteter minderjähriger Ausländer“. Die meisten dieser jungen Menschen wurden aus Stuttgart dem Rems-Murr-Kreis zugeteilt. Das Alter wurde dort schon geschätzt. Für weniger als zehn Prozent, also für höchstens 26, war der Rems-Murr-Kreis die allererste Anlaufstelle. Bei diesen Jugendlichen hat das Kreisjugendamt die Pflicht-Aufnahmeschritte getan.

In diese Inobhutnahme fällt, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das „Erstscreening“: Der Gesundheitszustand wird geprüft, das Alter festgestellt. Da Dokumente in den seltensten Fällen vorliegen, geschieht Zweiteres entweder durch Schätzung oder durch körperliche Untersuchung bis hin zur radiologischen Untersuchung von Handwurzelknochen, Gebiss oder Schlüsselbein. Anhand dieser Untersuchung kann allerdings nie das genaue Alter festgestellt werden. Sie gibt nur eine Altersspanne an. Und die ist sehr weit – zwischen drei und fünf Jahre. Das Kreisjugendamt steht solchen Untersuchungen recht kritisch gegenüber. Sie sollten nur in Ausnahmefällen erfolgen.

An erster Stelle steht eine Schätzung durch Sozialpädagogen.

 

„Wir müssen wissen, wer bei uns wohnt“

Diese Einstellung, die sich an die Empfehlung der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer anschließt, bedeutet aber nicht, dass im Kreis ein Kuschelkurs gefahren wird: Landrat Richard Sigel betont, dass der Kreis „bewusst Vorreiter in Sachen Nacherfassung der Identität“ gewesen sei. „Denn wir müssen wissen, wer bei uns im Landkreis lebt.“ Für ein friedliches Zusammenleben gälten „die gleichen Spielregeln für alle“. Wenn sich nun ein junger Flüchtling nicht an die Spielregeln hält, müsse das Fehlverhalten sanktioniert werden können.

Viele Jugendliche sind traumatisiert und haben Angst

Um was für Fehlverhalten aber geht es überhaupt? Gibt es bislang irgendeinen Grund für große Sorge? In der Berufsschule der Paulinenpflege lernen 22 Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren in zwei Klassen. Diese Jugendlichen haben vor allem Angst, schildert Christiane Sättler-Adel. Angst vor Abschiebung, Angst, weil wieder und wieder schlechte Nachrichten aus der Heimat sie erschüttern. Viele seien traumatisiert, einige selbstmordgefährdet. Das erste Ziel ist es, „dass die Schüler sich emotional stabilisieren und wieder positive Erfahrungen machen“.

Denn nur dann, so die Pädagogin, „sind sie fähig zu lernen“. Straffällig geworden ist aber noch niemand. Im Gegenteil: Viele der Schüler hätten „sehr gute soziale Kompetenzen, achten aufeinander, und selbst stark traumatisierte Jugendliche schlichten Streit und greifen zum Guten ein“.

"Verstöße": Nur zwei Fälle im Gedächtnis geblieben

Im SOS-Kinderdorf in Oberberken – 57 junge Menschen im Alter zwischen zwölf und 20 Jahren leben hier – gab es „Verstöße“, wie Leiter Rolf Huttelmaier vorsichtig schreibt. Doch die würden sich in keiner Weise von „Verstößen von jungen Menschen in der Jugendhilfe“ unterscheiden. Das heißt: Es geht in keinem Fall um Mord oder Totschlag, um Vergewaltigung oder schweren Raub. Es geht um Handgreiflichkeiten oder kleinere Diebstähle.

Das Landratsamt bestätigt diese Aussagen für den gesamten Kreis. Nur zwei Fälle sind im Gedächtnis geblieben. Diese sind typisch für die Erfahrungen aller Befragten: „Ein Jugendlicher konnte den Verlockungen unserer Warenwelt nicht widerstehen, wurde verurteilt und ist dann nicht mehr strafrechtlich in Erscheinung getreten. Ein anderer Uma hat immer wieder ein Problem damit, hier in Deutschland die Regeln und Autoritäten zu akzeptieren.“

Zwar werden straffällige jugendliche Flüchtlinge bei der Jugendgerichtshilfe statistisch nicht gesondert erfasst.

Doch der „gefühlte Anteil“, heißt es aus dem Landratsamt, sei „nicht signifikant höher als im Durchschnitt der anderen männlichen jungen Menschen“.


Herkunftsländer

Die meisten, nämlich 89, der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im Rems-Murr-Kreis kommen aus Afghanistan.

78 Jugendliche kommen aus Syrien, 19 aus dem Irak, 16 aus Eritrea, 15 aus Gambia und zehn aus Somalia.

Im Gegensatz zu den erwachsenen Flüchtlingen, die häufig aus Algerien kommen, ist kein einziger Minderjähriger aus diesem nordafrikanischen Land. Nordafrikaner werden besonders beobachtet.