Waiblingen

Strafverfahren nach Asbest-Ausbau

Bahnhof
Beim Abbau der Platten von den Bahnsteigdächern hat eine Baufirma asbesthaltiges Material unsachgemäß zerkleinert. Foto: Palmizi © Palmizi/ZVW

Waiblingen. Im Auftrag der Bahn hat eine Baufirma am Waiblinger Bahnhof Asbestplatten ausgebaut. Die nötige Qualifikation dafür hatte sie nicht. Auf den Verantwortlichen kommt jetzt ein Strafverfahren zu. Mit der weiteren Sanierung auf dem Bahnhofsvorplatz beginnt am Montag eine andere Firma.

Durch den Hinweis eines Passanten wurde die Gewerbeaufsicht des Landratsamts auf das unsachgemäße Vorgehen der Baufirma aufmerksam, prüfte die Situation – und erließ am 3. August einen Baustopp. Für den Ausbau von asbesthaltigem Material gelten strenge und detaillierte Sicherheitsvorschriften. Gegen diese wurde, wie ein Sprecher der Polizeidirektion Aalen bestätigt, „massiv“ verstoßen.

Mehr noch: Die Firma hatte gar nicht die nötige Qualifikation für den Umgang mit Asbest – sie hätte mit der Demontage der Bahnsteigdächer also gar nicht erst anfangen dürfen. Der Verantwortliche der Firma hat nun ein Strafverfahren am Hals. Wie eine Bahn-Sprecherin unserer Zeitung bereits in der Woche des Vorfalls versicherte, hatte die Bahn, zumal der Asbestgehalt der Dachplatten bekannt war, per Ausschreibung eigentlich eine Spezialfirma gesucht, welche die Vorschriften kennt und einhält.

Teil der Arbeiten in der Nähe von Menschen

Eine solche kam jedoch erst für die restlichen Arbeiten zum Zuge. Nach dem Baustopp wurde sie von der für den Asbest-Ausbau nicht qualifizierten Baufirma als Subunternehmer eingesetzt. Danach lief nach Bekunden der Bahn alles vorschriftsgemäß. Die restlichen Platten seien sachgemäß abgebaut worden, die Bahnsteige dazu gesperrt, die vorgeschriebenen Uhrzeiten und Sicherheitsvorkehrungen eingehalten, das Material abgesaugt, richtig verpackt und entsorgt.

Die erste Firma hatte die Asbestplatten unsachgemäß zerkleinert – nach Aussage eines Augenzeugen mit der Spitzhacke. Zumindest ein Teil der Arbeiten soll während des laufenden Betriebs und in der Nähe von Menschen ausgeführt worden sein, die dort nichtsahnend auf ihre Züge warteten. Wie viele Asbestfasern tatsächlich durch die Luft schwirrten, lässt sich schwer bis gar nicht mehr rekonstruieren und bewerten. Der Regen Anfang August hat wahrscheinlich Fasern aus der Luft gewaschen und zu einer Besserung der Situation beigetragen.

Am Montag geht die Sanierung am Bahnhofsvorplatz weiter

Die Sanierungsarbeiten der in die Jahre gekommenen Gebäude auf dem Bahnhofsgelände Waiblingen gehen weiter. Nachdem der Kies vom Flachdach abgetragen ist, beginnt am Montag der Rückbau der im Bereich des Bahnhofsvorplatzes angebrachten, ebenfalls asbesthaltigen Deckenplatten. Tätig wird dabei laut Mitteilung des Landratsamts ein „qualifiziertes Fachunternehmen aus Stuttgart“.

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, das Bahnhofsgebäude ist eingerüstet. Unter dem Dach befindet sich eine stabile Zwischenebene aus Gerüstböden, damit Fußgänger gegen herunterfallendes Werkzeug, Kieselsteine der Dachschüttung und „im Zweifel auch vor dem Absturz ganzer Deckenplatten“ geschützt sind, heißt es in der Mitteilung weiter. Ergänzend wurde eine Kunststoffbahn eingezogen, so dass selbst kleine Partikel nicht auf den Boden fallen können.

So schildert das Landratsamt die Vorgehensweise beim Rückbau: Zunächst werden die weiß beschichteten Deckenplatten mit einem speziellen Faserbindemittel eingesprüht. Im nächsten Schritt wird jede Platte einzeln vorsichtig abgenommen, auf der Rückseite wieder mit Faserbindemittel eingesprüht und anschließend sicher eingepackt. Die waagerechten Flächen der Dachkonstruktion werden mit speziellen Staubsaugern abgesaugt.

Sicherheitshalber wird nachts gearbeitet

Die Deckenplatten am Waiblinger Bahnhofsgebäude sind laut Landratsamt größtenteils gut erhalten und beschichtet. Dass schädliche Asbestfasern freigesetzt würden, sei daher unwahrscheinlich. Sicherheitshalber sollen die Sanierungsarbeiten jedoch in der Nacht stattfinden, wenn wenig Fußgänger unterwegs sind.

Auch bei den Bushalteplätzen am Waiblinger Bahnhof wird gebaut. Die Linie 205 startet daher am Haltepunkt 8, die Linie 207 ebenfalls am Halteplatz 8 und die Linie 208 an Platz 3. Die Änderungen, die aus Sicherheitsgründen vorgenommen werden müssen, so informiert das Omnibusunternehmen OVR, gelten voraussichtlich bis Jahresende.


Gesundheitsrisiko? Einschätzung unmöglich

„Die Schutzmaßnahmen am Bahnhof sind auf einem sehr hohen Niveau“, fasst das Landratsamt Rems-Murr seine Ausführungen betreffend der Sicherheitsmaßnahmen nächste Woche zusammen: „Niemand, der sich unter der Überdachung aufhält, ist einem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt.“

Anders sah es aus, als die dafür nicht qualifizierte Firma die Bahnsteigplatten an den Gleisen 6 und 7 demontierte. Nachträglich lasse sich das Maß der Asbestfasern-Konzentration in der Luft allerdings nicht rekonstruieren – und damit auch nicht das gesundheitliche Risiko für die Fahrgäste.

Ohne Kenntnis der Faser-Konzentration, welcher die Anwesenden ausgesetzt waren, sei eine Einschätzung reine Spekulation, bestätigt der Gewerbearzt und Arbeitsmediziner Dr. Gerhard Bort vom Regierungspräsidium.

Ein Asbest-Verbot gibt es in Deutschland seit 1993. Das Maximum des Asbest-Einsatzes in Deutschland wurde 1978 erreicht, etwa aus jener Zeit stammt der Waiblinger Bahnhof. Von fest gebundenen und verbauten Asbestplatten geht keine Gefahr aus, ein Risiko besteht bei Ausbau und Entsorgung, wenn freigesetzte Fasern eingeatmet werden.

Von Asbestose betroffen sind vor allem das Baugewerbe und Automechaniker. In Einzelfällen könne aber auch eine einmalige Exposition noch Jahre später zu Erkrankungen führen, sagt Gerhard Bort.