Waiblingen

Streik: „Bildung ist so nicht möglich“

Der Demo-Zug bewegte sich vom Postplatz zum Landratsamt und zum Rathaus._0
Der Demo-Zug bewegte sich vom Postplatz zum Landratsamt und zum Rathaus. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Mit Warnstreiks unter anderem an Kindergärten und Ganztagsschulen in Waiblingen hat die Gewerkschaft Verdi die heiße Phase der aktuellen Tarifrunde eingeläutet. Bei einer Demo forderten 200 Streikende mehr Gehalt. Derweil brachten Eltern ihre Kinder in Notgruppen unter oder behielten sie, falls möglich, zu Hause.

Schmalspur-Programm in der Obsthalde und anderswo: Statt wie an normalen Tagen für 108 hatte die Kindertagesstätte in Beinstein am Dienstag nur Platz für insgesamt 30 Kinder. Grundsätzlich haben die abgebenden Eltern an diesem Morgen Verständnis für den Streik der Erzieherinnen. So auch Frantisek Maxa und Verena Turnit, die aber ausdrücklich darauf bauen, dass der Arbeitskampf nicht wieder über Wochen anhält wie 2016. „Das war nervenaufreibend“, erinnert sich der Vater. Zumal die Streiktage und entsprechend die Notgruppen nicht immer rechtzeitig angekündigt waren – was die Suche nach Lösungen erschwerte.

Erleichtert sind alle, dass es die Notgruppen gibt. Ohne würde es „spannend“, sobald die Schwiegereltern ausnahmsweise nicht einspringen können, sagt Magda Dietenberger, die explizit ihre Anerkennung ausspricht für das, „was die Erzieherinnen täglich leisten“.

Ein Glück, dass es an Kitas die Notgruppen gibt

Als „normales Vorgehen“ empfindet Rainer Bürkle die Arbeitsniederlegung. Als Mitarbeiter eines Metallbetriebes profitiere er selbst auch von erkämpften Gehaltserhöhungen. Einen stressigen Job bei schwierigen Bedingungen und nicht üppigem Lohn hätten die Kita-Beschäftigen, meint Mehrfach-Mutter Viktoria Rüffer.

Mit dem vollzogenen Wechsel von einer kirchlichen in die städtische Einrichtung ist die Familie zufrieden. „Das ist der beste Kindergarten, den wir je hatten.“ Der einzige Nachteil zeige sich an Tagen wie diesen: Bei der Stadt wird gestreikt. Kein großes Problem an einzelnen Tagen, aber auf Dauer ein Kostenfaktor, wenn eigens die Großeltern anreisen müssen. Das Gehalt der Erzieherinnen findet Stavroula Tsaponi „ein bisschen zu mager“. Bei früheren Streiks klappte es nicht immer mit einer Notgruppe, da musste ein Elternteil zu Hause bleiben. „Zum Glück haben wir humane Chefs.“

Quereinsteiger in Kitas „nicht mehr als eine Notlösung“

Unter den Eltern, die Kinder in die Notgruppe der Obsthalde bringen: Landrat Richard Sigel mit Töchterlein. Obwohl Vertreter der Arbeitgeberseite im öffentlichen Dienst, äußert er „großes Verständnis“ für die Tarifwünsche und erkennt ein strukturelles Problem des Arbeitskampfes. Der Flächentarif gelte bundesweit, und während Erzieherinnen in der Region Stuttgart hohe Mieten und Lebenshaltungskosten stemmen müssten, täten sich Kollegen in anderen Bundesländern weitaus leichter.

Die Anmeldung für die Notgruppen in der Obsthalde verlief konfliktfrei, denn die meisten Eltern wussten sich für den einen Warnstreiktag offenbar anders zu behelfen – mit den Großeltern oder einem spontanen Urlaubstag. Gibt es weniger Notgruppen-Plätze als interessierte Familien, muss das Kita-Personal das Gespräch mit den Eltern suchen. Wer berufstätig ist und nicht auf die Großeltern ausweichen kann, hat das Vorrecht. „Mein Eindruck ist außerdem, dass die Eltern gut vernetzt sind und sich in solchen Fällen gegenseitig unterstützen, sagt Einrichtungsleiterin Ina Johannböcke.

„Geld ist nicht alles“

Rund 200 Streikende aus dem öffentlichen Dienst marschierten am Vormittag durch die Waiblinger Innenstadt vor das Landratsamt und das Rathaus. „Unsere Dienststelle ist heute fast leer“, freute sich eine Mitarbeiterin des Jugendamts, „das ganze Team ist hier - das ist einfach klasse“.

Eine Erzieherin und Mutter widersprach den Äußerungen von Bürgermeisterin Christiane Dürr in unserer Zeitung zur Personalausstattung. Der Fachkräftemangel sei auch in Waiblingen angekommen, was besonders das verbliebene, überlastete Personal bei Krankheitswellen spüre. Stellen von Erzieherinnen im Mutterschutz würden wegen des Mangels nicht gleich wieder besetzt. Die Stadt tue wirklich viel für die Beschäftigten – anders private und kirchliche Träger. Letztere sollten Mitarbeiterinnen in Religionspädagogik fortbilden, lautet eine konkrete Forderung.

Die von Bürgermeisterin Christiane Dürr als Mehrwert gepriesenen „multiprofessionellen Teams“ mit Kinderkrankenschwestern, Grundschullehrerinnen oder Logopäden in den Kitas seien nicht mehr als „Notlösungen“. Und an Grundschullehrern bestehe sowieso Mangel – und an den Horten arbeite oft kaum Fachpersonal. Bildung sei mit diesem permanenten Mangel nicht möglich. „Geld ist nicht alles“, da habe die Bürgermeisterin Recht. „Aber es ist ein Anfang und ein Weg zu etwas mehr Anerkennung“.

Für großen Unmut unter den Streikenden sorgte der Versuch der Stadtverwaltung, vor dem Streik die Streikbereitschaft abzufragen. Das hätten viele als versuchte „Einschüchterung“ empfunden.


Was Verdi will

Die Warnstreiks im öffentlichen Dienst wurden in ganz Baden-Württemberg fortgesetzt. Betroffen waren alle Bereiche vom Nahverkehr über Kitas, die Kliniken, Abfallwirtschaft (auch im Rems-Murr-Kreis), Stadtverwaltungen und Bauhöfe bis hin zu Arbeitsagenturen.

Verdi fordert für die Beschäftigten sechs Prozent mehr Lohn und Gehalt, mindestens aber 200 Euro pro Monat. Gleichzeitig sollen die Ausbildungsvergütungen und Praktikantenentgelte um 100 Euro pro Monat angehoben werden. Die Vorschrift, Auszubildende nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung zu übernehmen, will ver.di wieder in Kraft setzen. Die Laufzeit soll zwölf Monate betragen.

Die nächste Verhandlungsrunde wurde für den 15. und 16. April 2018 in Potsdam vereinbart.