Waiblingen

Streit um Abi an Gemeinschaftsschulen

Gemeinschaftsschule Neustadt_0
Die Gemeinschaftsschule in Neustadt: Diese Kinder gehen in die 5. Klasse. Ob sie die Möglichkeit haben, an ihrer Schule bis zum Abitur zu bleiben, ist noch nicht geklärt. © Laura Edenberger

Waiblingen. Die Gemeinschaftsschule in Neustadt will eine gymnasiale Oberstufe. Dann könnten Gemeinschaftsschüler auch der umliegenden Gemeinden ohne Wechsel von Schulart und Pädagogik Abi machen. Das Kultusministerium wird’s nach Überzeugung von Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring nicht zulassen. Der Grund ist nicht pädagogischer Zweifel. Es ist die Schulpolitik, die dazwischenfunkt.

Lesen Sie hier den Kommentar von Redakteurin Pia Eckstein zum Thema.

Schlagzeile: „Amphibie bringt verloren geglaubten Goldschmuck zurück“. Erstens: Was ist eine Schlagzeile? Zweitens, was ist eine Amphibie? Drittens: Welches Märchen könnte hinter dieser Zeile stecken? In der fünften Klasse strecken sich Hände nach oben. Stopp, Mund halten, die anderen sollen auch noch drauf kommen. Also: Prinzessin verliert Goldkugel, muss einen Frosch küssen und heiratet einen Prinzen. Ah!

Differenzierung ist in der Neustädter Friedensschule Alltag. Erst schwer, dass die Schlauköpfe knobeln können, dann ein bisschen klarer und am Schluss gibt’s noch den kleinen Schubs, dass bei wirklich allen der Groschen fällt. Die Friedensschule ist Gemeinschaftsschule. Hier lernen alle Kinder zusammen, ganz gleich, welche Schulempfehlung ihnen der Lehrer am Ende der Grundschule mitgegeben hat.

"Dieselben Abschlussprüfungen wie an anderen allgemeinbildenden Schulen"

Auf der Homepage des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport heißt es zum Stichwort „Gemeinschaftsschule“: „An der Gemeinschaftsschule werden dieselben Abschlussprüfungen wie an den anderen allgemeinbildenden Schulen durchgeführt. Bei Vorliegen eines öffentlichen Bedürfnisses, insbesondere ausreichender Schülerzahl, kann die Gemeinschaftsschule eine eigene Oberstufe anbieten.“

Rektorin Gollnick will Oberstufe anbieten

Die Friedensschule in Neustadt ist eine besondere Gemeinschaftsschule: Als einzige im Rems-Murr-Kreis ist sie im Jahr 2014 aus einer Realschule und nicht aus einer Haupt- oder Werkrealschule hervorgegangen. Jetzt möchte Rektorin Gabriele Gollnick wieder den besonderen Weg gehen: Im Gegensatz zu allen anderen Gemeinschaftsschulen im Kreis will sie ihren Schülerinnen und Schülern eine Oberstufe anbieten. Sie will die Kinder, die auf dem sogenannten „E-Niveau“, dem erweiterten Niveau der Gymnasien lernen, auch zum Abitur führen.

Gemeinschaftsschule: Alle Möglichkeiten in einer Schule

Gabriele Gollnick will mit diesem Schritt ihren Schülern und allen Kindern, die auf Gemeinschaftsschulen in der Umgebung gehen, den Schulartwechsel ersparen und sie auf den gewohnten Lernwegen zur Hochschulreife bringen. Sie will damit auch die Gemeinschaftsschule stärken. Denn, sagt sie, seit die Realschule ebenfalls zwei Lernniveaus anbietet, sinke der Ruf der Gemeinschaftsschule wieder so wie einst der Ruf der Hauptschule. Die Bezeichnung „Gemeinschaftsschule“ werde wieder einfach nur wie ein neuer Name für die ungeliebte Schulart empfunden.

Tatsächlich will Gabriele Gollnick nur das durchziehen, was, als die Gemeinschaftsschule vor wenigen Jahren etabliert wurde, als eines der größten politischen Argumente angeführt wurde: eine Schule für alle. Alle Möglichkeiten in einer Schule.

Durch eine Antragstellung entsteht kein Nachteil

Die jetzigen Achtklässler würden, sagt Gabriele Gollnick, schon fragen, wie es denn mit dem Abi an ihrer Schule aussähe. Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Schulamts Backnang und damit verantwortlich für die Neustädter Friedensschule, bremst allerdings heftig. „Wir sind als Schulamt Backnang von Anfang an davon ausgegangen, dass es eher keine Sekundarstufe II (gymnasiale Oberstufe, Anm. d. Red.) im Rems-Murr-Kreis geben wird.“

Der Kreis steht nicht alleine da: Im Frühjahr 2017 konnten die ersten Gemeinschaftsschulen des Landes einen Antrag auf Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe stellen. Das hat bislang noch keine einzige getan. Fünf Schulen haben diesbezüglich beim Regierungspräsidium mal angefragt.

Die Pressestelle des Regierungspräsidiums erklärt: „Der Stadt Waiblingen wird durch eine Antragstellung erst im Schuljahr 2018/19 kein Nachteil entstehen, etwa weil dann schon eine bestimmte Zahl von gymnasialen Oberstufen an Gemeinschaftsschulen genehmigt sein könnte. Genehmigungsgrundlage ist die im Gesetz genannte Mindestschülerzahl.“

Mindestschülerzahl muss erreicht werden

Diese Mindestschülerzahl sieht Sabine Hagenmüller-Gehring als den größten Fallstrick an. Der Koalitionsvertrag von 2016, geschlossen zwischen Grünen und CDU, schreibt vor, dass eine Gemeinschaftsschule in den Klassen 5 bis 10 mindestens vierzügig sein muss. Mindestens 60 Schülerinnen und Schüler müssen das Abitur anstreben. In diese Zahl fließen prozentual Schülerzahlen aus den umliegenden Gemeinschaftsschulen und Realschulen mit ein. Erst wenn das passt, wird die gymnasiale Oberstufe genehmigt.

Nur wenige Schulen sind groß genug

Nur wenige Gemeinschaftsschulen sind groß genug. Ob Neustadt die geforderte Schülerzahl zusammenbringt, dafür lägen, so das Regierungspräsidium, bislang nicht die notwendigen Daten vor. Erst zum Schuljahr 2018/2019 ist es so weit – die ersten Klassen sind herangewachsen. Die erste 11. Klasse könnte 2020/2021 loslegen. Sabine Hagenmüller-Gehring spricht aber auch noch von einem Deckel. „Die Zahl der Gemeinschaftsschulen mit gymnasialer Oberstufe, die landesweit genehmigt werden, ist ‘gedeckelt’ auf zehn Standorte.“ Dieser Deckel wird zwar in der Mail des Regierungspräsidiums bezüglich der Friedensschule mit keinem Wort erwähnt, doch laut Sabine Hagenmüller-Gehring sei er immer wieder Thema in Dienstbesprechungen und im Koalitionsvertrag festgelegt. Dort heißt es: „Die Koalitionspartner gehen davon aus, dass bis zum Ende dieser Legislaturperiode an nicht mehr als zehn Standorten Schülerinnen und Schüler an den Oberstufen der Gemeinschaftsschule unterrichtet werden“. „Gehen davon aus“ bedeutet nicht, dass es zwingend so sein muss. Zu bedenken ist allerdings, dass Koalitionsverträge gern kuschelig und dehnbar formuliert werden.

Gymnasiale Oberstufe ein Neustadt unwahrscheinlich

Nimmt man den Deckel und die Voraussetzungen bezüglich der Schülerzahl zusammen, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass Neustadt eine gymnasiale Oberstufe bekommt, quasi inexistent. Vor allem, weil im Koalitionsvertrag noch das „regionale Umfeld“ ausdrücklichst betont wird. „Bei der Antragsprüfung werden wir genau auf die vorgeschriebene Mindestschülerzahl und auf die Bewertung des regionalen Umfelds im Rahmen der Regionalen Schulentwicklung achten – dazu gehört insbesondere der Übergang in die beruflichen Gymnasien.“ Das heißt: Die Gemeinschaftsschulen sollen den schon ansässigen beruflichen Gymnasien bloß nicht in die Quere kommen.

Gemeinschaftsschule im Koaltionsvertrag 2011 an erster Stelle

Dass der politische Wind den Gemeinschaftsschulen längst entgegenweht, lässt sich schon beim Vergleich mit dem Vorgänger-Koalitionsvertrag feststellen. Unter Grün-Rot hieß es noch im Jahr 2011: „Im Anschluss an die Klasse 10 bestehen Übergangsmöglichkeiten in eine berufliche oder allgemeinbildende gymnasiale Oberstufe entweder am Gemeinschaftsschulstandort oder ...“ Hier stand die Gemeinschaftsschule noch an erster Stelle. Die beruflichen Gymnasien fanden sich im Koalitionsvertrag von 2011 erst an dritter Stelle wieder. Diese Änderung entspricht der allgemeinen Tendenz, in der Bildung den Fokus verstärkt auf den Nutzen für die Wirtschaft zu legen. Im aktuellen Koalitionsvertrag klingt das dann so: „Deshalb sorgen wir für ein leistungsfähiges und gerechtes Bildungssystem – von der Kita über Schule und Berufsschule bis zur Hochschule. Das ist auch für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts entscheidend ...“

Gegenwind für Gollnick

Die beruflichen Gymnasien im Kreis, sagt Gabriele Gollnick, seien „riesig“. „Für die sind wir doch keine Konkurrenz.“ Sie will zusammen mit ihrem Team einfach nur ihren Kindern das Bestmögliche bieten. Sie will die Gemeinschaftsschule zum Glänzen bringen und verlangt von den Verantwortlichen: „Leute, hebt doch mal die Füße.“ Das bringt ihr nun heftigen Gegenwind ein.


Gollnick und ihr Konrektor Jochen Binder sorgen dafür, dass im laufenden Schulbetrieb das Gymnasiale stattfindet: Sechs Gymnasiallehrer unterrichten derzeit, als dritte Fremdsprache wird Spanisch angeboten, wer sein Profil lieber in Richtung Naturwissenschaften oder Sport entwickeln will, kann das auch tun. Die Frage „Wie fördern wir die Gymnasiasten?“ sei immer wieder Thema im Kollegium. Damit kein Kind über- oder unterfordert wird, gibt es ab der siebten Klasse in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch zu den vier Stunden im Klassenverband noch eine „Lernzeitstunde“. In dieser Stunde werden die Kinder aus den drei siebten Klassen in vier Kurse eingeteilt, in denen sie je nach Lernniveau arbeiten. Ab der 8. Klasse werden die Fächer Deutsch, Mathe und Englisch in „Niveaukursen“ unterrichtet. Das heißt: In diesen Fächern wird der Klassenverband aufgelöst und die Kinder werden nach ihren Lernniveaus eingeteilt. Die Stunden liegen im Stundenplan parallel, die Themen sprechen die Lehrerinnen und Lehrer ab. So ist immer zum Halbjahr ein Wechsel des Niveaus möglich – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.


Das Prozedere

  • Den Antrag auf eine gymnasiale Oberstufe stellt nicht die Gemeinschaftsschule selbst, sondern der Schulträger. Das ist in diesem Fall die Stadt Waiblingen. Die Stadt prüft noch (siehe „Zitat“).
  • Den Antrag mittragen müssen neben dem Schulträger außerdem die Schulkonferenz, die Gesamtlehrerkonferenz und der Elternbeirat.
  • Außerdem müssen die umliegenden Gemeinden und Gemeinschaftsschulen mit dem Vorhaben einverstanden sein. Es müssen öffentlich-rechtliche Vereinbarungen getroffen werden.
  • Erklärt werden muss die Raumsituation der Gemeinschaftsschule: Reichen die Räume, muss gebaut werden, gibt es genügend Fachräume?
  • Das Regierungspräsidium entscheidet dann anhand dieser eingereichten Unterlagen, anhand der prognostizierten Schülerzahlen und mit Blick auf die Schulsituation rund um die Gemeinschaftsschule. Dabei spielt eine große Rolle, welche weiteren Möglichkeiten es für Gemeinschaftsschüler gibt, zum Abitur zu kommen. Wichtig sind dabei die beruflichen Gymnasien.

Zitat

Erika Schwiertz, die Leiterin des Fachbereichs Bildung und Erziehung der Stadt Waiblingen, erklärt:

„Die Stadt Waiblingen hat im Mai 2016 beim Kultusministerium eine Interessensbekundung für eine gymnasiale Oberstufe an der Friedensschule Neustadt abgegeben. Für die Genehmigung einer gymnasialen Oberstufe müssen auf Grundlage der Schülerzahlen Klasse 9 des vorgesehenen Einrichtungsstandortes langfristig stabil 60 Schüler für die Klassenstufe 11 zu erwarten sein. Dazu wurde und wird von der Stadt auch das Gespräch mit den Kommunen, die eine Gemeinschaftsschule haben, gesucht, um über eine öffentlich-rechtliche Vereinbarung zu einer stabilen Schülerzahl zu kommen, welche die gymnasiale Oberstufe verlangt.“

„Der frühestmögliche Zeitpunkt der Antragstellung ist das Schuljahr 2018/19 für eine Einrichtung im Schuljahr 2020/21. Bis dahin werden für eine Entscheidung zur Antragstellung die Prognosekriterien für die Einrichtung einer Oberstufe überprüft.“