Waiblingen

Streit um Entschädigung von Fahrgästen

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Die Doppelstockwagen der Bahn sorgen ständig für Ärger. © Gabriel Habermann / ZVW

Waiblingen. Die Remsbahn steht weiter für Pleiten, Pech und Pannen. Nun ist ein Streit um die Entschädigung von Fahrgästen entbrannt.

Im Oktober 2016 sollte auf der Remsbahn mit den neuen Doppelstockwagen alles besser werden. Doch der Ärger setzte sich fort – und manch einer sehnte sich schon nach den alten Silberlingen zurück. Eine Leserin saß wegen Stromausfall im neuen Doppelstockwagen fest und verpasste zwei S-Bahnen in Richtung Stuttgart. Erstens habe sie von der Bahn keinerlei Informationen bekommen, wie lange der Zug noch steht, beklagt die Frau. Und zweitens ließen sich die Türen nicht öffnen.

Die neuerliche Panne bei einem Regionalzug ist ein Zeichen, dass der Regionalverkehr noch immer nicht rundläuft. Ende Februar 2018 gab das Land Baden-Württemberg bekannt, dass die Regionaltochter der Bahn für die Zugausfälle 2017 eine Vertragsstrafe von elf Millionen Euro zahlen müsse. Eine Rekordsumme für Zugausfälle. – DB-Jahreskarten-Inhaber aus dem Ostalbkreis hatten von der Bahn übrigens direkt Entschädigungen bekommen. Und zwar einen Reisegutschein in Höhe eines Monatsbetrags. Kunden, die auf die S-Bahn ausweichen konnten, gingen leer aus.

Vor dem Hintergrund der Millionen-Entschädigung haben die beiden Landtagsabgeordneten Gernot Gruber (SPD) und Jochen Haußmann (FDP) im März gefordert, die Fahrgäste ebenfalls zu entschädigen: „Dass das Land Millionen kassiert, die Fahrgäste aber als eigentlich Geschädigte aufgrund der vertraglichen Situation leer ausgehen, ist den Betroffenen nicht zu vermitteln“, begründeten Gruber und Haußmann ihren Vorstoß.

„Eine fahrgastfreundliche Regelung zu finden, ist auch in meinem Sinne“

Jetzt liegt die Antwort des Stuttgarter Verkehrsministeriums vor. Es lehnt ab, auch die Fahrgäste an den üppig gefüllten Entschädigungstopf des Landes zu lassen. Zwischen Fahrgästen und dem Land bestehe kein direktes Vertragsverhältnis, begründet Verkehrsminister Winfried Hermann in einem Brief an Gruber und Haußmann, weshalb es kein Geld für die Fahrgäste gibt. Der Wunsch sei nachvollziehbar. Das Ministerium tüftele an einer Kundengarantie, die Entschädigungen künftig ermöglichten. Wie? Das könne derzeit „aufgrund der Komplexität des Themas und auch der Vielzahl an Akteuren“ nicht gesagt werden. „Eine fahrgastfreundliche Regelung zu finden, ist auch in meinem Sinne“, vertröstete Hermann die beiden oppositionellen Abgeordneten.

Die elf Millionen Euro Vertragsstrafe wolle das Verkehrsministerium lieber für Verkehrsverbesserungen ausgeben:

Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 verkehren die Züge der Remsbahn unter der Woche und auch am Wochenende mit mindestens vier Doppelstockwagen. So ließen sich unerwartete Fahrgastspitzen zuverlässiger bedienen. „Insbesondere bei Störungen soll die Betriebsabwicklung stabilisiert werden.“

Nicht zufrieden mit der Antwort des Verkehrsministers

Verbesserungen gebe es auch auf der Murrbahn. Seit Dezembers seien neue Züge vom Typ Talent 2 im Halbstundentakt unterwegs. Des Weiteren seien spürbare Fahrzeitgewinne zwischen Schwäbisch Hall-Hessental und Stuttgart von bis zu 15 Minuten erreicht worden.

Haußmann und Gruber sind mit Hermanns Antwort keineswegs zufrieden. „Verkehrsminister hält Bahnkunden in Sachen Entschädigung hin“, haben sie ihre gemeinsame Pressemitteilung überschrieben. Nicht nur, weil die Fahrgäste leer ausgehen. „Auch konkrete und verbindliche Aussagen für weitere Verbesserungen auf der Murr- und der Remsbahn, die aus der Pönale finanziert werden könnten, sind dem Antwortschreiben des grünen Ministers nicht zu entnehmen“, beklagen Gruber und Haußmann. Winfried Hermann sei allzu vage geblieben, zumal die angeblichen Verbesserungen bereits seit Dezember 2017 laufen und nichts mit der Vertragsstrafe zu tun haben. „Die Antwort des Ministers erschließt der dringend benötigten Verlässlichkeit im Schienenpersonennahverkehr keine Perspektive.“

Die Deutsche Bahn hat den Lokschaden bestätigt. Im Triebfahrzeug sei am Mittwochnachmittag eine Sicherung durchgebrannt, sagte ein Bahnsprecher. Nicht bestätigen – aber auch nicht dementieren – könne er, dass die Zugtüren nicht aufgingen. Auf den Bahnsteigen seien die Fahrgäste vom Zugausfall informiert worden. Ob auch eine Durchsage im Zug erfolgt sei, wisse er nicht.


Nach 150 Jahren neuer Betreiber auf der Remsbahn

Im Juni 2019 wird auf der Remsbahn ein weiteres, spannendes Kapitel in der 150-jährigen Geschichte aufgeschlagen. Mitten in der Remstal-Gartenschau-Saison wechselt der Betreiber von der Deutschen Bahn zu Go-Ahead, einem privaten britischen Verkehrsunternehmen. Go-Ahead hat vom Land für mindestens 13 Jahre den Zuschlag für den Betrieb der Remsbahn erhalten. Die Erwartungen an die neuen barrierefreien Züge vom Typ Flirt mit großzügigen Fahrradstellplätzen und Toiletten sind hoch.

Groß waren die Hoffnungen auf die neuen Doppelstockwagen, die die Deutsche Bahn in der Übergangszeit von Dezember 2016 bis Juni 2019 einsetzt. Vor eineinhalb Jahren wurden die 40 Jahre alten „Silberlinge“ ausrangiert und durch moderne Züge ersetzt. Die Doppelstöcker mochten zwar neuer als die alten Silberlinge gewesen sein, sie waren aber mindestens so pannenanfällig, wie die Bahn schon wenige Wochen später zerknirscht einräumte: Die Fahrzeuge stammten aus ganz Deutschland und konnten vor dem 1. Oktober nicht technisch geprüft werden. Die Bahn-Kollegen hatten den Remsbahnern reichlich mangelhaft gewartetes Material geschickt, erklärte die Bahn die Pannenserie und beklagte den Anstieg von Krankmeldungen bei Triebfahrzeugführern und Zugbegleitern.

Die Pannenserie reißt nicht ab

Seit Oktober 2016 reißen die Pannen-Meldungen entnervter Fahrgäste der Regionalzüge nicht ab. Die Schlagzeilen: „Es läuft nicht reibungslos“ (22. Oktober 2016), „Genervt vom Regionalexpress“ (20. Dezember 2016), „Ausfälle, wenig Sitzplätze, unpünktlich“ (2. März 2017), „Pro Woche fallen elf Züge auf der Remsbahn aus“ (15. April 2017), „Hoffnung auf neuen Remsbahn-Betreiber“ (13. Mai 2017), „Verkehrsminister: Gelbe Karte für die Bahn“ (8. Juli 2017). Ein Bahngipfel im März 2017 im Schorndorfer Rathaus wurde zum Tribunal für die Bahn. Die Bahn-Verantwortlichen bettelten um Verständnis und kündigen Verbesserungen an. – Bis zum September 2017 waren auf der Murr-Bahn nach Angaben des Verkehrsministeriums 5,6 Prozent der Züge ausgefallen. Auf der Rems-Bahn fielen 2,5 Prozent der Züge aus. Neuere Zahlen liegen nicht vor.

Spannend wird der Betreiberwechsel im Sommer 2019 nicht nur, weil er mitten in die Zeit der Remstal-Gartenschau fällt, zu der viele Besucher erwartet werden. Ein solcher Wechsel geht selten ohne Anlaufschwierigkeiten über die Bühne. Vor allem stellt sich die Frage, wie die neuen Betreiber der Stuttgarter Regionalbahnnetze, außer Go-Ahead auch Abellio, bis Sommer 2019 die benötigten rund 300 Lokführer und 200 Zugbegleiter rekrutieren wollen. Denn der Arbeitsmarkt gilt als leergefegt. Weil der Deutschen Bahn selbst Zugpersonal im Fern-, Regional- und Nahverkehr fehlt, hat die DB ein Interesse, möglichst viele Mitarbeiter zu halten. Das baden-württembergische Verkehrsministerium hat bei einem Runden Tisch deshalb angeregt, einen Betreiberwechsel-Tarifvertrag für die Branche auszuarbeiten.

Darin soll das Verfahren im Falle eines Wechsels von Mitarbeitern von einem Unternehmen zum anderen einheitlich geregelt werden. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) fürchtet, dass Eisenbahner außerhalb des DB-Konzerns schlechter bezahlt werden. In Essingen hat Go-Ahead bereits mit dem Bau des Bahnbetriebswerks und der Baden-Württemberg-Zentrale begonnen. Der Stützpunkt ist nicht nur moderne Wartungswerkstatt für zunächst 60 neue Zuggarnituren. Es entsteht zudem die komplette Leitzentrale für das gesamte Streckennetz im Großraum Stuttgart. Kernstück wird ein 120 Meter langes Gebäude sein, in das komplette Züge für Wartungs– und Reinigungsarbeiten einfahren können.