Waiblingen

Streit um Lärm am Sportplatz in Stetten

94fff866-fdf3-4b38-b0f1-02471b529a90.jpg_0
In Stetten grenzt die Wohnbebauung direkt an den Sportplatz. © Ralph Steinemann

Kernen-Stetten. Schon lange klagen Anwohner des Stettener Sportplatzes über zu viel Lärm. Nun, da der TV Stetten eine neue Halle errichten möchte, bekommt die Diskussion eine neue Dimension. Denn Voraussetzung für den Neubau wäre eine sechs Meter hohe Schallschutzmauer zur Brühlstraße. Doch auch davon sind die Anwohner wenig begeistert.

Wie passend, dass die Kernener Verwaltungsspitze ausgerechnet am Internationalen Tag des Lärms mit den Anwohnern des Sportplatzes in Stetten zusammensaß! Schließlich ging es im Nebenzimmer des Burgstübles am Mittwochabend genau darum: Um Lärm, der seit Jahren an den Nerven der Bewohner der Brühlstraße sägt. Er dringt von den Sportanlagen in ihre Gärten, Wohn- und Schlafzimmer, die nur wenige Meter von der Seitenauslinie des Fußballfelds entfernt liegen. Ein Gutachten, das die Gemeinde in Auftrag gegeben hat, bestätigte ihnen nun, was sie schon lange wissen: Hier ist es zu laut. Die Grenzwerte werden vor allem dann überschritten, wenn am frühen Sonntagnachmittag Ligaspiele auf dem Fußballplatz ausgetragen werden.

Daraus, dass die Anwohner nicht zur Ruhe kommen, ergeben sich viele weitere Probleme: sportliche, zwischenmenschliche, stadtplanerische. Es ist kompliziert.

Der TV Stetten hat Platzprobleme – er braucht die zusätzliche Halle

Der TV Stetten, den große Platzprobleme plagen, braucht eine zusätzliche Sporthalle. Diese möchte er neben dem Fußballfeld errichten. Um zu prüfen, ob das überhaupt zulässig ist, hat die Gemeinde das Lärmgutachten in Auftrag gegeben. Ein Experte präsentierte es den Anwohnern im Burgstüble. Er kommt zu dem Schluss, dass die Gemeinde eine Lärmschutzwand zwischen Sportgelände und Brühlstraße aufstellen muss. Und zwar ohne wenn und aber dann, wenn dem TV Stetten der Bau der Sporthalle vom Gemeinderat genehmigt wird. Die Mauer hätte eine Höhe von sechs Metern. Kostenpunkt: rund 200 000 Euro. Die Leichtathleten würden vermutlich ihre Tartanbahn einbüßen. Je nach dem, wo die Halle gebaut würde – auf dem jetzigen Kleinspielfeld oder auf der anderen Seite des Fußballfelds – müsste sogar noch eine weitere Wand in Richtung Süden aufgestellt werden.

Doch selbst wenn der Turnverein nicht bauen dürfte, zum Beispiel, weil der Gemeinderat den Standort ablehnt, haben die betroffenen Anwohner auf Grundlage des Gutachtens nun die Möglichkeit, den Schallschutz zu beantragen. Dann wäre die Gemeinde verpflichtet, eine mindestens vier Meter hohe Mauer entlang der Tartanbahn zu ziehen.

Anwohner müssten Lärm gegen Schatten tauschen

Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht für die Bewohner der Brühlstraße. Der Knackpunkt ist aber: die meisten haben gar kein Interesse daran, eine Wand direkt vor die Nase gesetzt zu bekommen und somit Lärm gegen Schatten zu tauschen. Wird die Schallschutzwand aufgestellt, so brachte es einer im Burgstüble auf den Punkt, „dann geht die Sonne bei uns schon um 16 Uhr unter“.

Überhaupt stören sich die Stettener nur zweitrangig an der Überschreitung der Lärmgrenzwerte zur besonders sensibel bewerteten Nachmittagszeit an Sonntagen. Die macht den Schallschutz aus rechtlicher Sicht erst notwendig. Was die Anwohner mehr ärgert, ist, dass die Benutzungszeiten des Sportplatzes generell nicht eingehalten werden. Dass sich dort zu jeder Tages- und Nachtzeit Menschen aufhalten, oft Kinder oder Jugendliche, die bei lauter Musik Beachvolleyball spielen. Oder, dass die Sportler spätabends nach dem Training noch bei einer Kiste Bier den Geburtstag eines Mannschaftskameraden feiern.

Die Anwohner fühlen sich als Buhmänner abgestempelt

Die Kinder, schimpfte eine Anwohnerin, würden aus den Neubaugebieten zum Sportplatz geschickt, weil sie zuhause zu laut seien. Und der TV Stetten, meldet sich ein anderer zu Wort, halte sich auch nicht an die Nutzungszeiten.

Rolf Klumpp, Vorstandsmitglied des TV Stetten, wehrte sich am Mittwochabend im Burgstüble gegen die Kritik. Der Verein achte sehr wohl darauf, die Trainingszeiten einzuhalten. Er sei aber weder in der Pflicht, noch in der Lage, dafür zu sorgen, dass sich außerhalb der erlaubten Zeiten keine Freizeitsportler in der Anlage aufhielten. Klumpp hatte seine liebe Mühe, sich bei dem guten Dutzend zorniger Anwohner Gehör zu verschaffen, die Stimmung war aufgeheizt.

Das ist das Problem auf der zwischenmenschlichen Ebene: Auf der einen Seite stehen die Anwohner, die sich zu Unrecht in die Rolle der Buhmänner, Sportler- und Kinderfeinde gedrängt sehen und teilweise schon hier gewohnt haben, bevor das Fußballfeld in den 80er Jahren angelegt wurde. Auf der anderen Seite steht der TV Stetten, der seit Jahren einen Platz für eine dringend benötigte Halle sucht und dessen engagierte Ehrenamtliche die Auseinandersetzung mit aufgebrachten Anwohnern und der Polizei Leid sind.

Kein alternativer Standort für die Halle

Und nun? Bürgermeister Stefan Altenberger schlug als ersten Schritt vor, den Sportplatz mit einem vier Meter hohen Zaun einzufrieden und einen Schließdienst für die Tore zu beauftragen. So soll verhindert werden, dass die Anlage außerhalb der Nutzungszeiten betreten werden kann.

Das traf zumindest bei denjenigen, die ins Burgstüble gekommen waren, auf Zustimmung. Es heißt allerdings keinesfalls, dass die Halle für den TV Stetten und damit die Schallschutzwand vom Tisch sind. Im Kernener Haushalt sind schließlich 400 000 Euro für Infrastrukturmaßnahmen des Turnvereins eingestellt. Und einen alternativen Standort gibt es in Stetten nicht.

Bauamtschef Peter Mauch zeigte deshalb Bilder von grün bepflanzten Wänden und stellte durchsichtige Glaselemente in Aussicht. Damit versuchte er, den Anwohnern die Angst vor einer kahlen Betonmauer zu nehmen. Die möchte schließlich auch er verhindern – aus stadtplanerischer Sicht.


Rechtliches: Ohne Wand keine Halle

Obwohl von einer neuen, kleinen Sporthalle vermutlich nur eine geringe Lärmbelastung ausgehen würde, stellte sie eine „wesentliche Änderung“ der Sportanlage dar. Das hätte zur Folge, dass der „Altanlagenbonus“ nicht mehr anwendbar wäre. Das heißt, dass für die Anlage strengere Lärmschutzrichtlinien gälten – die wiederum eine Schallschutzwand zwingend erforderlich machten. Vereinfacht gesagt: Ohne Wand keine Halle.

Doch selbst, wenn keine Halle gebaut würde, hätten die Anwohner das Recht auf Schallschutz. Denn die Grenzwerte werden bei Fußballspielen an Sonntagen selbst nach Abzug des „Altanlagenbonus“ (minus fünf Dezibel) noch deutlich überschritten.