Waiblingen

Studieren während der Corona-Pandemie: Kommilitonen erst einmal gesehen

Online lernen
Leonie Prevot hofft, dass Seminare im nächsten Semester in Präsenz stattfinden. © Benjamin Büttner

Nicht nur Schülerinnen und Schüler lernen während der Corona-Pandemie vor allem online, auch Studenten bereiten sich im Wohnzimmer der Eltern oder in ihren WG-Zimmern auf ihre Prüfungen vor. Wer während der Pandemie angefangen hat zu studieren, kennt seine Hochschule bisher fast nur aus der Ferne.

Leonie Prevot studiert Soziale Arbeit und hat ihre Kommilitonen bisher einmal gesehen. Dabei endet in wenigen Wochen das zweite Semester ihres Studiums. Studieren während der Corona-Pandemie ist eine einsame Angelegenheit: „Soziale Kontakte zu anderen Studierenden wären schön“, sagt die 21-Jährige aus Korb. Sie habe zwar einen großen Freundeskreis. Doch der Austausch mit den Kommilitonen fehle. Denn wenn man sich noch nie gesehen habe, seien auch das Lernen und der Austausch über Videokonferenzen und digitale Kanäle schwierig: „Alle sind vorsichtig, was sie in unserer Whatsapp-Gruppe schreiben, oder trauen sich nicht, in den Lehrveranstaltungen etwas zu sagen.“ Leonie Prevot ist froh, dass sie sich für ein duales Studium entschieden hat, denn zumindest ihre Praxisphasen bei der Arbeiterwohlfahrt Stuttgart finden vor Ort statt.

Finanzielle Sorgen

„Für Studienanfänger ist es richtig schlimm“, findet Romina Kranz aus Waiblingen. Sie studiert Germanistik und Anglistik an der Universität Stuttgart und möchte in diesem Sommer ihre Bachelor-Arbeit schreiben. „Ich hatte zum Glück ein Studentenleben vor der Pandemie“, sagt die 31-Jährige. Ans Online-Studium hat sie sich gewöhnt, auch wenn es viel Selbstdisziplin erfordere: „Ich bin froh, dass wir zum Beispiel jede Woche Hausaufgaben abgeben müssen.“ Selbst für Klausuren war Romina Kranz kaum an der Uni, viele Dozenten ließen sogenannte Take-Home-Exams schreiben: Dabei mussten die Studenten schwerere Prüfungsaufgaben zu Hause lösen. „Es wurden Transferaufgaben gestellt, statt auswendig gelerntes Wissen abzufragen.“ Ihr liegt das, ihre Noten sind besser geworden.

Verschlechtert habe sich dagegen ihre finanzielle Situation: „Am Anfang der Pandemie habe ich meinen Job im Einzelhandel verloren“, berichtet Kranz. Staatliche Förderung habe sie nicht erhalten, könne sich aber jetzt mit Nachhilfestunden und als freie Mitarbeiterin unserer Redaktion über Wasser halten. „Zum Glück wohne ich in Waiblingen relativ günstig, eine Wohnung in Stuttgart hätte ich nicht halten können.“

Technische Probleme und geschlossene Bibliotheken

Auch Stefan Semjancuk ist froh, dass er zu Hause bei seinen Eltern in Schorndorf wohnt. Denn auf seinen BAföG-Antrag von vor drei Monaten hat er noch immer keine Reaktion, vor der Pandemie habe das immer reibungslos funktioniert. 2017 hat er an der Universität Stuttgart begonnen, Deutsch und Französisch zu studieren, Gymnasiallehrer möchte er werden. Im Winter 2019/2020 kam er von einem Auslandsaufenthalt in Frankreich zurück, kurz darauf begann die Pandemie, und seither hat er die Universität nur noch zu Klausuren von innen gesehen. „Ich kenne das alte Leben auf dem Campus und vermisse es immer mehr.“

Vor allem der Austausch mit Kommilitonen fehle ihm, aber auch das Lernen sei schwieriger geworden. „An Online-Vorlesungen habe ich mich gut gewöhnt. Präsentationen und Referate online zu halten ist komisch, weil das Feedback fehlt.“ Auch technische Probleme sorgten immer wieder für Unterbrechungen von Seminaren. Die größte Herausforderung seien die in diesem Winter geschlossenen Bibliotheken gewesen. „Bei den letzten Hausarbeiten bin ich fast verzweifelt“, sagt Semjancuk. Er ist froh, dass er seine Bachelor-Arbeit für den Sommer geplant hat, wenn diese Schwierigkeiten hoffentlich nicht auftreten.

Bessere Noten

Für Romy Putler aus Rommelshausen bietet der Online-Unterricht mehr Vor- als Nachteile: „Ich studiere Betriebswirtschaftslehre in Heidelberg, und so fällt für mich eine lange Fahrt weg.“ Die private Hochschule, die sie besucht, habe den Online-Unterricht gut organisiert, vor allem Materialien seien jetzt übersichtlich in Ordnern abgelegt und einfacher zu finden als zuvor. Überdies kann sich Romy Putler zu Hause besser konzentrieren: „Meine Noten sind besser geworden.“ Allerdings fehlt ihr der persönliche Austausch mit anderen Studierenden. „Gut fände ich, wenn man in Zukunft etwas flexibler wählen könnte, welche Veranstaltungen man in Präsenz und welche online besucht.“

Nicht nur Schülerinnen und Schüler lernen während der Corona-Pandemie vor allem online, auch Studenten bereiten sich im Wohnzimmer der Eltern oder in ihren WG-Zimmern auf ihre Prüfungen vor. Wer während der Pandemie angefangen hat zu studieren, kennt seine Hochschule bisher fast nur aus der Ferne.

Leonie Prevot studiert Soziale Arbeit und hat ihre Kommilitonen bisher einmal gesehen. Dabei endet in wenigen Wochen das zweite Semester ihres Studiums. Studieren während der Corona-Pandemie

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