Waiblingen

Türkischer Ex-Polizeichef über seine Flucht nach Deutschland

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Symbolbild. © Alexander Roth
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Kronzeuge in den USA im Prozess gegen türkische Machenschaften: Der türkisch-iranische Goldhändler Reza Zarrab (im November 2017).

Waiblingen. „Kein Wunder, dass in der Türkei so viele im Gefängnis sitzen und auf eine Verhandlung warten – Justiz und Polizei wurden systematisch ausgedünnt und mit willfährigen und zum Teil unfähigen Erdogan-Anhängern wiederbesetzt.“ Ufuk Tarük sitzt in einem Restaurant im Stuttgarter Raum. Als Polizeichef in der Türkei entlassen, verfolgt und untergetaucht, gelang ihm die Flucht nach Deutschland. Nur eines von vielen Schicksalen der „Säuberungen“ Erdogans.

Gerne trifft er sich nicht in einem türkischen Restaurant. „Ich möchte hier in Deutschland möglichst wenig mit Türken zu tun haben. Die Türken hier bleiben viel zu viel unter sich, integrieren sich nicht und außerdem gibt es jede Menge Erdogan-Anhänger.“ Sobald weitere Menschen den Gastraum betreten, schaut Ufuk Tarük sich um. Und als jemand am Nebentisch Platz nimmt, senkt er die Stimme. Wenn Politisches zur Sprache kommt, flüstert er sogar nur noch.

Ufuk Tarük ist anerkannter türkischer Asylbewerber mit Aufenthaltstitel. Er kam 2016 nach Deutschland. Auch seine Frau und seine Kinder haben es hierhergeschafft. Ihr Status ist noch nicht endgültig geklärt. Die Flucht war nicht leicht. „Ich hatte Angst um mein Leben.“

Gelobt, integer und loyal

Nach seiner Ausbildung zum gehobenen Dienst an der Polizei-Akademie war Ufuk Tarük rund 20 Jahre lang Führungskraft beim „türkischen BKA“, genannt KOM, und zuletzt Cheffahnder auf Provinzebene gegen Organisierte Kriminalität, insbesondere gegen den Schmuggel von Drogen, und Wirtschaftskriminalität.

„Ich war erfolgreich und wurde offiziell gelobt und gewürdigt. Ich war quasi der dritte Mann in der Region nach dem Gouverneur und dem Polizeidirektor. Und ich habe sehr viel mitbekommen, wie systematisch der türkische Staat hintergangen und beraubt wird, wie weit Korruption und Vetternwirtschaft verbreitet sind und wie sehr AKP-Leute versuchen, das System für sich zu nutzen.“

Gegen Korruption

Um nicht selbst korrumpiert zu werden, lehnte Ufuk Tarük zum Beispiel Einladungen zum Essen stets ab, konzentrierte sich ausschließlich auf das Dienstliche und in der Freizeit auf die Familie, seine Frau und seine Kinder, sagt er. „Wir hatten zum Teil so verdeckte Operationen laufen, dass Polizisten meiner Abteilung oder meine Frau davon auch nichts wussten und erst über die Presse davon erfuhren.“

Dann kam das Jahr 2013, kamen die Gezi-Park-Proteste und die Ermittlungen von türkischer Staatsanwaltschaft und Polizei, vor allem auch des KOM in Istanbul und Ankara, gegen verschiedene AKP-Minister und deren Söhne. Der Vorwurf: Korruption. Anzahl der Verdächtigen: rund 60. Angeblich in Unregelmäßigkeiten involviert: das staatliche Wohnungsbauunternehmen Toki. Im Dezember 2013 veranlasste die Staatsanwaltschaft Großrazzien und vorübergehende Festnahmen. Vier Minister traten zurück.

Erdogan schlägt zurück

Schließlich kamen auch Verdachtsmomente gegen Erdogan und Familie auf. Insbesondere wegen angeblicher, illegaler Öl- und Erdgas-Geschäfte in Milliardenhöhe mit dem Iran, wobei Bestechungszahlungen geflossen sein sollen. Im Fokus damals schon: der türkisch-iranische Goldhändler Reza Zarrab. Dieser Fall ist 2017 in den USA vor Gericht gelandet. Ein Urteil wird für April 2018 erwartet (siehe Zusatztext).

Erdogan behauptete seither standhaft, die Korruptionsermittlungen seien eine Verschwörung der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen und „seiner Leute“ im Justizwesen, und er schlug zurück. Er ließ den gesamten Justiz- und Polizeiapparat säubern. „Anders kann man das nicht nennen“, so Ufuk Tarük. „Ich hatte mit all dem nämlich gar nichts zu tun. War unbescholtener Chefermittler in der Provinz.“

Und die Gülen-Bewegung?. „Ich bin kein Mitglied, ich habe aber auch nichts gegen die Gülen-Bewegung. Mir ist sie nie negativ aufgefallen. Dass Gülen-Leute schon in der Polizei-Akademie stark vertreten gewesen sein sollen, kann ich nicht bestätigen. Da ist mir nichts dergleichen aufgefallen. Einzige Schnittmenge zu mir war vielleicht, dass eines meiner Kinder auf ein Elite-Internat gegangen ist, dass der Gülen-Bewegung zugerechnet wird. Aber auf die Schule gingen auch AKP-Minister-Kinder. Das war einfach landesweit eine der besten Schulen überhaupt.“

Degradierung und Mobbing beginnen

Eines späten Abends im Dezember 2013 brachte ein Bote des Gouverneurs den Degradierungsbefehl des Innenministeriums an seine Haustür. Wie Ufuk Tarük später erfuhr, wurden von diesem Tage an landesweit auch alle anderen Leiter derselben KOM-Einheit – in großen Teilen ein Abschluss-Jahrgang der Polizei-Akademie – degradiert und entmachtet.

„Innerhalb von drei Wochen ließ Erdogan nicht nur Richter und Staatsanwälte versetzen, sondern auch, wie in einer Welle, einer Kettenreaktion, angefangen in Istanbul, rund 110 Führungskräfte des KOM landesweit schassen. Ich glaube mittlerweile, weil wir als Einheit die Integrität und Fähigkeiten hatten, die Fehler der Regierung zu sehen, zu benennen und zu verhindern. Die Ermittlungserfolge der Kollegen in Istanbul und Ankara hatten dies verdeutlicht. Auch hatten wir korrupte Einnahmequellen am Sprudeln gehindert. Deshalb der Rundumschlag gegen das KOM.“

"Wir fühlten uns plötzliche wie Ausgestoßene"

Ufuk Tarük wusste jedenfalls zunächst gar nicht, wie ihm geschieht. Am Folgetag seiner Degradierung im Dezember 2013 ging er wie gewohnt zum Mittagessen in die Beamtenkantine der Stadt, wollte sich gerade an den üblichen Tisch setzen. „Die zehn Polizeikollegen, die dort schon saßen, standen einfach auf und gingen weg, ohne mit mir zu reden. Auch die Frauen der Kollegen haben von diesem Zeitpunkt jeglichen Kontakt zu meiner Frau abgebrochen. Wir fühlten uns plötzlich wie Ausgestoßene.“ Menschen, die sie bis dahin gegrüßt hatten, wechselten die Straßenseite. Alle hatten wohl Angst, selbst mit „in die Sache“ hineingezogen zu werden. Die Erdogan-Regierung sei zum Monster geworden, das jeden auffrisst, der gegen sie sein könnte, und jeden, der nicht korrumpierbar ist.

Rund einen Monat lang war Ufuk Tarük noch Mitarbeiter einer untergeordneten Ermittlungseinheit des KOM. Ein regionales Verwaltungsgericht entschied, seine Degradierung sei unbegründet und widerrechtlich. „Den Richterspruch setzten das Ministerium und die Verwaltung aber einfach nicht um. Die scheren sich nicht mehr um die Gewaltenteilung. Zur Belohnung durfte ich stattdessen drei Monate lang den Teekocher überwachen und bekam dann weitere unwichtige Jobs.“


Und es kam noch schlimmer. Die Nacht des Putschversuchs von Teilen des türkischen Militärs am 15./16. Juli 2016 brachte eine weitere ungleich größere Verhaftungswelle und landesweite Säuberungen. „Meines Wissens nach traf sich die türkische Juristenkammer am 16. Juli morgens von 9 bis 9.30 Uhr. In diesen 30 Minuten schafften sie es, über die Degradierung von 3000 Richtern und Staatsanwälten zu entscheiden und jeden zur Persona non grata zu erklären. Mindestens einer auf ihrer Liste war übrigens längst gestorben“, sagt Ufuk Tarük. „In 30 Minuten schafft man es doch noch nicht einmal, 3000 Namen laut vorzulesen. Wie sollen sie es also geschafft haben, sich jede Akte vorzunehmen und individuell zu entscheiden. Die Namenslisten für die Säuberungen waren längst angefertigt und die Säuberungen von langer Hand geplant.“

Wenige Tage später wurden 8700 Polizeibeamte ihres Ranges enthoben. „Ich bekam von da an nur noch ein Drittel meines Gehalts. Und schließlich wurde ich komplett entlassen. Ohne Begründung, ohne Abfindung, ohne Pensionsansprüche.“ Weil mehrere seiner KOM-Kollegen nun auch noch verhaftet wurden, tauchte Ufuk Tarük unter. „Ich bin mir sicher, auch die Namen der entlassenen Polizisten standen mindestens ein halbes Jahr vorher schon fest. Ich hatte Angst um mein Leben, denn ich war mir sicher, ich würde im Gefängnis gefoltert werden – so wie es so vielen in der Türkei erging und noch ergeht.“

Selbst der Vater ist gegen ihn

Das Untertauchen war nicht einfach, denn selbst engste Familienmitglieder, wie sein Vater, waren plötzlich gegen ihn. „Stell dich doch den Behörden und gib zu, was du gemacht hast, sagte mein Vater. Glaubst du, dass so ein großer Präsident wie Erdogan lügen kann!? Ihr habt den Staat untergraben, Ihr habt das Land verraten!? Dabei hatte ich doch gar nichts dergleichen gemacht! Und ich bin auch kein Terrorist oder Verräter! Ich war einfach nur Polizist und habe dem Land loyal gedient. Ich werde in der Türkei kein gerechtes und rechtsstaatliches Verfahren bekommen.“

Aus der Wohnung, die er von da an in Istanbul „bewohnte“, verschwand er täglich noch vor Sonnenaufgang, um den gelegentlichen Razzien zu entgehen. Den Kindern sagte er immer, er sei joggen, damit sie sich keine Sorgen machten. „Bei den Razzien haben die alles mitgenommen, Computer, Handys, Laptops. Meine Frau beteuerte, sie wisse nicht, wo ich sei.“

Denunziationen überall

Die Denunziationsmaschinerie hatte spätestens mit dem Putschversuch vom 15./16. Juli 2016 alle Bereiche der türkischen Gesellschaft erfasst. Dorf- und Bezirksvorsteher, Hausmeister und selbst ernannte Blockwarte, Imame organisierten landesweit Namenslisten. Nachbarn beäugten einander misstrauisch. Familien zerbrachen. „Ja, es sind sogar Fälle bekanntgeworden, von abgelehnten Liebestollen, die Frauen aus Rache denunzierten, Fethullah-Gülen-Terroristen (Fetö) zu sein, weil diese ihre Heiratsanträge nicht angenommen hatten.“

Ufuk Tarük kam bei einem alten Freund unter, und er bemühte sich um Kontakte in die Flüchtlingsschlepper-Szene. „Offiziell ausreisen konnten wir nicht mehr. Wir haben zwar die sogenannten Grünen Pässe, die es Staatsdienern mit bestimmter Dienstzeit ermöglichen, visafrei in die EU zu reisen. Unsere Pässe wurden aber für ungültig erklärt.“

Auf der Flucht

Erst überlegte Tarük, über Georgien zu fliehen oder per Boot über Afrika. Die Kontrollen erwiesen sich als zu engmaschig. So wurde der Landweg über die europäische Türkei diesseits des Bosporus und die grüne Grenze zu Griechenland bei Edirne (im türkischen Thrakien) auserkoren. Mehrere Aktionen musste er kurzfristig abblasen.

„Eines Tages begab ich mich mit zwei anderen türkischen Flüchtlingen, Bekannten – ich musste 5000 Euro zahlen – in einen Schlepperkonvoi, bestehend aus drei Fahrzeugen. Die zwei ersten fuhren vor, um die Lage zu checken, ob es Polizeikontrollen gibt. Die hätten sie dann per Funk an unser Fahrzeug gemeldet.“ Sie hatten Glück. Zwei Stunden liefen sie in stockfinstrer Nacht durch die Pampa zur griechischen Grenze. Mit dabei: zwei nordafrikanische „Begleiter“, die die Dienstpläne der Grenzkontrolleure auswendig kannten. „Ich glaube, das waren Marokkaner. Der eine erzählte, er habe in den letzten zwei Jahren ganze 300 000 Euro damit verdient. Syrer müssten 2000 Euro bezahlen. Mutmaßliche Fetö eben das Doppelte.“

Endlich Rechtsstaat

Sie überstiegen den Grenz-Stacheldrahtzaun und kamen auf griechischen Boden, tasteten sich weitere zwei Stunden durch die Nacht. „Dann nahmen wir ein Taxi nach Thessaloniki. Weil wir Grüne Pässe haben, konnten wir von da an ganz normal und unbehelligt weiterreisen und flogen nach Wien. Für mich ging es schließlich per Bahn nach Deutschland. Das habe ich spontan entschieden. Als ich in Stuttgart ankam, hatte ich nur noch 100 Euro in der Tasche.“

Ufuk Tarük hat mit der Erdogan-Türkei abgeschlossen. „Ich bin so froh, jetzt in einem Rechtsstaat, in Deutschland, zu leben. Meine Frau und die Kinder konnten vor ein paar Monaten nachkommen. Mit einem Schlepperboot für 14 000 Euro nach Griechenland und weiter per Flugzeug. Wir sind Deutschland sehr dankbar, werden uns hier integrieren und möchten mit der türkischen Community eigentlich so wenig wie möglich zu tun haben. Die Kinder werden eingeschult oder studieren. Und: Wir schauen nur noch deutsches Fernsehen und deutsche Filme auf Netflix.“


Betrug, Geldwäsche, illegale Geschäfte

In den USA läuft gerade ein Gerichtsprozess, der zu mehr als diplomatischen Verwerfungen mit der Türkei führen könnte. Hakan Atilla, ehemaliger hochrangiger Funktionär der staatlichen Halkbank, ist des Betruges, der Geldwäsche sowie illegaler Geschäfte unter der Umgehung von Sanktionen mit dem Iran für schuldig befunden worden. Das Strafmaß soll im April 2018 verkündet werden.

Es geht um geheime Öl- und Erdgasgeschäfte in Milliardenhöhe zwischen 2010 und 2013 mit dem Iran und Schmiergeldzahlungen an türkische AKP-Minister. Schlüsselfigur der korrupten Machenschaften ist der türkisch-iranische Goldhändler Reza Zarrab, der in dem Prozess als Kronzeuge auftritt und einen Deal mit der US-Staatsanwaltschaft ausgehandelt hat. Mitwisser und/oder Mittäter seien der ehemalige türkische Wirtschaftsminister Zafer Caglayan und: Recep Tayyip Erdogan. Erdogan hat angekündigt, die Halkbank werde die USA verklagen, und bezeichnete die juristische Aufarbeitung als politisch motivierten Schauprozess, die Beweise seien gefälscht worden.

Dabei haben die Beweis-Ermittlungen schon viel früher begonnen, und zwar in der Türkei, den Ermittlern auf türkischem Boden ist dies jedoch nicht wohl bekommen. Erdogan erzwang 2013 die Einstellung der Ermittlungen und „machte Tabula rasa“ im Polizei- und Justizapparat. Es folgten landesweit Degradierungen, Mobbing, Denunziationen, Entlassungen und Festnahmen.