Waiblingen

Tanzend das neue Jahr begrüßen

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Argonauten
Ob die zwölf verkleideten Tänzer Priester oder Generäle sind, ist Auslegungssache – Spaß haben sie so oder so. © Schneider / ZVW
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Argonauten
Ein „Arzt“ ist dabei, um Patienten zu „versorgen“. © Schneider / ZVW
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Alle Schauspieler sind Männer – auch die Bräute. © Schneider / ZVW
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Ioannis Intzes. © Schneider / ZVW

Waiblingen. Sie singen, sie tanzen und sie scherzen. Wenn am Samstag als Bräute, Bären oder Teufel verkleidete Männer die Waiblinger Innenstadt aufmischen, dann ist das kein verfrühtes Faschingsspektakel, sondern der pontisch-griechische Neujahrsbrauch „Momo’eri“. Was hat es mit diesem bunten Treiben auf sich?

Singend und tanzend besuchen die „Momo’eri“ – zwölf in traditionelle Männerfaltenröcke (Fustanella) und Helme gekleidete Männer – nacheinander alle Häuser eines Dorfes. Mit dabei ist auch eine Theatergruppe, die ebenfalls aus verkleideten Männern besteht: Oma und Opa, zwei Bräute, ein Arzt, ein Gendarm, ein Teufel, ein Raubtierdompteur und sein Bär. Musikalisch begleitet werden sie dabei auf Lyra (dreisaitiges pontisches Streichinstrument), Aggion (einer Art Dudelsack) und Daul (Zylindertrommel).

„Momo’eri“ kein religiöser Brauch im eigentlichen Sinne

Traditionell wird dieser Neujahrsbrauch in der griechischen Region Kozani zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag begangen. Er soll nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auch Segen für das neue Jahr bringen. Dennoch ist „Momo’eri“ kein religiöser Brauch im eigentlichen Sinne, wie Ioannis Intzes erklärt, der Vorsitzende des pontischen Kulturvereins „Die Argonauten“, der den Brauch nun nach Waiblingen geholt hat. „Eigentlich war es eher so, dass die Kirche dieses bunte Treiben inmitten wichtiger orthodoxer Feiertage, wie Weihnachten und Dreikönigstag, ertragen musste“, fügt der 33-jährige gebürtige Waiblinger hinzu.

Zur Bedeutung der Verkleidungen gibt es verschiedene Auslegungen, erklärt Intzes weiter. Die einen sagen, die zwölf mit Helmen und Faltenröcken bekleideten Männer symbolisierten die Generäle Alexanders des Großen, die anderen sind der Meinung, es handele sich bei ihnen um Priester. Die Priester des Momos, des Gottes des Lachens und der Satire. Das Verb „mo“ bedeutet im Altgriechischen nämlich, nach Fehlern oder Makeln zu suchen.

Und genau das tut die Gruppe der Schauspieler: Sie ziehen traditionell durchs Dorf und suchen nach Anlässen, sich lustig zu machen. Auch Politiker bleiben von der Satire der Gruppe nicht verschont. „Ähnlich wie hierzulande beim Karneval in Büttenreden“, bestätigt Intzes. Und wie beim Karneval werden auch bei „Momo’eri“ die Zuschauer Teil des Umzugs: So dürfen beispielsweise die Bräute „entführt“ und gegen ein Pfand wieder zurückgebracht werden, der Gendarm fängt die „Diebe“ ein oder der Bär versucht, die Zuschauer zu erschrecken.

Flüchtlinge brachten den Brauch nach Griechenland

Ursprünglich stammt der Neujahrsbrauch aus der Region Pontos, in der heutigen Türkei. Im Zuge des 1923 im Vertrag von Lausanne beschlossenen Bevölkerungsaustauschs zwischen der Türkei und Griechenland brachten ihn die pontischen Griechen nach Griechenland. Im November 2016 hat die Unesco den Brauch „Momo’eri“ in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Die Idee, das Brauchtum auch nach Waiblingen zu holen, ist anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der „Argonauten“ im vergangenen Jahr entstanden. „Wir sind ja ein pontischer Verein und haben viele Pontos-Griechen als Mitglieder“, erläutert Intzes, der seine Wurzeln zwar in Griechenland, nicht aber in Pontos hat. Dennoch fühlt er sich der Tradition verbunden: „Da gibt es so viel Spannendes, und in Griechenland hat jede Insel eigene Bräuche“, sagt er. Bisher habe sich der Kulturverein vor allem mit Tänzen beschäftigt, nun sei es an der Zeit, sich auch auf Sitten und Bräuche zu konzentrieren.

Die Trachten und Kostüme für das Neujahrsspektakel haben die „Argonauten“ selbst gemacht. Und damit das Brauchtum möglichst originalgetreu ausgeübt wird, holen sie sich mit Kostas Alexandris Unterstützung aus Griechenland. Der Schauspieler und Tanzlehrer ist mit dem Brauch aufgewachsen und soll den Waiblinger Griechen am Wochenende zeigen, wie ein echter Pontier das Tanzbein schwingt.

Wann und wo?

  • Die Argonauten starten ihren pontisch-griechischen Neujahrsbrauch „Momo’eri“ am Samstag, 7. Januar, um 14 Uhr vor dem Rathaus. Oberbürgermeister Andreas Hesky spricht ein Grußwort.
  • Tanzend, singend und scherzend ziehen die verkleideten Männer dann durch die Kurze Straße und die Lange Straße.
  • Zum Abschluss gibt’s vor der Nikolauskirche Musik und Tanz für alle.