Waiblingen

Tatort-Schauspieler Joachim Król kommt nach Waiblingen

f7ce40d4-19be-4c36-96d0-3e1348e9585c.jpg_0
Joachim Król. Am 16. März liest er in Waiblingen aus „Seide“. © Emanuela Danielewicz

Waiblingen. Der Schauspieler als Erzähler, der kurz mal acht Personen auf die Bühne bringt. Joachim Król, einer der Großen der Branche, liest am 16. März aus „Seide“, dem Weltbestseller von Alessandro Barrico. Aber er hat ja noch Helfer. Und überhaupt ist ja doch weit mehr Inszenierung als eine Lesung. Hier Fragen an den „bewegten Mann“ über das Schauspielen, Gesichtverleihen und Textaufsagen an sich.

Herr Król, das ist offenbar weit mehr als eine Lesung. Aber kann man ein Buch mit vielen Charakteren im Ein-Mann-Verfahren spielen?

Ich bin ja nicht alleine auf der Bühne. Unser Bassist im Trio, der Christoph Dangelmaier, hat extra für diesen Abend eine Musik komponiert, die teils unter dem Text liegt, teils den Text akzentuiert, zum Teil schweigen die Musiker auch. Ich versuche natürlich allen handelnden Figuren Gestalt zu geben mit wenigen Mitteln. Mit der Stimme, mit der Körperspannung, weiß der Teufel wie. Es hat sich so ergeben.

Wie viel Menschen spielen Sie dann?

Zählen wir mal auf, acht. Und all die Figuren haben natürlich ein anderes Temperament. Im Grunde ist das keine große Inszenierungsarbeit gewesen, weil wir damals vor vier Jahren, als wir begonnen haben, zum Stoff wie die Jungfrau zum Kinde kamen. Wir wollten eigentlich etwas ganz anderes machen. Das ist uns abhandengekommen aus juristischen Gründen. Da hatten wir eine ausverkaufte Tournee ohne Text. Und dann hatten wir das große Glück, dass unser Produzent und Regisseur Martin Mühleis die Idee hatte, den „Seide“-Stoff mal anzuschauen. Das musste recht schnell gehen. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass das Stück uns gesucht hat, auch die Musik uns gesucht hat. David Bowie selig hat mal gesagt, „sometimes everything falls into place“. Wenn ich das so sage, beschreibe ich auch schon den Genuss, den ich dabei habe. Das sind zwei sehr konzentrierte Stunden, wo wir auf die Reise gehen von Südfrankreich nach Japan und wieder zurück. Und wo wir die Leute mitnehmen wollen, das ist uns bislang eigentlich immer gelungen.

Sie spielen die drei Jahre immer dieselben Szenen aus dem Buch?

Ja, es ist ein sehr schlankes Buch, aus dem Martin Mühleis dann noch gekürzt hat. Er sucht dann auch immer Theater aus, kleine und mittlere, von denen ich noch nie was gehört habe. Und dann geht es los, immer am Anfang des Jahres, wenn noch nicht so viel los ist.

Es geht im Buch ja um eine verhinderte Liebe, um eine unmögliche Liebe. Großer Stoff. In Ihren Kinofilmen kennt man Sie eher als Möchtegern-Liebhaber. Es ist ja nicht ganz einfach für Sie, nicht den umwerfenden Brecher von Herzen zu spielen, sondern eher den Zu-kurz-Gekommenen. Sie sind so der Nette, der mit besonderer Intelligenz punkten muss, um landen zu können.

Damit bin ich schon mal ein Identifikationspotenzial für viele, viele Menschen. Aber das ist mir ein wenig zu einseitig beschrieben, ich hab schon noch andere Figuren gespielt, die dieses Schicksal nicht teilen. Aber, ja, es ist eine unerfüllte Liebe, ich glaube indes, 99 Prozent aller Liebesgeschichten handeln von einer unerfüllten Liebe. Tucholsky hat ja mal gesagt, nach dem Happy End wird abgeblendet und die Geschichte danach, die erfährt ja keiner. Das Happy End ist ja nur eine Episode. Ist es nicht so?

Routine stellt sich da nie ein beim Auf-die Bühne-Bringen?

Nee, dadurch, dass wir das ja nur so 15-mal im Jahr spielen, ist es nie abgenudelt, und nach zehn Monaten Pause haste fast wieder eine Premiere. So bleibt es immer knackig und frisch. Wir kommen nie in die Situation, wo wir sagen, wie oft denn noch.

Die Waiblinger Zuschauer können sich also freuen, wenn Sie so viel Spaß daran haben.

Ich glaube, das ist ein Prinzip. Jede Produktion spiegelt die Arbeitsatmosphäre und den Zustand, in dem die Schauspieler waren, wider. Ich spür das. Wenn ich eine Premierenveranstaltung besuche und zwei, drei Fragen stelle, dann werd ich bestätigt.

Harald Schmidt spielt hier in Stuttgart ja öfters. Er hat ein sehr entspanntes Verhältnis zu seiner Zweitprofession. Er redet dann von sich als dem Gesichtsverleiher. Benutzen Sie auch diese ironische Distanz zu Ihrem Beruf?

Ich glaube, das haben wir alle schon mal gesagt, ich finde das ein witziges Wort. Entspannung ist immer gut, es ist ja zugleich immer Teamarbeit. Manchmal läuft es rund, manchmal finden sich die Leute. In anderen Fällen funktioniert es nicht, dann muss man da halt durch. Dann ist der Profi gefragt, der kompromissbereit ist. Aber natürlich haben wir es alle gerne nett. Sie nicht auch?

Klar, ein grundmenschliches Bedürfnis. Wenn Sie ein Buch spielen, dann sprechen Sie ja bestimmt auch gerne Hörbücher ein.

Ja, habe ich ja schon gemacht.

Und Sie verwenden dann die Stimme als Hauptinstrument.

Und die Imagination. Das gilt auch für das Spiel vor der Kamera, man bekommt ja den Text und kann ihn auswendig. Aber dann kommt die Situation, und die ist immer neu, unvorhersehbar. Und damit zu spielen, da fängt es an, spannend zu werden. Wenn man manchmal keine Zeit hat, in die Tiefe zu gehen, dann ist es frustrierend.

Es ist also nicht enervierend, jeden Abend auf der Theaterbühne zu stehen und immer das gleiche Stück zu spielen?

Theater ist eben Echt-Zeit. Ich kann mir jeden Abend etwas anderes ausdenken. Einen neuen Aspekt, ich bin da völlig frei.

Sollten jene, die zu Ihrer Lesung kommen, das Buch gelesen haben oder sollen sie unbefangen Lust bekommen, es hinterher zu lesen?

Ich glaube, das sind zwei sehr verschiedene Erlebnisse. Wenn man einen Film sieht, nachdem man das Buch gelesen hat, dann kann man sagen, nee, den hab ich mir ganz anders vorgestellt. Wenn man den Film gesehen hat und dann das Buch liest, dann schlüpft die Filmfigur ganz unvermeidlich hinein. Ich kann die Frage nicht beantworten. Würde ich gar nicht entscheiden wollen. Das Buch wird jetzt neu aufgelegt. Ich glaube, dazu haben wir ein bisschen was beigetragen. Offenbar hat der Verlag immer von Nachfragen gehört und hat sich dann gesagt, was ist da los.

Wenn Sie der Literatur aufhelfen, dann ist das ja schön.

Mehr kann man von einem Schauspieler nicht verlangen (lacht).