Waiblingen

Theater in der Glockenkelter: Anderssein kann schwierig sein

Oliver Nolte, Theater an der Linde   Premiere des Stücks ,,Ruhestörung"
Oliver Nolte in seiner Rolle als unglücklicher Protagonist des Stücks „Ruhestörung“. © ZVW

Kernen-Stetten. Schauspieler Oliver Nolte hat in der Stettener Glockenkelter das Theaterstück „Ruhestörung“ gezeigt, in dem es um das Anderssein geht. Im Anschluss wurde über den Umgang mit Flüchtlingen diskutiert.

Es hätte leicht für zwei Veranstaltungen gereicht bei der Aufführung des Ein-Mann-Schauspiels „Ruhestörung“ von Eugen Ruge und der anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Anderssein als Flüchtling“ in der Stettener Glockenkelter. Einerseits wegen des unerwartet großen Andrangs bei dieser Veranstaltung, andererseits wegen des doch sehr unterschiedlichen Veranstaltungscharakters von subtilem Schauspiel und Podiumsdiskussion. Doch wie so oft heiligt auch hier der Zweck die Mittel.

Und der Zweck war in diesem Fall vorbehaltlos ein wohltätiger. Birgit und Oliver Nolte, die mehr als zehn Jahre das Theater an der Linde in Strümpfelbach betrieben haben, gewährten freien Eintritt zur Veranstaltung zugunsten einer freiwilligen Spende an den Arbeitskreis Asyl in Kernen.

Von inneren Zwängen befreit

Der Einakter „Ruhestörung“ beschreibt, wie sich ein Mensch von seinen inneren Zwängen befreit. Vordergründig erscheint er dabei zunächst als pathologischer Querulant, der mit sich und der Welt immer weniger klarkommt. Vereinsamung und Eigenbrötelei sind die Folge. Seine lautstar-ken Gefühlsausbrüche werden denn auch mit der Kündigung seiner Wohnung quittiert. Dabei sind es die alltäglichen Dinge, die ihn bis zur Weißglut reizen: der Nachbar, der sein Kind verprügelt, der Bohrmaschinenbesitzer, der lautstark seinem Hobby frönt, oder auch nur die Müllabfuhr, die ihn morgens aus dem Schlaf reißt. Vergeblich sein Versuch, seine Autonomie gegenüber den vermeintlichen Aggressoren zu verteidigen. Fast könnte man meinen, Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ habe bei dem Drehbuch Pate gestanden.

Doch mehr und mehr weicht die blinde Aggression des Protagonisten der Erkenntnis, dass sich die Verhältnisse so nicht ändern lassen. Symbolisch entledigt er sich seines Sakkos und seiner Krawatte, beides Insignien einer Welt, die, wie er glaubt, vor allem von Hausordnungen und „landesüblichen Gepflogenheiten“ getragen wird. Mehr und mehr offenbart sich nun ein Mensch, der auf der Suche nach sich selbst Initiative ergreift. Schließlich verlässt er wortlos das Mitarbeiterteam, dessen Mitglied er war. Gleichzeitig begreift er, dass nicht nur er anders geworden ist, sondern die „anderen“ ihn immer weniger verstehen. Dabei weichen die aggressiven Projektionen auf seine Umwelt zusehends Einsichten und Wahrheiten, die spüren lassen, dass er zu sich gefunden hat. „Ich bin im Grunde genommen ein leidender Mensch“, sagt er und dennoch fühlt er sich leichter, je weiter er diese von Bohrmaschinen, Hausordnungen und landesüblichen Gepflogenheiten geprägte Welt hinter sich lassen kann.

Oliver Nolte versteht es brillant, all diese Charakterzüge zu verkörpern. Mit Einfühlungsvermögen und großer Überzeugungskraft macht er den allmählichen Wandel des Protagonisten, der von aufbäumender Aggressivität bis zu bemitleidenswerter Depressivität reicht, spürbar.

Misstrauen gegenüber „anderen“

Um eine andere Art des „Andersseins“ ging es in der nachfolgenden Podiumsdiskussion. Nimmt im Theaterstück ein Mensch das Recht auf eine eigene Identität, die nicht von „landesüblichen Gepflogenheiten“ geprägt wird, für sich in Anspruch, so sind es gerade diese unterschiedlichen „Leitkulturen“, deren Vereinbarkeit die Probleme aufwirft. Philippe de Zemo, einer der Diskussionsteilnehmer, der aus Kamerun stammt und seit zehn Jahren in Deutschland lebt, hält es für wichtig, alle Menschen nach dem zu beurteilen, wer sie sind, und nicht nach dem, was sie arbeiten oder besitzen. „Integration kann nur gelingen, wenn wir voneinander und miteinander lernen.“

Dazu ist es aber unabdingbar, dass wir auch miteinander kommunizieren. Juniou Eyango, ebenfalls aus Kamerun stammend, ist seit Juli 2015 in Deutschland. Er besucht einen Sprachkurs, der vom Arbeitskreis Asyl bezahlt wird, und fühlt sich noch nicht heimisch in Stetten, obwohl ihm viel Zuwendung zuteilwird. Er findet es schrecklich, dass alle auf ihn schauen und er ständig Gesprächsthema ist. Sein Wunsch wäre es, dass die Menschen Herzen und Türen öffnen und nicht alle Flüchtlinge in einen Topf werfen. In den Ereignissen in Köln sieht er eine latente Gefahr und spürt zudem wachsendes Misstrauen in der Bevölkerung.

Fara Peccerella hat ihre Wurzeln in Italien. Dorthin sind ihre Eltern nach 45 Jahren in Deutschland zurückgekehrt, was sie auf eine nicht vollständig gelungene Integration zurückführt. Sie arbeitet im Arbeitskreis Asyl und neuerdings auch bei der Gemeinde mit. Im Umgang mit den Flüchtlingen hat sie vieles gelernt. Dazu gehört für sie die Erkenntnis, dass es in die Irre führt, zu glauben, der eigene Weg sei der einzig gangbare. Vielmehr sei die Vielfalt sowohl für die deutsche als auch für die nicht deutsche Gesellschaft wichtig.

Flüchtlinge gab’s schon früher

Ebbe Kögel, Stettener Urgestein, der auf eine 500-jährige Familientradition verweisen kann, weiß in seiner Eigenschaft als Heimatforscher so manches aus der Geschichte zu berichten. Im 19. Jahrhundert und zuletzt nach dem 2. Weltkrieg gab es beträchtliche Flüchtlingsbewegungen in Stetten. Verlor Stetten beispielsweise im 19. Jahrhundert einen Teil seiner Bevölkerung infolge Hungersnot, so musste das gleiche Dorf nach dem Krieg zahlreiche Einquartierungen von Flüchtlingen stemmen. Auch dies ging nicht ohne erhebliche Reibungsprozesse vonstatten.

Fazit: Es gibt noch viel zu tun und wenn wir’s nicht anpacken, kann es nicht gelingen. Der Arbeitskreis Asyl in Stetten fühlt sich dabei auf dem richtigen Weg, ist aber weiterhin auf die Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen.