Waiblingen

Therapeuten auf vier Hufen

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Bevor die Pferde und Ponys im Therapiebetrieb eingesetzt werden, gewöhnt Steffi Armbruster sie zunächst mit Hilfe von pferdeerfahrenen „Stallkindern“ an den Umgang mit Kindern. Hier wird die Stute Nowla geritten, der kleine Ponywallach Fritzi wird geführt. © Habermann / ZVW
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Die Scheckstute Nowla ist schon seit neun Jahren bei Steffi Armbruster.

Waiblingen. Shakira ist ängstlich, Fritzi ein kleiner Draufgänger, Toffifee ein Schatz. Bali gibt auf alle anderen acht und auf Nowla ist einfach Verlass. So beschreibt Steffi Armbruster ihre kleine Herde. Sie sind genauso verschieden wie die Klienten, die zu der Reittherapeutin kommen. Genau das lasse sich prima in der Arbeit mit Menschen und Pferden nutzen.

Video: Das sind die Therapeuten auf vier Hufen auf der Reitanlage im Hess-Areal.

Toffifee ist der erklärte Liebling ihrer Tochter. Doch leider sieht die kleine Ponystute nicht mehr gut, sagt Steffi Armbruster. „Wegen einer unheilbaren Augenkrankheit wird sie irgendwann ganz erblinden“, erklärt die Reittherapeutin. Während sie mit diesem Handicap anderswo als Therapiepferd ausgemustert würde, möchte Armbruster genau dies für ihre Arbeit nutzen. Bei ihr hat jedes Pferd eine ganz eigene Rolle und damit eine Aufgabe, die es besonders gut erfüllen kann. So könne Toffifees Sehbehinderung helfen, Kindern zu vermitteln, wie es ist, mit einer Einschränkung zu leben, gibt Armbruster ein Beispiel.

Die gelernte Jugend- und Heimerzieherin ist mit ihren Pferden seit Januar auf der Clay-Pit-Ranch auf dem Waiblinger Hess-Areal zu Hause und bietet dort sogenannte reitpädagogische Kurse an – Reitstunden für Kinder ab drei Jahren. Mit dem neuen Angebot, der Reittherapie, erfüllt Armbruster sich einen lang gehegten Traum: „Ich wollte das schon immer machen, deshalb habe ich meinen Beruf überhaupt ergriffen.“ Den ersten Kontakt mit dem therapeutischen Reiten hatte sie mit 18 Jahren, als sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Psychiatrie machte. Nach ihrer Ausbildung erwarb sie Zusatzausbildungen in tiergestützter Pädagogik, Reittherapie und zur systemischen Beraterin. Zurzeit bildet sie sich noch im tiergestützten systemischen Coaching fort.

Kinder und Erwachsene können teilnehmen

Armbrusters Arbeit richtet sich an Kinder und Erwachsene. „In der Reittherapie arbeiten wir mit Kindern, die überwiegend geistige Behinderungen haben, oder auch Verhaltensauffälligkeiten“, erklärt sie. Die Pferde hätten da ein so feines Gespür, merkten genau, wie sie mit wem umgehen müssten. Für Erwachsene bietet Armbruster Coaching und Beratung in schwierigen Lebenssituationen an, aber auch ein Training für Führungskräfte. „Von Pferden kann man Führen lernen“, sagt sie. „Sie spiegeln uns. Und wenn man feststellt, dass so ein Pferd das tut, was man von ihm möchte, dann gibt das ganz schön Selbstbewusstsein.“ Die Anlage gebe alles her, was auch für größere Seminare mit Firmengruppen nötig sei: Schulungsräume und genügend Platz für viele Aktivitäten.

Daimler-Neubau bringt Veränderungen

Das soll auch nach dem Daimler-Neubau auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei so bleiben. Auf 42 000 Quadratmetern soll dort bis 2020 ein großes Entwicklungszentrum mit 260 Arbeitsplätzen entstehen, in dem Antriebsstränge entwickelt und Prototypen für Verbrennungs-, Hybrid- und Elektromotoren gebaut werden. Allerdings ergeben sich auch für den Reitstall Änderungen durch das Großprojekt: Die Western-Reitschule und das Therapieangebot bleiben erhalten, einige Pferde müssen aber ausziehen. Nach dem Bau wird zu wenig Koppelfläche für die derzeit etwa 65 Pferde zur Verfügung stehen. „Uns ist die artgerechte Haltung sehr wichtig, das können wir dann nicht mehr für so viele Pferde gewährleisten“, erklärt Armbruster. Die Schul- und Therapiepferde bleiben. Ziel sei es, langfristig eine Art „Kompetenzzentrum Pferd“ auf der Clay Pit Ranch zu etablieren.

Zwei neue Therapiepferde

Den Grundstein hat Armbruster nun mit dem Kauf zweier neuer Therapie-Pferde gelegt: Die braun-weiß gescheckte Stute Shakira und der kleine, hellbraune Ponywallach Fritzi sind kürzlich bei ihr eingezogen. Shakira sei noch etwas ängstlich den anderen Pferden gegenüber, da sie in den letzten Jahren wenig Kontakt zu Artgenossen hatte, berichtet die Reittherapeutin. Fritzi sei das komplette Gegenteil: obwohl mit seinen gerade mal 90 Zentimetern der Kleinste in der Gruppe ein absoluter Draufgänger. „Ich glaube, er weiß nicht, dass er so klein ist. Er versucht sogar, ,seine‘ Herde gegen andere, viel größere Pferde zu verteidigen.“ Armbruster lacht, als sie davon erzählt. Auch das Verhalten dieser beiden Pferde könne sie wunderbar für ihre Arbeit nutzen: Anhand von Shakira lasse sich herausfinden, was jemand brauche, um sich sicher zu fühlen. Und an Fritzi lasse sich feststellen, dass Selbstbewusstsein nicht unbedingt mit physischer Stärke und körperlicher Größe zu tun habe.

Dass Fritzi nicht zu übermütig wird, darauf achtet die Haflinger-Stute Bali, mit 23 Jahren die Älteste und die Chefin der kleinen Herde. Sie wird Armbruster von einer Freundin zur Verfügung gestellt und hat die richtige Größe, um auch mal Erwachsene zu tragen. Der ruhende Pol ist für die Reittherapeutin ihre eigene Scheckstute Nowla. Sie ist bereits seit neun Jahren bei Armbruster. „Sie ist mein absolutes Verlasspferd“, sagt sie und krault der Stute die Mähne. „Da könnten sich jetzt kleine Kinder an die Hinterbeine hängen, das würde sie nicht stören. Sie hat einfach riesengroßes Vertrauen zu mir und ich zu ihr.“ Denn das sei es, worauf es bei einem Therapiepferd ankomme: Die Basis müsse stimmen. Nicht jedes Pferd müsse dabei alles können. Jeder sei individuell, wie Menschen eben auch. Das sei das Schöne daran.


Reittherapie oder Hippotherapie?

Die beiden Begriffe Reittherapie und Hippotherapie werden oft durcheinandergewirbelt, wie Steffi Armbruster erklärt. Aber es gebe einen gravierenden Unterschied: Hippotherapie dürfen nur Physiotherapeuten anbieten – denn dabei handelt es sich um Krankengymnastik auf dem Pferd.

„In der Reittherapie arbeiten wir überwiegend mit geistig behinderten oder verhaltensauffälligen Menschen“, erläutert sie weiter. Das bedeute aber ausdrücklich nicht, dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen davon ausgeschlossen seien.

Je nach Einzelfall variiere die Regelmäßigkeit der Einheiten: Während in der klassischen Reittherapie häufig eine Stunde wöchentlich angebracht sei, genügten beim Coaching oder Führungskräfte-Training meist wenige Sitzungen.

„Und bei frühkindlichem Autismus zum Beispiel hat man sehr gute Erfahrungen mit Intensivkursen über zwei Wochen am Stück gemacht“, ergänzt die Reittherapeutin. Das sei zwar ein ganzer Batzen Geld, aber oft lasse sich so etwas über Spenden finanzieren. Bei deren Organisation helfe sie betroffenen Eltern gerne.