Waiblingen

Tipps der Polizei zum Schutz vor Gewalt

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Benjamin Biernath erträgt gelassen sämtliche Übungsattacken der Frauen. In seinem Schutzanzug hat er nichts zu befürchten. © Ralph Steinemann

Waiblingen. Die ist doch selber schuld. So wie die rumläuft. Sätze wie diese hört Klaus Bosch selbst von Männern, die sonst nicht so sind. Im Gewaltschutzseminar für Frauen rät der Sicherheitsberater und Trainer: Versetzt euch in den Täter hinein. Der Klügere gibt nach. Doch manchmal hilft nur schreien, kratzen, schlagen und dorthin treten, wo’s wehtut.

Im Video: Im Gewaltschutzseminar zeigt Benjamin Biernath Kriminalhauptkommissar a.D. wie sich die Frauen bei Überfällen wehren können.

„Auf geht’s! Schreit!“ – Klaus Boschs Stimme dringt durch Mark und Bein. Vermutlich sind seine Kommandos noch drei Etagen tiefer zu hören. Er lockt die Teilnehmerinnen beim Gewaltschutzseminar im Waiblinger Polizeirevier aus der Reserve; sie sollen hemmungslos draufhauen und brüllen, bis die Wände wackeln. „Manche können auch gar nicht zuschlagen“, weiß der frühere Kriminalhauptkommissar. Genau dafür dient der Selbstverteidigungsteil im Seminar: Frauen sollen es mal tun.

Gesicht, Beine und der Unterleib

„Ihr dürft jetzt alles machen. Angreifen!“, kommandiert Klaus Bosch, und selbst jetzt verliert sein Assistent Benjamin Biernath nicht die Contenance. Er hat sich umständlich in einen vielteiligen Schutzanzug gehüllt. Ein Rundum-Panzer, der ihn vor Frauen-Fäusten schützt. Und vor Tritten.

Ein gezielter und heftiger Tritt gegen seine empfindlichste Stelle setzt einen Angreifer schachmatt. Zumindest in der Theorie. Gesicht, Beine und eben den Unterleib nennt Bosch als die drei Angriffsflächen der Wahl. Wenn nichts anderes mehr hilft. Es kann nur darum gehen, den Angreifer so weit kampfunfähig zu hauen, dass eine Flucht gelingen kann. Für eine Frau kein einfaches Unterfangen.

„Ihr müsst damit rechnen, dass er zurückschlägt“

Im Seminar wirken die Übungen der Frauen zum Teil wie Yoga. Und doch geht die eine oder andere aus sich raus. Schlägt mit Wucht gegen die Pratze, ein Schlagpolster, das sie im Kampfsport verwenden.

„Ihr müsst damit rechnen, dass er zurückschlägt“, warnt Klaus Bosch. Sollte der Angreifer betrunken sein oder Drogen konsumiert haben, spürt er vielleicht gar keinen oder kaum Schmerz. Also doch lieber still alles erdulden, damit er sein Opfer zumindest nicht killt?

„Nehmt euer Bauchgefühl wahr. Das können Frauen besser.“

Es gibt keine einfache Antwort. Es kommt drauf an. Sind Waffen im Spiel, rät Bosch von Gegenwehr ab. Kommt es in einer Wohnung oder im Auto zu einer Attacke, gilt die „Schreit!“-Aufforderung nicht unbedingt. Der Täter könnte versuchen, sein Opfer nachhaltig zum Schweigen zu bringen.

Prävention beginnt sehr viel früher. Einer der wichtigsten Punkte: selbstbewusst auftreten. „Nehmt euer Bauchgefühl wahr. Das können Frauen besser“, sagt Klaus Bosch. Fühlt sich eine Situation unangenehm an, etwa in der S-Bahn – dann nicht allein in eine andere Ecke setzen oder sich allein an der Tür postieren.

Die Polizei rufen, das geht immer

Sondern andere gezielt ansprechen, am besten andere Frauen, weil sie sich besser einfühlen können: Ist der Platz hier neben Ihnen frei? Ich würde mich gern zu Ihnen setzen, weil der Typ da hinten ... Direkt angesprochen, fühlen sich andere eher mitverantwortlich. Ist eine Notsituation bereits eingetreten, wenn irgend möglich jemanden direkt und laut ansprechen, rät Bosch: Sie da mit dem blauen Hemd! Helfen Sie mir!

Wer eine kritische Situation beobachtet, muss sich nicht selbst in Gefahr bringen. Aber die Polizei rufen, das geht immer. Klaus Bosch erzählt von einem Fall, der viele Jahre zurückliegt und noch heute bestürzt: Ein Mann bedrängte eine 17-Jährige heftig – am hellichten Tag auf offener Straße in Winnenden. Drei Frauen beobachteten die Szene, schauten – und gingen weiter. Alle drei wurden später wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt.

„Die Gewaltbereitschaft nimmt zu"

Bosch rät davon ab, sich mit einer Schreckschusswaffe auszustatten. Solche Waffen sehen täuschend echt aus, wodurch gefährliche Situationen entstehen können. Pfefferspray sieht Bosch differenzierter: Ein solches in der Tasche zu tragen, könnte sinnvoll sein – allerdings nur, wenn die Besitzerin weiß, wie solch ein Spray richtig anzuwenden ist, und sie es geübt hat.

In der Silvesternacht 2015 in Köln traten Gewaltformen zutage, die zuvor schlicht nicht bekannt waren: antanzen, umtanzen, umklammern, festhalten, auch das Anschwimmen und Umschwimmen in Bädern kam auf. Jegliche Form von nicht gewollten Berührungen würde Klaus Bosch als Gewalt einstufen: „Die Gewaltbereitschaft nimmt zu, die Brutalität nimmt auch zu.“

„Nehmt diese Aussage ernst“

„Versetzt euch in die Situation des Täters“, rät Klaus Bosch. Ein Taschendieb, der wegrennt, oder ein Einbrecher, der grade erwischt worden ist, wird vieles tun, um nicht aufgehalten zu werden. Also: sich niemals einem Fliehenden in den Weg stellen. Sofort die Polizei rufen, Fluchtrichtung merken, Details an der Person wahrnehmen.

„Was guksch du“ – auch so ein Spruch. „Nehmt diese Aussage ernst“, rät Klaus Bosch; der Spruch bedeutet, es sucht einer Stress. Auf Provokationen und Anmache nicht reagieren, einfach weggehen, die Situation verlassen: „Das ist nicht als Niederlage zu betrachten. Das ist eine Taktik.“

Tipps der Polizei zum Schutz vor Gewalt

In einem Infoblatt listet die Polizei eine Reihe von Tipps auf zum Schutz vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, doch: „Es gibt kein Patentrezept, wie man sich in bedrohlichen Situationen richtig verhalten kann. Jede Begebenheit ist anders und muss individuell beurteilt werden.“

  • „Versuchen Sie, aggressiv und bedrohlich wirkende Situationen von vorneherein zu vermeiden.“
  • „Verlassen Sie die Situation, so schnell es geht.“
  • „Machen Sie auf sich aufmerksam.“
  • „Siezen Sie den Angreifer.“
  • „Wehren Sie sich.“
  • „Beobachten Sie genau und prägen Sie sich Tätermerkmale ein.“
  • „Rufen Sie die Polizei.“
  • „Erstatten Sie Anzeige.“

Die ersten beiden Teile der Serie: