Waiblingen

Toten Säugling in Babyklappe gelegt

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Waiblingen/Stuttgart.
Eine 21-Jährige muss sich zurzeit vor dem Landgericht Stuttgart wegen des Todes ihres Neugeborenen verantworten. Die junge Frau hat das Kind ganz allein in einem Keller zur Welt gebracht. Die Obduktion hat ergeben, dass das Kind lebensfähig war. Es starb kurz nach der Geburt. Zusammen mit ihrer Mutter fuhr die junge Frau später nach Stuttgart und legte den toten Körper in die Babyklappe.

Lange Geburt mit Dammriss und hohem Blutverlust

Am Donnerstag, dem zweiten Verhandlungstag vor der zweiten Großen Jugendkammer am Landgericht Stuttgart, kamen eine ganze Reihe von Zeugen zu Wort. Eine Sozialpädagogin vom Kinderschutzteam am Olgahospital berichtete von ihrem Gespräch mit der damals 18-Jährigen. Diese erzählte wenige Tage nach der Geburt ihres Kindes im Oktober 2014, das Baby habe nicht angefangen zu atmen nach der Entbindung. Ein Polizeibeamter berichtete, die junge Frau habe ihm erzählt, sie habe dem Jungen einen Klaps auf den Po gegeben, woraufhin ein Grugeln folgte. Dann habe es keine Lebenszeichen mehr gegeben. Die Angeklagte muss nach der langen Geburt, bei der sie einem Arzt zufolge allem Anschein nach ungewöhnlich viel Blut verloren hat, sehr schwach gewesen sein. Erst nach längerer Zeit schaffte sie es vom Keller hinauf in die Wohnung zu ihrer Mutter. Zuvor dämmerte sie immer wieder weg. Der Facharzt berichtete vor Gericht von einem großen Dammriss, den die junge Frau bei der Geburt davongetragen hatte, und einem oberflächlichen Nervenschäden, der ihr Probleme beim Gehen bereitete. Tage nach der Geburt wurde der Frau zudem eine schwer depressive Episode bescheinigt.

Vater vom Kind war eine Zufallsbekanntschaft

Die Mutter der Angeklagten hatte ihre Tochter schon Monate vorher immer wieder auf den wachsenden Bauch angesprochen. Sie fragte mehrmals, ob eine Schwangerschaft vorliege. Dies stritt die Angeklagte stets ab. Sie verstrickte sich immer mehr in diese Lüge, so erzählte sie später – bis sie schließlich den Weg heraus nicht mehr fand. Vom Vater ihres Sohnes ist kaum etwas bekannt, wie am Rande anklang – eine Zufallsbekanntschaft. Zu all diesen Fragen hat die Frau bereits am Dienstag vor Gericht Angaben gemacht. Auf Antrag ihres Anwalts Jens Rabe war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Eine frühere enge Freundin der Angeklagten sagte am Donnerstag, den Vater des Kindes betreffend: „Ich weiß nur, dass sie keinen Namen hat und nix.“ Ihre Freundin, zu der sie allerdings seit diesem Ereignis keinen Kontakt mehr hat, beschrieb die Zeugin als „fröhlichen, lebhaften Menschen“. Bei der Polizei hatte die Zeugin sie als „trottelig, laut, lustig“ bezeichnet. Trottelig im Sinne von, dass sie gern mal zu spät kam zum Beispiel.

Sie fürchtete, alles zu verlieren

Oder auch gar nicht. Am Tag vor der Verhandlung erschien die junge Frau nicht beim psychiatrischen Sachverständigen, bei dem sie einen Termin hatte. Sie gab an, ihr Handy-Akku sei wegen der Kälte ausgefallen und ohne Navi habe sie es nicht gefunden. In der Nacht und am Morgen vor Beginn der Verhandlung befand sich die heute 21-Jährige offenbar in sehr angespanntem Zustand. Sie weinte heftigst, sei hysterisch gewesen, berichtete ihr Anwalt. Seine Mandantin erschien dann doch vor Gericht. Bei den Zeugenvernehmungen ging es auch um ihr Verhältnis zu ihrer Mutter. Demnach hatten Mutter und Tochter schon seit einiger Zeit Stress miteinander. Es ging ums Kiffen, um aus Sicht der Mutter falsche Freunde, um die Schule. Die Mutter schaltete das Jugendamt ein, das Hilfen anbot. Weil die junge Frau nicht kooperierte, wurden diese Hilfen später eingestellt. Den Realschulabschluss schaffte die Jugendliche nicht. Sie fand dennoch einen Ausbildungsplatz – auch deshalb versuchte sie, die Schwangerschaft zu verheimlichen. Sie fürchtete, alles zu verlieren, wenn jemand etwas von dem Kind erfahre. Offenbar dachte sie einfach nicht darüber nach, wie es nach der Geburt weitergehen könnte. Sie verdrängte die Tatsache, dass sie schwanger war.

Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung

Aus Angst vor der Reaktion ihrer Mutter ist sie wohl an jenem Oktobertag 2014 in den Keller gegangen. Da hatte die Geburt bereits begonnen. Die Jugendliche war zuvor vom Schorndorfer Bahnhof aus mehrere Kilometer mitten in der Nacht nach einer Party zu Fuß nach Hause gegangen. Unterwegs platzte die Fruchtblase. Vor der Polizei gab die junge Frau an, sie habe niemanden zu Hilfe rufen können, weil der Akku ihres Handys leer gewesen sei. Die Auswertung des Handys ergab aber, dass sie noch in der Nacht versucht hatte, mittels google maps die Orientierung wiederzuerlagen, nachdem sie umhergeirrt und den Weg nicht mehr gefunden hatte. Die Kammer stellte sich die Frage, weshalb die Frau in solch einer Ausnahmeisituation nicht an einem Haus geklingelt oder ein Auto angehalten habe, um um Hilfe zu bitten. Früheren Angaben zufolge wollte die Schwangere einfach nur schnell nach Hause.

Was dann genau im Keller passiert ist, weiß nur sie selbst. Es war niemand dabei. Laut dem Facharzt überleben bei unbegleiteten Geburten in 80 bis 90 Prozent der Fälle Mutter und Kind.

Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Laut Gericht kommt auch eine Verurteilung wegen Totschlags durch Unterlassen in Betracht. Am Dienstag wird die Verhandlung fortgesetzt.