Waiblingen

Transporter-Falle: Stadt ärgert sich über Zeitung

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Der Kleintransporter, der am Dienstag hängen geblieben ist. © Christian Le Baron/Facebook
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Bernd Klopfer kommentiert den Brief der Stadt Weinstadt zur "Transporter-Falle".

Weinstadt. Über die Berichte zur Beutelsbacher Bahnunterführung in unserer Zeitung ärgert sich die Weinstädter Stadtverwaltung. Ihr Sprecher hat nun im Namen der Stadt einen Brief geschickt, den wir ungekürzt veröffentlichen.

„Nicht nur bringt der Redakteur mit seiner sprachlichen Zuspitzung eine Brisanz in die Diskussion, die dem Thema nicht gebührt. Er nennt auch unrichtige Fakten und zieht falsche Schlüsse aus seinen Beobachtungen. Die Berichterstattung in der Printausgabe und der ZVW-Website geht im Gleichschritt mit den Ausführungen einzelner Nutzer sogenannter sozialer Medien im Internet, geprägt von Fehleinschätzungen und sensationsheischender Polemik. Doch sollte man von einem Journalisten zumal einer mehrfach ausgezeichneten Lokalzeitung eine differenziertere und vor allen Dingen neutralere Betrachtungsweise erwarten können.

Stadt: Keineswegs eine Falle

Grundsätzlich: Der neue Höhenbegrenzer steht nicht, wie in der WKZ geschrieben, acht Meter vor der Einfahrt der Unterführung, sondern 15 Meter. Dies ist ein kleiner, aber doch wichtiger Unterschied, gerade in Bezug auf den Bremsweg. Zitat aus der WKZ vom 20. Dezember: „Und wieder hat die Transporter-Falle zugeschlagen.“ Bei der Unterführung handelt es sich keineswegs um eine „Falle“, eine Wortwahl, die suggeriert, dass hier in Weinstadt den Lkw-Fahrern eine böse Unterführung auflauert und unerwartet „zuschlägt“.

Diese Formulierung unterstellt auch, dass es jemanden gibt, der den Kleinlastern Böses will und diesen eine Falle stellt. Wer könnte denn hieran ein Interesse haben? Vielmehr handelt es sich bei der Unterführung um ein regelkonformes Straßenbauwerk, das von weit her sichtbar ist und auf dessen geringe Höhe mehrfach – weit über das gesetzlich geforderte Maß! – hingewiesen wird.

„Sprachlich unzulässig“

Wenn die betroffenen Kfz-Lenker diese Hinweise ignorieren, dürfte die Frage des Verschuldens des Unfalls unstrittig zu beantworten sein, wenngleich auch oftmals reflexartig die Schuld bei der Stadt, der Bahn oder einem sonstigen Dritten gesucht wird. Auch maßt sich der Redakteur an, die kürzlich erfolgte Installation des Höhenbegrenzers als „untauglich“ zu bezeichnen, damit einhergehend freilich die unausgesprochene Schlussfolgerung, dass die Stadt durch falsche Planung oder Ausführung 10 000 Euro verschwendet hätte. Das Urteil der Untauglichkeit stünde ihm jedoch nur zu, wenn er auch die Zahl der Fahrzeuge kennen würde, die durch diesen Höhenbegrenzer vor einer Einfahrt in die Unterführung und damit einem Unfall bewahrt wurden. Wenn dies auch nur ein Fahrzeug wäre, das aufgrund des akustischen Signals (Schlag gegen die Windschutzscheibe) nicht in die Unterführung einfährt, wäre der Höhenbegrenzer nicht untauglich, allenfalls bedingt tauglich. Aber den Höhenbegrenzer aufgrund eines einzelnen Lkws, der die optischen und akustischen Warnungen ignoriert hat, als „untauglich“ zu bezeichnen, ist inhaltlich und sprachlich unzulässig und konterkariert die zahlreichen Bemühungen der Stadt, diese Gefahrenstelle zu entschärfen – und das, obwohl sie damit über die rechtlich erforderlichen Verkehrshinweise hinaus agiert. Und ist volkswirtschaftlich betrachtet nicht jeder Unfall, der nicht passiert, eine gute Nachricht?

Eine positivere und unaufgeregtere Berichterstattung zu diesem Thema wäre wünschenswert. Übrigens: Es gibt in der Großen Kreisstadt Weinstadt eine Fülle weitaus interessanterer Themen aus Politik und Gesellschaft, mit denen man die Seiten der Waiblinger Kreiszeitung füllen könnte, als jeden neuerlichen Unfall in der Bahnunterführung Beutelsbach. Für Anregungen kann sich der Redakteur gerne an die Stadt wenden.“

Eine Auflistung der Ereignisse in und um die Unterführung:


In unserer Zeitung erscheinen ständig Artikel über Dinge, die in Weinstadt gut laufen. Die Stadtverwaltung bekommt regelmäßig Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge ausführlich darzustellen – so auch in unserem jüngsten Artikel über die steckengebliebenen Kleintransporter in der Beutelsbacher Bahnunterführung. Trotzdem ist das der Weinstädter Stadtspitze anscheinend nicht genug.

Sie stört sich an unserer Wortwahl, unter anderem an dem seit vielen Monaten gebräuchlichen Begriff Transporter-Falle. Werden wir deshalb das Wort nicht mehr verwenden und stattdessen, um mal einen Begriff aus dem Brief der Stadtverwaltung zu benutzen, vom „regelkonformen Straßenbauwerk“ sprechen? Natürlich nicht. Deutschland ist ein Land, in dem die Presse frei ist – Gott sei Dank.

Journalisten sollen wie einst Luther dem Volk aufs Maul schauen und die Dinge beim Namen nennen. Wird der Vater der Reformation nicht gerade überall auch für seine klare Sprache gefeiert? Wir werden eine Unterführung, in der wegen ihrer niedrigen Bauweise seit Jahren regelmäßig Transporter steckenbleiben, weiter Transporter-Falle nennen, weil sie genau das ist. Wenn wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern der Kaiser nackt ist, werden wir schreiben, dass er nackt ist – und nicht behaupten, dass er doch wunderbare Kleider trägt.

Wolf Schneider, Deutschlands bekanntester Journalistenausbilder, schrieb in seinem Buch „Speak German! – Warum Deutsch manchmal besser ist“ einst zu der Frage, ob es angemessen ist, das „Königreich der Niederlande“ (so lautet die offizielle Bezeichnung des Landes) Holland zu nennen, Folgendes: „Die Niederlande verhalten sich zu Holland wie das Postwertzeichen zur Briefmarke: amtsdeutsch, weltfremd, blutleer“.

Es ist das gute Recht der Stadt Weinstadt, die Zeitung öffentlich zu kritisieren und sie auch auf sachliche Fehler aufmerksam zu machen. Es ist aber auch das gute Recht eines Journalisten, sich von einem Oberbürgermeister nicht vorschreiben zu lassen, welche Wörter er benutzen darf und welche nicht. Wir machen nämlich bei der Zeitung Journalismus und kein Stadtmarketing.

Höhenbegrenzer hat nicht geholfen

Hat der erst am 7. Dezember installierte Höhenbegrenzer versagt – oder wurde er von Unbekannten manipuliert? In unserem Artikel in der Mittwochsausgabe der Zeitung haben wir diese Frage noch nicht klären können, da die Polizei hierzu noch keine Aussage treffen konnte. Nun allerdings steht es fest: Laut der Pressestelle des Polizeipräsidiums Aalen ist der Höhenbegrenzer nicht manipuliert worden. „Wir haben keinen Hinweis darauf, dass Sachbeschädigung vorlag“, stellt Sprecher Rudolf Biehlmaier klar.

Das bedeutet letztlich, dass der Höhenbegrenzer im Fall des Kleinlasters, der am Dienstag, 19. Dezember, um 13.20 Uhr in der Beutelsbacher Bahnunterführung steckengeblieben ist, nicht funktioniert hat.

Dabei klingt die Wirkungsweise des Höhenbegrenzers zumindest in der Theorie überzeugend: Ein Fahrer eines Fahrzeugs, das mehr als zwei Meter hoch ist, erhält durch herunterhängende Ketten einen Schlag gegen die Frontscheibe und soll so noch rechtzeitig vor der niedrigen Unterführung bremsen können. 15 Meter ist der Höhenbegrenzer laut der Stadtverwaltung von der Einfahrt der Unterführung entfernt – übrigens sieben Meter mehr, als wir in der Ausgabe vom 20. Dezember geschrieben hatten. Diesen Fehler bitten wir zu entschuldigen.

Die Polizei geht laut Biehlmaier davon aus, dass sich die Ketten, die beim Höhenbegrenzer herunterhängen, durch den zu hohen Kleintransporter teilweise mehrfach um die rot-weiße Stange gewickelt haben. Er habe in der Sache auch mit einem Mitarbeiter der Stadt Weinstadt gesprochen, der ihm mitgeteilt habe, dass er diese Sicht der Dinge teile.

Augenzeuge Gerrit Winkler bestätigt die Stellungnahme der Polizei. Der Unternehmer, der in Weinstadt eine Firma hat, meldete sich am Mittwoch in der Redaktion und gab an, dass er am Dienstag um 13.07, also rund 13 Minuten vor dem Unfall, durch die Unterführung fuhr – und da sei der Höhenbegrenzer noch intakt gewesen. „Ich kann es wirklich bezeugen, dass nichts manipuliert war.“