Waiblingen

Trotz Corona und Lockdown: Warum das Kernstück von Weihnachten nicht anders ist als sonst

Pfarrer Klappenecker
Franz Klappenecker am Weihnachtsbaum in der Antoniuskirche. © ALEXANDRA PALMIZI

Schweren Herzens verzichten wir dieses Jahr auf die gewohnten Kurzurlaube in den Hotels „Oma und Opa“. Die Weihnachtsgans müssen wir selber zubereiten. Die Kinder trauern, denn Weihnachten mit den Großeltern ist für sie der Inbegriff der Glückseligkeit. Ohnehin ist die „Generation Corona“ durch Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Kita-Schließungen leidgeprüft. Die geliebten Weihnachtsmärkte mit Bimmelbahn und Kasperle unter dem Alten Rathaus fielen schon flach. Weihnachten 2020, so scheint es, ist für die Katz, ist verloren und auf unheimliche Art anders. „Ja, aber“, sagt Pfarrer Franz Klappenecker. „Das Drumherum von Weihnachten ist dieses Jahr anders, aber das Kernstück von Weihnachten ist es nicht.“

Weihnachten als Fest der Familie – das ist eine Tradition, die viele von uns tief im Herzen berührt. Doch die Feiern mit üppigem Essen und Geschenke-Schlachten gehören zum „Drumherum“. Das Kernstück von Weihnachten, das Weihnachtswunder, ist laut Klappenecker dieses: Gott ist zum Menschen geworden, ist den Menschen so nahe, wie es nur irgend sein kann. In den Beziehungen vermissen wir Nähe schmerzlich. „Kein Telefon und kein Skype können das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht vollwertig ersetzen“ – aber vielleicht brauchen wir gerade jetzt das Weihnachtswunder umso mehr.

Schon die Spur des Wunders kann verwandeln

Im Vergleich zum Gewohnten leben wir in einer düsteren Zeit. Umso mehr traf das zu auf Maria und Josef, damals im Jahr null in Judäa. Die römischen Besatzer knechteten das Land, dann fiel dem Kaiser noch ein, das Volk zählen zu lassen, und das Paar musste einen dreitägigen Marsch auf sich nehmen. „Das müsste sich heute einer einfallen lassen“, sagt der Pfarrer der katholischen Sankt-Antonius-Gemeinde milde schmunzelnd. Ja, denke ich: Heute, da schon das Maskentragen als Zumutung empfunden wird. Es war eine kaum vorstellbare Armut: Die Mutter musste ihr Baby in einen Futtertrog legen. Es war eine „harte Wirklichkeit“, Gott war in doppeltem Sinne „heruntergekommen“ zu den Menschen. Hinabgestiegen in primitivste Verhältnisse.

Franz Klappenecker erzählt aus dem Gedächtnis eine kleine Geschichte von einem Hirten, der ein Beinleiden hatte, nur mit Krücken gehen konnte, verbittert war und misstrauisch abwinkte, als seine Kollegen, entflammt von der Frohen Botschaft des Engels, nach Bethlehem eilten, und der allein auf dem Feld blieb. Nach einer Nacht in Einsamkeit hielt er es nicht mehr aus, die Neugier, was denn nun sei, ließ ihn nicht los. Er humpelte ins Städtchen, fand Stall und Krippe verlassen vor. Nur ein Abdruck, eine Kuhle im Stroh des Futtertrogs verriet: Es stimmte! Es war wirklich geschehen! Der Hirte machte sich also auf die Suche nach den anderen Hirten, nach dem Christkind, suchte und suchte – und irgendwann fiel ihm ein, dass er im Stall seine Krücken vergessen hatte. Er war die ganze Zeit ohne sie gegangen.

Weihnachten als Quantensprung

Der Hirte mit den Krücken hat das Wunder selbst nicht gesehen – nur eine Spur davon, einen Abdruck. Trotzdem wurde er verwandelt, auf unbegreifliche Weise. Für ihn selbst war zunächst nicht viel geschehen – und doch war plötzlich alles anders. Die Rettung kam wie aus dem Nichts. Mir fällt der Begriff „Quantensprung“ ein, der von Politikern oft falsch verwendet wird. In der Physik handelt es sich dabei um eine Winzigkeit ohne jede Ursache, die ein System auf eine neue Ebene hebt und verändert. Der Mensch, besonders der heutige, glaubt, alles verstehen und beherrschen zu können – aber nein, dieses Wunder am 24. Dezember ist von anderer Art - Franz Klappenecker: „Weihnachten machen nicht wir, es wird gemacht.“ Das Kind wird nicht „gemacht“ – ohnehin ein vulgärer Ausdruck. Es wird „geschenkt“, Eltern „bekommen“ das Kind. Im Guten wie im Schlechten hat der Mensch nicht alles im Griff, wie er sich entgegen aller historischer Erfahrung immer wieder weismachen möchte. Das erleben wir jetzt intensiver als sonst in der Zeit eines neuartigen Virus, das zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht ganz erforscht sein kann und über das gewissenhafte Virologen wie Christian Drosten sich bewusst nur in Formulierungen wie „Ich glaube“ oder „es dürfte eher so sein, dass“ äußern. Eine offene Wirklichkeit, die nicht leicht auszuhalten ist. Die meisten Menschen verlangen nach Gewissheiten. Klare, oftmals zu klare Antworten werden bevorzugt.

Die Herberge für Schiffbrüchige

Das Beste, was wir derzeit tun können, sagen Virologen, ist, nicht in der gewohnten Weise gemeinsam zu feiern. Fahren wir also nicht zu Oma und Opa nach Franken, nach Wanne-Eickel oder Buxtehude. Das in der Nähe wohnende Großeltern-Paar können wir am ersten Feiertag immerhin mit Abstand im Garten treffen. Warum nicht einmal im Freien Weihnachten feiern? Ist doch eigentlich ganz romantisch. Ich mag eigentlich keinen Schnee, doch nie wäre er so passend wie jetzt. Und an Heiligabend kommt auf jeden Fall der Laptop auf den Wohnzimmertisch. Digital per Videokonferenz können wir dann zusammen sein, beim Essen und bei der Bescherung. Doch was ist, fragt Pfarrer Klappenecker, mit jenen, die kein Skype haben oder niemanden, den sie zum Zoom-Meeting einladen könnten?

Eine andere seiner Geschichten geht so: Die Bewohner eines Dorfes am Meer bauten zur Hilfe für Schiffbrüchige eine Herberge. Die erfreut sich großer Nachfrage von Notleidenden – und hoher Anerkennung der wohlhabenden Bevölkerung. Um den mildtätigen Akt der Nächstenliebe zu würdigen, wird weiter gebaut, werden Feste gefeiert – und irgendwann die Schiffbrüchigen vergessen. Weihnachten geht anders. An Weihnachten sollen die Armen und Einsamen nicht vergessen sein. Gott ist hinabgestiegen in primitivste Verhältnisse.

Schweren Herzens verzichten wir dieses Jahr auf die gewohnten Kurzurlaube in den Hotels „Oma und Opa“. Die Weihnachtsgans müssen wir selber zubereiten. Die Kinder trauern, denn Weihnachten mit den Großeltern ist für sie der Inbegriff der Glückseligkeit. Ohnehin ist die „Generation Corona“ durch Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Kita-Schließungen leidgeprüft. Die geliebten Weihnachtsmärkte mit Bimmelbahn und Kasperle unter dem Alten Rathaus fielen schon flach. Weihnachten 2020, so scheint

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