Waiblingen

Unschuldig: Fahrschüler am Steuer

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Auf dieser Straße zwischen Beinstein und Korb ist eine 17-jährige Fahrschülerin mit dem Fahrschulauto erst zu weit nach rechts und dann auf die Gegenspur geraten. Es kam zu einem Frontalzusammenstoß; Sachschaden: 30 000 Euro. © Schneider / ZVW

Waiblingen/Korb. Diese Fahrstunde vergisst eine 17-jährige Schülerin vermutlich nie: Auf der schmalen Straße zwischen Beinstein und Korb geriet sie diesen Mittwoch mit dem Fahrschulauto zu weit nach rechts, dann auf die Gegenspur: Frontalzusammenstoß. 30 000 Euro Schaden. Die Versicherung des Fahrlehrers dürfte nicht erfreut sein. Bei solchen Unfällen tragen meist die Fahrlehrer die Verantwortung – aber nicht immer.

„Auch ein Fahrlehrer macht mal einen Fehler“, sagt Jochen Klima, der Vorsitzende des Fahrlehrerverbands Baden-Württemberg. Offenbar hat der betreffende Lehrer nicht rechtzeitig oder nicht entschlossen genug eingegriffen – woraufhin der Fahrschul-VW und ein Range Rover eines 49-Jährigen frontal zusammenstießen.

Klingt abenteuerlich, ist aber ernst gemeint: Jochen Klima rät der Schülerin, die am Steuer saß, so schnell wie möglich die nächste Fahrstunde zu absolvieren. Damit sich gar nicht erst zu viel Angst aufbaut. Den Fahrlehrern rät Jochen Klima für solche, wie er sagt, extrem seltenen Fälle, gegenüber dem Fahrschüler sehr deutlich zu signalisieren: Du bist nicht schuld.

Keine Regel ohne Ausnahme: Gericht entlastet Fahrlehrer

In der Regel gilt der Fahrlehrer, nicht der Fahrschüler als Fahrzeugführer und damit als der Verantwortliche für einen Unfall. Weshalb der Lehrer sich später mit Versicherungen herumschlagen muss, sofern es zu Streitigkeiten kommt. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Das Amtsgericht Landstuhl gab kürzlich einem Fahrlehrer Recht, der nach einem Unfall ein Bußgeld nicht bezahlen wollte. Eine Fahrschülerin hatte ein vorfahrtsberechtigtes Fahrzeug übersehen. Das Amtsgericht Landstuhl sprach den Fahrlehrer in diesem Fall von seiner Verantwortung frei. Als Fahrzeugführer agiere ein Fahrlehrer nur, wenn er tatsächlich ins Geschehen eingreife – und das unterlasse er – sinngemäß – zu Recht, wenn der Ausbildungsstand des Schülers in der konkreten Situation keinen Anlass zum Eingreifen biete.

Es passen dort kaum zwei Auros aneinander vorbei

Laura (17, Name geändert) aus Beinstein und Hannah (16, Name geändert) aus Korb, beide Fahrschülerinnen, sind es gewohnt, dass ihnen der Fahrlehrer ins Lenkrad greift. Was sonst sollte er tun, wenn’s mal wieder an einem geparkten Auto fast nicht vorbeireicht oder die Kurve sich als unvermutet eng erweist?

Beide Jugendliche kennen die enge Straße mit den seitlichen Abbrüchen und Rinnen zwischen Beinstein und Korb, auf der am Mittwoch der Unfall passiert ist, nur zu gut: „Ganz schlimm. Es passen kaum zwei Autos aneinander vorbei. Und am Anfang kann man ja nicht einschätzen, wie breit so ein Auto ist“, sagt Laura.#

Fahrschulen werden als Verkehrshindernis emfpunden

Andere Verkehrsteilnehmer können naturgemäß nicht einschätzen, wie sich ein Fahrschüler verhält. Bremst er unverhofft, würgt er das Auto an der Kreuzung ab, fährt er los und hält dann kurzentschlossen doch wieder an oder zuckelt er womöglich mit 20 durch die 30er-Zone? Manch ein Zeitgenosse empfindet Fahrschulautos als Verkehrshindernis – und verhält sich auch so. „Das ist manchmal echt unglaublich“, beschwert sich Hannah. Autofahrer rücken ganz dicht auf, geben Lichthupe oder überholen gewagt mitten in der Kurve: „Als Fahrschüler erschrickst du dann und gibst vielleicht noch Gas.“ – „Man fühlt sich voll unter Druck gesetzt“, beschreibt Laura das beklemmende Gefühl.

Und dann passiert es. Jemand fährt mit seinem Wagen einem Fahrschulauto hinten rein. „Der Klassiker“, sagt Jochen Klima. Dass Fahrschulautos bedrängt, angehupt und Fahrlehrer beschimpft werden – das bezeichnet Jochen Klima als täglich Brot eines Fahrlehrers: „Das ist ein gesellschaftliches Problem geworden.“ Manche Fahrlehrer, so erzählt Jochen Klima, schrauben gar das Fahrschul-Schild vom Autodach – um solchen Anfeindungen zu entgehen. Das hält der Verbandsvorsitzende für keine gute Idee: Im Fall der Fälle werde ein Richter argumentieren, dass andere Verkehrsteilnehmer schlicht und ergreifend im Umfeld eines Fahrzeugautos Rücksicht zu nehmen haben und mit allem rechnen müssen.

In den Prozessen geht es um Versicherungsfragen

Damit hatte eine Fahrschülerin vor knapp einem Jahr sicher nicht gerechnet: Just während ihrer Prüfungsfahrt wurde eine 19-Jährige in Schorndorf auf der Gmünder Straße in einen Unfall verwickelt. Sie hatte kurz angehalten, um einem Radfahrer die Vorfahrt zu gewähren – als eine Hyundai-Fahrerin mit ihrem Wagen gegen das Heck des Fahrschulautos stieß.

Noch kniffliger als Ausbildungsfahrten im Auto gestalten sich Lernfahrten mit dem Motorrad. Der Fahrlehrer hält Funkverbindung zum Schüler – aber direkt eingreifen kann er nicht. Kommende Woche besucht Jochen Klima eine Gerichtsverhandlung. Dort geht’s drum, ob ein Fahrlehrer fahrlässig gehandelt hat und ein Motorradschüler deshalb gestürzt ist. Letztlich geht es in solchen Prozessen um Versicherungsfragen – und damit ums Geld.