Waiblingen

Unterwegs mit der Müllabfuhr in Corona-Zeiten

Müllmänner
Adnan Mulic steuert das Müllfahrzeug der Firma Kurz. © Gabriel Habermann

Seit Beginn der Corona-Krise werden Kassiererinnen und Krankenschwestern häufig als Helden des Alltags gefeiert. Aber es gibt noch mehr Leute, die auch jetzt einfach ihren Job machen und die kaum jemand beachtet. Als fast alle zu Hause blieben, fuhren Adnan Mulic und seine Kollegen täglich trotzdem ihre Touren und holten pünktlich den Müll ab. Dabei niemals wissend, ob die Tonnen, die sie leerten, vielleicht zu einem Haushalt gehören, in dem infizierte Personen leben.

„Für unsere Arbeit hat sich vieles geändert“, sagt Adnan Mulic. Was im März und April vor allem auffiel: Die Straßen waren zugeparkt, denn die Leute arbeiteten im Home-Office oder vorübergehend gar nicht mehr. Für die Müllabfuhr war das eine Herausforderung, denn in engen Kurven und Straßen zu rangieren, gestaltet sich schon in normalen Zeiten nicht immer ganz leicht. Und manchmal ist in zugeparkten Straßen schlicht kein Durchkommen möglich. Die Müllleute ändern dann spontan ihre Tour und kommen später wieder – in der Hoffnung, dass die geparkten Fahrzeuge wegbewegt wurden. Manchmal bleibt ihnen aber nichts anderes übrig, als die Bewohner zu bitten, wegzuparken. Mancher Zeitgenosse zeigt dafür wenig Verständnis.

Covid-Patienten sollen Abfall nur über die Restmülltonne entsorgen

Die Enge in den Straßen erschwert und verzögert die Arbeit. Gleichzeitig hat das Müllaufkommen in diesem Frühjahr spürbar zugelegt. In normalen Zeiten fährt ein Team in einem Fahrzeug etwa zwölf bis 15 Tonnen täglich ab – zuletzt waren es manchmal 20 Tonnen. Um die Situation zu entschärfen, setzt der Entsorgungsbetrieb ein weiteres Fahrzeug ein. Gleichwohl bleiben Überstunden nicht aus, aber Adnan Mulic klagt nicht und verweist stattdessen darauf, dass es sich eben um eine Ausnahmesituation handele.

Morgens um sechs Uhr treffen er und seine Kollegen sich auf dem Betriebshof der Firma Kurz in Poppenweiler. Ihre Mittagspause haben Adnan Mulic und sein Kollege Shefko Bihorac, der hinten lädt, etwas vorverlegt, denn sich zwischen zwölf und 13 Uhr ein Vesper zu kaufen, scheint in der gegenwärtigen Situation nicht ratsam: „Da geht sonst durchs Warten fast die ganze Pause drauf.“ Feierabend machen sie etwa um 16.30 oder 17 Uhr. Dann geht’s nach Hause und sofort unter die Dusche. „Ich kann mich nicht aufs Sofa setzen, ohne vorher geduscht zu haben– danach fühle ich mich gleich fünf Kilo leichter“, sagt er. Die firmeneigenen Duschen, die manche Kollegen sonst nutzen, sind aus Gründen des Infektionsschutzes derzeit sowieso verboten.

Für die Entsorgung der Abfälle von Patienten, die am Coronavirus erkrankt sind, aber auch von Abfällen von Personen, die unter Quarantäne stehen, macht die Abfallwirtschaft Rems-Murr (AWRM) besondere Vorgaben. So sollen sie Abfälle, die sonst in die Biotonne oder in die Gelbe Tonne kämen, über die schwarze Restmülltonne entsorgen. „Zum Schutz von Mitmenschen und des Entsorgungspersonals ist eine Abfalltrennung nicht vorgesehen“, heißt es bei den Hinweisen für Betroffene. Sie müssen den Abfall in stabile Säcke füllen und diese verknoten. Deckel von Tonnen beziehungsweise Containern müssen richtig geschlossen sein – und die Müllsäcke dürfen auf keinen Fall neben den Tonnen oder Containern stehen. Sind die Behälter schon komplett befüllt, müssen die Säcke sicher und kühl – etwa im Keller – zwischengelagert werden. Dafür, dass sich alle Betroffenen daran halten, haben die Mitarbeiter der Müllabfuhr freilich keine Garantie.

Ältere Menschen zeigen Dankbarkeit

Grundsätzlich hat er kein Problem damit, bei der Müllabfuhr zu arbeiten, auch wenn viele das für einen Job in Schmutz und Gestank halten. Vorne am Steuer hält sich der Geruch jetzt ohnehin in Grenzen. Der Lader hinten am Müllfahrzeug muss mehr aushalten, erst recht, wenn im Hochsommer wieder die Sonne auf die Tonnen brutzelt. „Ich bin den ganzen Tag draußen, und niemand will etwas von mir“, sagt Adnan Mulic zufrieden, während er das große Lenkrad dreht und den Lkw in eine Sackgasse zurücksetzt. Und es handelt sich um eine wichtige Arbeit – schließlich will niemand, dass die Tonnen ungeleert stehen bleiben. Jedoch fällt ihm auf, dass vor allem junge Leute öfter die Nase rümpfen, auch schon vor der Pandemie auf Abstand gingen und die Straßenseite wechselten, während Ältere den Müllabfuhr-Leuten schon eher mit Respekt und Dankbarkeit begegnen. Neulich kam eine Dame auf Adnan Mulic zu und sagte ihm, dass er und seine Kollegen die wahren Helden der Krise seien. „Das hat mir den Tag verschönert!“ Auch Schokolade wurde ihnen als Dankeschön schon geschenkt.

Trotz seiner erst 26 Jahre arbeitet der Kraftfahrer bald schon zehn Jahre bei der Müllabfuhr. Seit fünf Jahren bei der Firma Kurz, davor bei einem anderen Unternehmen. Zwar ist er vor wenigen Tagen zum ersten Mal Vater geworden, aber zum Reportage-Termin mit der Zeitung kommt er extra zum Dienst, so sehr freut er sich über die Aufmerksamkeit und Wertschätzung für seinen Beruf.

Seit Beginn der Corona-Krise werden Kassiererinnen und Krankenschwestern häufig als Helden des Alltags gefeiert. Aber es gibt noch mehr Leute, die auch jetzt einfach ihren Job machen und die kaum jemand beachtet. Als fast alle zu Hause blieben, fuhren Adnan Mulic und seine Kollegen täglich trotzdem ihre Touren und holten pünktlich den Müll ab. Dabei niemals wissend, ob die Tonnen, die sie leerten, vielleicht zu einem Haushalt gehören, in dem infizierte Personen leben.

„Für unsere

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