Waiblingen

Urlaub in Deutschland gefragt wie nie

Reisebüro
Jochen Ziesel, Inhaber des Reisebüro Columbus, befürchtet, dass viele Hotels und Airlines die Krise nicht überleben. © Gabriel Habermann

Seit dem 15. Juni ist die coronabedingte weltweite Reisewarnung für die meisten europäischen Staaten aufgehoben. Der Sommerurlaub kann also kommen. Doch wollen die Menschen überhaupt verreisen?

„Die meisten sind noch sehr verhalten und ängstlich“, sagt Jochen Ziesel, Inhaber des Reisebüros Columbus in Waiblingen. Er mache zurzeit gerade einmal zehn bis 15 Prozent des normalen Umsatzes und das reiche nicht, um seine Existenz zu sichern. Dabei hat er mehr als genug zu tun, denn nach wie vor boomen Umbuchungen: „Viele wollen ihren Urlaub nach wie vor ins nächste Jahr verschieben.“ Wer einen Urlaub in Ländern geplant habe, für die nach wie vor eine Reisewarnung besteht, wie etwa die Türkei oder Tunesien, wolle diesen ebenfalls verschieben oder entscheide sich stattdessen für ein EU-Land: „Gefragt sind zurzeit vor allem Griechenland und Kroatien, gefolgt von Spanien und Italien“, sagt Ziesel.

Doch nicht nur Stornierungen und Umbuchungen beschäftigen Jochen Ziesel und sein Team. Wer überhaupt an Urlaub denkt, ist unsicher und hat mehr Beratungsbedarf. „Die Kunden wollen natürlich genau wissen, welche Einschränkungen im Urlaubsland und in ihrem Hotel gelten“, sagt Ziesel. Für ihn bedeutet das unter Umständen, vor einer Buchung mehrere Hotels einzeln zu kontaktieren, um die Details des geltenden Hygienekonzepts zu erfragen. Außerdem bleibe etwa abzuwarten, wie die Flugfrequenz in den kommenden Wochen sein werde. „Eine unserer nächsten Aufgaben wird also sein, dass wir Urlauber informieren müssen, ob ihre ursprünglichen Flugzeiten überhaupt noch gelten oder sich geändert haben.“

Der entspannteste Urlaub aller Zeiten?

Manche Fragen kann auch der Experte nicht mit Sicherheit beantworten: „Die Corona-Regelungen werden laufend aktualisiert und können sich von Land zu Land und von Woche zu Woche ändern.“ Software-Programme helfen Reiseverkehrskaufleuten zwar, den Überblick zu behalten, und erleichtern deren Arbeit, sind jedoch auch mit zusätzlichen monatlichen Kosten verbunden. Das macht der ohnehin durch immense Umsatzeinbußen gebeutelten Branche zu schaffen.

Fest steht eigentlich zurzeit nur eines: „Der Urlaub 2020 wird anders sein“, sagt Ziesel. Zu den Hygienekonzepten vieler Hotels gehören unter anderem regelmäßige Desinfektionen, Personal, das an den Buffets bediene, und unter Umständen feste Essenszeiten, um die Abstände wahren zu können. Trotz einiger Einschränkungen könnten Menschen aber auch den entspanntesten Urlaub seit langem erleben: „Wer Ruhe sucht, findet sie in diesem Jahr“, sagt Ziesel. Weil die Hotels nur teilweise ausgelastet werden dürfen, bleibt viel Platz an Stränden und Pools.

Viele wollen an diese halb leeren Strände aber gar nicht: Der Topreiseclub Waiblingen verzeichnet fast keine neuen Buchungen, stattdessen schlagen sich die Mitarbeiter vor allem mit Erstattungsfragen herum. Manche Urlaubswillige müssen die Mitarbeiter außerdem enttäuschen: „Wir bekommen immer wieder Anfragen für Orte, die zurzeit nicht empfehlenswert sind, wie zum Beispiel die Türkei, für die nach wie vor eine Reisewarnung besteht“, sagt Mitarbeiter Valentin Walker.

Differenzierte Reisehinweise für alle Länder gefordert

Völlig unklar ist auch, wie es mit Fernreisen weitergeht. Die Reisewarnung für Staaten außerhalb Europas bleibt gültig, was Tourismus-Experten kritisieren: „Die weltweite Reisewarnung ist nicht verhältnismäßig und schadet der Reisebranche“, sagt Maria Bantola, Inhaberin des Bittenfelder Reisebüros. „Wir brauchen daher dringend differenzierte Reisehinweise, die die Lage in jedem der 160 Länder einzeln und objektiv bewerten und dabei auch die vielerorts umgesetzten Hygienemaßnahmen berücksichtigen.“ Denn die Reisebüros brauchen dringend Kundschaft und Umsatz: „Die Lage ist niederschmetternd, und die ersten Reisebüros mussten bereits schließen.“ Neue Buchungen werden auch in Bittenfeld nur vereinzelt getätigt, den größten Teil des Tages bearbeitet Bantola Stornierungen und Umbuchungen. Wer überhaupt Lust auf Urlaub habe, schaue sich vor allem im eigenen Land um: „Urlaub in Deutschland war noch nie so gefragt wie in diesem Jahr“, sagt die Touristikfachwirtin. Einige Campingplätze an der Ostsee seien jetzt schon bis ins nächste Jahr ausgebucht. Natürlich muss jeder individuell entscheiden, wo er sich wohlfühlt. Sie selbst würde auch bedenkenlos ins Ausland reisen, sagt Maria Bantola. Wer unsicher sei, könne sich zum Beispiel ein Ziel wie Portugal aussuchen, das Land war von Covid-19 weniger stark betroffen, ebenso wie Griechenland: „Auf einigen griechischen Inseln gab es überhaupt keine Infektionen.“

Seit dem 15. Juni ist die coronabedingte weltweite Reisewarnung für die meisten europäischen Staaten aufgehoben. Der Sommerurlaub kann also kommen. Doch wollen die Menschen überhaupt verreisen?

„Die meisten sind noch sehr verhalten und ängstlich“, sagt Jochen Ziesel, Inhaber des Reisebüros Columbus in Waiblingen. Er mache zurzeit gerade einmal zehn bis 15 Prozent des normalen Umsatzes und das reiche nicht, um seine Existenz zu sichern. Dabei hat er mehr als genug zu tun, denn nach wie

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