Waiblingen

Vergewaltigung in Cannstatt vor Jahren: Warum der Täter nicht ins Gefängnis muss

amtsgericht Waiblingen
Symbolfoto. © Benjamin Büttner

Wegen Vergewaltigung hat das Waiblinger Jugendschöffengericht einen 24-Jährigen zu einer Jugendstrafe von anderthalb Jahren auf zwei Jahre zur Bewährung und zu 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Der Mann war zuvor drei Wochen in Untersuchungshaft. Der Fall hat sich schon vor einigen Jahren abgespielt: Im Alter von 19 oder 20 Jahren hat der Heranwachsende nach Überzeugung des Gerichts eine damals 15- bis 17-Jährige vergewaltigt.

Der Vorsitzende Richter und zwei Laienrichter sahen es in diesem Fall als erwiesen an, dass sich der junge Mann 2017 oder 2018 oder 2019 mit dem Opfer getroffen hat. Die beiden seien gemeinsam mit der Bahn zu den Mineralbädern Bad Cannstatt gefahren. Die damals Jugendliche hätte beim Verurteilten ihre Englischkenntnisse aufbessern wollen. Der indische Staatsbürger hielt sich damals nach einem Asylantrag und wegen Duldungen unter Falschpersonalien in der Bundesrepublik auf. Er lebte im Rems-Murr-Kreis.

An dem Abend vor mehreren Jahren habe der Heranwachsende die Jugendliche nach dem Aussteigen bei den Mineralbädern gegen einen Baum gedrückt und den oralen Geschlechtsverkehr bis zum Samenerguss und „bis zum Kotzen“ durchgeführt, blickte Richter Luippold bei der Urteilsbegründung auf die Zeugenvernehmung des Opfers zurück. Diese hatte unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden.

Richter: Opfer macht widersprüchliche Angaben

Zärtlichkeiten habe die damals Jugendliche „von Anfang an verweigert“. Aber dann, so die Urteilsbegründung weiter, seien die Angaben des Opfers, das weitere Vergewaltigungsversuche schon von der Reihenfolge her nicht näher beschreiben habe können, widersprüchlich geworden. Beim Opfer, so die Urteilsbegründung weiter, handele es sich um eine „schwierige und auch ein bisschen verhuschte Persönlichkeit“, die „möglicherweise Probleme im psychischen Bereich“ habe. Auch eine Stuttgarter Polizeibeamtin gab im Zeugenstand an, ihr sei das Opfer „ein bisschen naiv vorgekommen“.

Strafanzeige gegen den Mann hat die heutige junge Frau erst erstattet, als sie ihren Peiniger viel später auf der Stuttgarter Königstraße meinte wiederzuerkennen, vor diesem in die Volksbank flüchtete und bei der dortigen Security Hilfe suchte, welche die Polizei verständigte.

„Man weiß nicht, wie er heißt und wo er herkommt“, begründete das Jugendschöffengericht sein Urteil nach dem Jugendstrafrecht. Nach Erwachsenenstrafrecht wäre eine Strafaussetzung auf Bewährung kaum mehr drin gewesen. Der Widerstand des Opfers, so Luippold, sei „nicht besonders groß“ gewesen.

Mit dem Urteil gab das Gericht dem jungen Inder, der selbst angab, seit vier bis fünf Jahren keine Arbeit zu finden, um seine Eltern und seine Schwester in der Heimat unterstützen zu können, eine letzte Chance auf ein straffreies Leben. Begeht der junge Mann, der auch einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt bekam, binnen der nächsten zwei Jahre noch einmal eine Straftat, muss er seine anderthalb Jahre im Gefängnis absitzen.

„Einmalige Chance“

„Diese Chance bekommen Sie nur einmal und ich rate Ihnen, sie zu nutzen“, lautete das letzte Wort von Martin Luippold an den jungen Mann, der sein Urteil auf Anraten seiner Verteidigerin Svenja Kiefer annahm. Zum Tatvorwurf machten die beiden keinerlei Angaben. Zu seiner Person äußerte sich der nun Verurteilte selbst und versuchte sich dabei, als Heroinkonsument in Sachen Schuldminderung darzustellen, wovon ihm seine Verteidigerin abriet.

Angaben zu seiner Person wollte der Verurteilte selbst machen, bekam aber von Richter Luippold immer wieder die Antwort: „Erzählen Sie uns doch keine Geschichten.“ Der Richter wusste, unter wie vielen Falschpersonalien der junge Mann schon registriert wurde und warnte diesen davor, weitere solche anzugeben. Mal hieß der Inder so, mal so, mal war er da geboren, mal dort, mal war er zehn Jahre in Indien in der Schule, mal zwölf Jahre, und von der deutschen Sprache will er – zumindest vor Gericht – bis heute keinerlei Kenntnisse haben. Das Verfahren wurde gedolmetscht.

Auf die richterliche Frage, warum er Indien verlassen hat, kam vom Verurteilten die Antwort: „aus wirtschaftlichen Gründen“. Er sei von Indien in die Türkei ausgereist, habe dort für ein halbes Jahr ein Visum gehabt, und sei später mit einem Taxi für etwa 700 Euro aus Italien nach München gekommen. Das Geld für das Taxi habe ihm ein Freund seines Vaters gegeben, der in Italien lebe.

Ein Auszug aus dem deutschen Erziehungsregister für den jungen Mann: Schwarzfahren in Schorndorf und Backnang; Mütze bei Peek&Cloppenburg in Stuttgart geklaut; Schwarzfahren bis zur Messe Stuttgart-Flughafen; Vorverurteilung vom Amtsgericht Waiblingen für Exhibitionismus gegenüber einer Passantin in Fellbach; Lokführer im Zug Richtung Plochingen ohne Grund zur Notbremsung veranlasst; und gegen die Aufenthaltsbeschränkung im Rems-Murr-Kreis verstoßen.

Wegen Vergewaltigung hat das Waiblinger Jugendschöffengericht einen 24-Jährigen zu einer Jugendstrafe von anderthalb Jahren auf zwei Jahre zur Bewährung und zu 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Der Mann war zuvor drei Wochen in Untersuchungshaft. Der Fall hat sich schon vor einigen Jahren abgespielt: Im Alter von 19 oder 20 Jahren hat der Heranwachsende nach Überzeugung des Gerichts eine damals 15- bis 17-Jährige vergewaltigt.

Der Vorsitzende Richter und zwei Laienrichter

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