Waiblingen

Vermisste Frau ist getötet worden

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Der leitende Kriminaldirektor Reiner Möller hat am Donnerstag bei einer Pressekonferenz bestätigt, dass es sich bei der in Asperg gefundenen toten Frau um die 22-jährige Vermisste aus Backnang-Strümpfelbach handelt. © Büttner / ZVW

Backnang/Waiblingen. Die vermisste 22-jährige Frau aus Backnang-Strümpfelbach ist tot. Der Vater eines ihrer beiden Kinder wird dringend verdächtigt, die Frau umgebracht zu haben. Ihre Leiche wurde am Mittwoch auf einem Gartengrundstück bei Asperg im Kreis Ludwigsburg gefunden. Die Kriminalpolizei sprach bei einer Pressekonferenz von einem Sorgerechtsstreit als möglichem Tatmotiv.Die Staatsanwaltschaft wirft dem 24-jährigen Deutschen Totschlag vor, bestätigte Presse-Staatsanwalt Jan Holzner am Donnerstagvormittag. Nachmittags folgte eine Pressekonferenz der Polizei in Waiblingen. Zu den Todesumständen machte der leitende Kriminaldirektor Reiner Möller keine näheren Angaben, nur so viel: Es besteht „traurige Gewissheit“, dass es sich bei der Toten um die junge Mutter handelt. Die Leiche sei bereits obduziert.

„Dringender Verdacht“

Der 24-jährige Beschuldigte kommt aus dem Kreis Ludwigsburg und ist der ehemalige Lebensgefährte der Frau. Es besteht „dringender Verdacht“, dass er für den Tod der jungen Frau verantwortlich ist.

Von Anfang an sei der Mann ins Visier der Ermittler geraten, hieß es bei der Pressekonferenz. Der 24-Jährige sei bereits polizeilich in Erscheinung getreten, aber „nicht wegen eines Gewaltdelikts vorbestraft“. Zur Frage nach einem möglichen Tatmotiv hielt sich Reiner Möller bedeckt. Ein „laufender Sorgerechtsstreitfall“ könnte ein Motiv sein, hieß es bei der Pressekonferenz weiter.

Hat es im Vorfeld bereits Drohungen gegeben?

Dass der Mann die junge Frau im Vorfeld der Tat bereits bedroht habe, bestätigte Möller nicht. Im Zuge der Ermittlungen seien „nicht stimmige“ Sachverhalte aufgetreten. Ein Geständnis liegt nicht vor. Laut Staatsanwaltschaft sitzt der Mann in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart ein. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren weiter. Bereits am Freitagmorgen hatte die Kripo die Soko „Flur“ eingerichtet.

Wo genau die Frau gestorben ist, sei noch unklar, so Möller weiter. Er verwies auf die laufenden Ermittlungen. Das Gartengrundstück, in welchem ein Passant die Frau gefunden hatte, gehört jedenfalls nicht dem Verdächtigen.

„Diese Bitte unterstütze ich ausdrücklich“

Am Donnerstag vergangener Woche hatte ihre Familie die junge Frau als vermisst gemeldet. Sie war seit Mittwochabend nicht mehr erreichbar gewesen. Im Zuge der Suche setzte die Polizei Spürhunde und einen Hubschrauber ein. Am Samstag suchten die Beamten auf der Mülldeponie in Backnang-Steinbach nach Hinweisen – doch ohne Erfolg.

Die junge Mutter hinterlässt zwei kleine Kinder. Die beiden sind „untergebracht“, so Möller. „Die Kinder sind gut versorgt“, versicherte eine Pressesprecherin des Landratsamts auf Anfrage. Das Jugendamt sei in Kontakt mit den Familien und unterstütze diese auf deren Wunsch hin.

Die Familie des Opfers hat darum gebeten, dass Medienvertreter sie in Ruhe lassen. „Diese Bitte unterstütze ich ausdrücklich“, sagte Reiner Möller.


Als „vergessene Opfer“ werden in der Fachliteratur Kinder beschrieben, deren Mutter oder Vater umgebracht worden ist. Dr. Susanne Heynen, Leiterin des Jugendamtes Stuttgart, hat sich dem Thema „innerfamiliäre Tötungsdelikte“ in einem Forschungsprojekt gewidmet. Trennung und Scheidung werden demnach viel zu wenig als „Risikofaktoren für Gewalteskalationen“ wahrgenommen. Laut dem Exposé zum Forschungsprojekt hätte „zumindest in einem Teil der Tötungsdelikte das Risiko einer Gewalteskalation bemerkt werden können.“

Extreme Belastungen für die Kinder

Hinweise auf häusliche Gewalt unbedingt ernst nehmen, Informationsaustausch und Vernetzung der relevanten Stellen und Schulung der Fachkräfte in diesem Gebiet nennt die Autorin unter anderem als Strategien, um solche Taten zu verhindern beziehungsweise eine Eskalation rechtzeig zu erkennen.

Susanne Heynen verweist auf Studien, wonach mehr als die Hälfte der Frauen, die von ihrem Ex-Partner oder Partner getötet worden sind, minderjährige Kinder hatten. Es ist schwer vorstellbar, unter welch extremen Belastungen Kinder nach solch einem Drama leiden müssen. „Häufig kommt es zu einem Schulwechsel, dem Verlust von Freundschaften und dem sozialen Umfeld und zu belastenden Kontakten zum Täter.“

Betroffenen Kinder und Jugendlichen brauchen Hilfe

Nur ein kleiner Teil der Kinder übersteht den gewaltsamen Tod eines Elternteils – meist ist die Mutter das Opfer –, ohne auffällig zu werden. Wie ein Kind sich nach der Tat weiter entwickelt, hängt natürlich auch davon ab, wo es lebt. Am schwierigsten wird es dann, wenn die Familie des Täters das Kind bei sich aufnimmt – auch diese Fälle gibt es. Doch auch in der Familie des Opfers kann es zu massiven Schwierigkeiten kommen, wenn die Betroffenen selbst mit ihrem eigenen Schmerz überfordert sind.

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen brauchen Hilfe, das ist völlig klar. Wie diese aussehen kann, „hängt stark vom Alter und Entwicklungsstand der Kinder, den Tatumständen und den vorhandenen Ressourcen in der Familie und im sozialen Netzwerk ab“, schreibt Susanne Heynen auf Anfrage dieser Zeitung. Die Psychologin empfiehlt, in solchen Fällen einen unabhängigen Amtsvormund zu bestellen. Ist der Vater der Täter, sind Kontakte zu ihm aus Sicht der Expertin nicht augeschlossen: „Wenn sie dem Kindeswohl dienen, müssen sie immer aus der Perspektive des Kindes fachlich gut vorbereitet, begleitet und nachbereitet werden.“

„Medien und Öffentlichkeit wirken sehr stark auf die Hinterbliebenen“

Die Jugendamtsleiterin betont, dass Nachbarn, Freunde, Mitschüler und Verwandte den hinterbliebenen Kindern eine wichtige Stütze sein können, und zwar „in allen Bereichen: emotional, praktisch (auch finanziell), durch Informationen, Zuhören, Begleiten.“

Es fehlt in Deutschland an spezifischen Hilfsangeboten für Kinder, die von innerfamiliären Tötungsdelikten betroffen sind, beklagt Dr. Heynen. Zudem gebe es bisher kaum Erkenntnisse darüber, wie Kinder die Gewalttat verarbeiten können „und welche langfristigen Auswirkungen die Erfahrungen für sie haben.“

Über die Medien sind die Betroffenen oftmals noch viele Jahre später mit der Tat konfrontiert. „Medien und Öffentlichkeit wirken sehr stark auf die Hinterbliebenen“, schreibt Susanne Heynen, zumal Berichte und Fotos nicht aus dem Internet zu tilgen sind.


Nachtrag:

Laut dpa sind beide Kinder bei der Familie der Toten untergebracht.