Waiblingen

Vernissage in Waiblingen: Was bietet die neue Ausstellung in der Galerie Stihl?

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Am Wochenende hat die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Premiere gefeiert. Foto: Palmizi © ALEXANDRA PALMIZI

Wer den Titel der jüngst eröffneten Ausstellung „Follow M.E.“ (deutsch: Folge mir!) beherzigt, wird zwischen Nagellackautomaten und Waschmaschinensalons zum „Follower“ – so werden in sozialen Netzwerken Abonnenten beispielsweise eines Twitter-Profils genannt. Ganz unviral folgt man in der Galerie Stihl der Berliner Künstlerin Marion Eichmann in faszinierende Städte aus Papier und auch an die Schwelle einer Waiblinger Tankstellentür.

Eine Großstadt kann einen erschlagen. Marion Eichmann hat vier Metropolen besucht und sich nicht erschlagen lassen von dem, was auf sie eingeprasselt ist. Über 16 Jahre hinweg hat sie Eindrücke ihrer Städtetrips gesammelt, dreidimensional verarbeitet und in Papierform gebracht. Ihre erste gesamte Werkschau ist bis zum 18. Oktober in Waiblingen zu sehen.

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Besucher bei der Vernissage. Endlich wieder Kunst! © Alexandra Palmizi

Der zurückliegende Samstag ist auch für die Galerie Stihl der lange ersehnte „Tag eins“ nach der Corona-Schließung. „Verhalten, aber immerhin im zweistelligen Bereich“ bewegt sich laut Galerieleiterin Dr. Anja Gerdemann am ersten Tag die Besucherzahl. Etliche folgen mundschutztragend den 50 pinkfarbenen vor der Galerie ausgelegten „Follow me“-Bodenmarkierungen. Sie bekommen Ausschnitte aus dem Großstadtleben zu sehen: Kleinteiliges, Winziges, Sekundenszenen, für die die Künstlerin einen Blick hat. Zwischen 2004 und 2020 hat sie auf ihren Reisen und in ihrer Heimatstadt viele Details gesammelt, mit schnellem Strich und verschieden dicken Stiften skizziert und die Eindrücke im Räumlichen arrangiert. Präzise Seh- und unvorstellbar viel Handarbeit waren notwendig, denn sowohl die winzig kleinsten Fitzelchen wie auch großformatige und raumfüllende Installationen und Bilder sind aus Papier. Sie habe das Material Papier „ausgereizt“, wie Galerieleiterin Dr. Anja Gerdemann es empfindet. Eine „Augenweide“ seien die unfassbar aufwendigen Details, „sehr detailliert beklebt mit collageartiger Textur“.

„Ich staune über die Fantasie und Ausdruckskraft“, sagt Besucher Wolfgang Dörenbecher aus Karlsruhe. „Irritierend und atemberaubend, was sie alles aufnimmt“, sagt der Kunstfreund. Ihm stehe nach langem Verzicht der Sinn nach dem „unmittelbaren Eindruck“ einer Kunstausstellung. „Vieles kann man auch online machen, aber gerade die Kunstfertigkeit wirkt nur dreidimensional“, sagt er. Für Bettina Mann aus Waiblingen passt die lebensfrohe Ausstellung jetzt besonders gut. „Sie bringt Farbe ins Leben nach der langen Zeit.“ Farbigkeit und pulsierendes Leben – daraus konnte die Reisende Marion Eichmann ausgiebig schöpfen. Sie habe sich „reingetastet“ in die Umgebungen, in denen unentwegt Dinge, Menschen und Verkehr geströmt seien. Der visuelle Overkill der japanischen Großstadt Tokio war für sie pure Materialfülle, die sie akribisch strukturiert und bis in die dünnste Nudel in einer Suppenschale verarbeitet hat. „Ich habe in einem kurzen Moment immer viele Dinge auf einmal gesehen und sie so festgehalten, wie sie gewirkt haben“, sagt die 45-jährige Künstlerin auf Nachfrage dieser Zeitung.

50 japanische Badhocker bringen Klarheit ins Chaos

Das „Viele“ habe einen Rahmen gebraucht. So sei sie auf die 50 typisch japanischen Badhocker gekommen, die sie in jedem Hotelzimmer, in jeder Wohnung gesehen habe. Jeder Hocker erzähle eine Geschichte, die Stühle bringen eine Klarheit ins Chaos. „Ich musste mich auch überall erst mal sortieren und sammeln“, erzählt sie in der virtuellen Vernissage vor laufender Kamera. Installiert und geordnet hat sie ihre mehrschichtigen räumlich arrangierten Sammelstücke nach Vorlage eines überdimensionalen Stadtplans, den sie dem Besucher zu Füßen legt: Er blickt auf ein stilisiertes Straßennetz zwischen den Hockern, auf das die Künstlerin 420 mit Papier überzogene Spielzeugautos installiert hat. Wer dem wirbelig-wuseligen Puls der Millionenstadt nachspüren will, muss sich bücken oder in die Hocke gehen. Im ruhenden sortierten Zustand ist die Großstadt dann überschaubar, comicartig, spielzeugbunt und plastisch. Nichts erschlägt, alles fasziniert. Etwa die vielen Automaten, die Marion Eichmann auf einen Hocker-Sockel hebt: „Sie ziehen sich heißen Tee aus der Dose und Fingernagellack aus dem Automat“, berichtet sie. Kurios auf den Hocker gehievt hat sie auch Frauen, die sich in Cafés Locken wickeln.

Als könne man die Wassertropfen hören, die auf Schirme prasseln

Vom Miniatur-Stadtleben weiter zu den Großformaten: Voller Kraft und Bewegung zeigt sie die Wolkenkratzer-Stimmung in New York. Die Nahaufnahmen bannen den Blick, der angenehm zerstreut durch Straßenschluchten zieht und sich beinahe verliert im Gewimmel etlicher Balkons, die wie winzige Waben an der Hochhausfassade kleben. Gerade das Unvermögen, als Betrachter im Vielen noch alles im Blick zu haben, übt bei aller Impulsivität des Gezeigten einen stillen Reiz aus. In einem emotionalen, mit kräftigen Buntstiftstrichen auf den Skizzenblock geworfenen Moment in Istanbul prasselt Regen auf Schirme, man könne „die Wassertropfen hören, es sind sehr sinnliche Arbeiten“, schildert die Galerieleiterin ihre Eindrücke. Mit klarem Strich und Genauigkeit führt Marion Eichmann berührend nah das technische Innenleben von Maschinen eines Berliner Waschsalons vor.

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Maskenpflicht beim Kunstgenuss. © Alexandra Palmizi

Der Besucher ist gut beraten, sich mit allen Sinnen „hineinzutasten“ in die Stillleben aus Farbklang, Spannung und Rhythmus. Neben dem Anschauen der Werke erfährt er auch etwas über die Entstehung; an mehreren Stellen kann er Vorzeichnungen und Skizzen aus verschiedenen Arbeitsphasen sehen, vom ersten schemenhaften Umriss bis zum täuschend echten, dreidimensionalen Spiel mit Plastizität, Konturen und Strukturen.

Oberbürgermeister Andreas Hesky würdigt in der virtuellen Vernissage die hohe „Kunstfertigkeit und Akribie“. Vor dem originalgetreuen Papiernachbau einer Tankstelle spricht er von Kunst und Kultur als „Energie und Treibstoff“, als „Sinnbild dafür, dass man Kraft tanken kann, wenn man seine Gedanken beim Betrachten durchaus auch verliert“.

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Auch Zeichnungen und Bilder werden ausgestellt. © Alexandra Palmizi

Die Tür zu dieser Tankstelle, das erzählt Marion Eichmann, habe sie bei ihren Besuchen in Waiblingen während der Ausstellungsvorbereitung entdeckt. „Die Tankstelle ist mir beim Fußweg zum Bahnhof begegnet, ich habe die Tür sofort aufgepickt, denn sie hat für diese Installation noch gefehlt.“

Öffnungszeiten

Die neue Ausstellung ist dienstags bis sonntags täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr.