Waiblingen

Verpflichtende Fahreignungstests für Senioren?

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Fahrlehrer Konrad Hofer (75) möchte erreichen, dass ältere Leute so lange fahren dürfen, wie sie können. Das Bild zeigt den Schorndorfer Stadtrat in einem Kurs für Flüchtlinge. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Nur wenige befürworten verpflichtende Fahreignungstests für Senioren. Der Unfallforscher Siegfried Brockmann schlägt mit „Rückmeldefahrten“ ohne Zwangskonsequenzen einen Mittelweg vor. Der Schorndorfer Fahrlehrer Konrad Hofer, selbst bereits im kritischen Alter, bietet derweil „freiwillige Beobachtungsfahrten“ an.

Die Zahl 75 fällt öfter im Gespräch mit Siegfried Brockmann. Als Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) befasst er sich mit der Frage, wie eine alternde Gesellschaft Senioren am Steuer begegnet. „Wir müssen was tun“, ist sich Brockmann sicher. Die Altersgruppe der über 75-Jährigen wächst, und in dieser Altersgruppe tauchen längst nicht bei allen, aber doch immer wieder „gravierende Probleme“ auf. Die Verabeitungsgeschwindigkeit von Reizen nimmt im Alter meist ab; so erklärt sich laut Brockmann, dass sich speziell in Kreuzungseinmündungsbereichen, also in komplexen Situationen, viele schwere Unfälle mit Senioren ereignen.

Freiwillige "Rückmeldefahrten"

Brockmann plädiert für zunächst freiwillige „Rückmeldefahrten“, die Senioren mit speziell ausgebildeten Fahrlehrern oder Verkehrspsychologen absolvieren sollten. Rückmeldung heißt, im Anschluss erhält der ältere Autofahrer eine Bewertung seiner Fahrtüchtigkeit – und entscheidet dann selbst, was er draus folgert. Es sei denn, ein Autofahrer gefährdet akut sich selbst und andere, dann wäre eine Meldung an die Führerscheinstelle angezeigt.

Unfallforscher hält nichts von Pflichttests

Brockmann rechnet damit, dass nur zehn Prozent oder weniger der Senioren solche Fahrten freiwillig absolvieren werden – weshalb sie aus Sicht des Forschers über kurz oder lang verpflichtend eingeführt werden sollten. Zurzeit entwickeln Experten Modelle, wie solche Fahrten ablaufen könnten und worauf zu achten wäre.

Von Pflichttests, die mit Zwangsentzug des Führerscheins enden könnten, hält Brockmann nichts. Ein solches Verfahren gewährleiste nicht, dass ein Zwang ausschließlich die Richtigen treffe.

Modell jetzt noch nicht durchsetzbar 

Die Rückmeldung einer neutralen Autoritätsperson nach einer Probefahrt werden viele ernst nehmen, davon geht Brockmann aus. Im Moment ist der Leidensdruck noch nicht hoch genug, als dass sich solch ein Modell durchsetzen ließe, sagt der Unfallforscher. Aber in zehn Jahren?

Fahrlehrer Hofer beurteilt das Fahren von Senioren

Konrad Hofer nennt es „freiwillige Beobachtungsfahrt“, und manchmal sitzt noch ein Arzt mit im Auto. Der Fahrlehrer hat jahrzehntelang eine Fahrschule betrieben und befindet sich auch mit 75 Jahren nicht im Ruhestand. Er lässt Senioren in deren Auto eine Stunde lang fahren und beurteilt vom Beifahrersitz aus, wie es um Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Früherkennung von Gefahren und auch um die emotionale Stabilität bestellt ist. Nicht in jedem Fall konnte er bisher ruhigen Gewissens resümieren: Sie können weiterfahren.

Hofer setzt auf freiwillige Einsicht, bevor ein Fall bei der Behörde landet. Denn dann könnte eine Fahrprobe mit einem Tüv-Prüfer drohen, das Amt will ärztliche Atteste sehen oder ordnet eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung an.

Hofer: "Die meisten alten Leute sind gewissenhaft"

„Ich bin dafür, dass die älteren Leute so lange fahren dürfen, wie sie können“, sagt Konrad Hofer, selbst 75 Jahre alt. „Ich wehre mich dagegen, dass wir alles reglementieren. Die meisten alten Leute sind gewissenhaft.“

Fan von Automatik-Autos

Derweil outet sich Konrad Hofer als unbeirrbarer Fan von Automatik-Autos – wohlwissend, dass Unfälle von Senioren mit Automatik-Autos mehr als einmal Schlagzeilen gemacht haben. Hofer setzt auf Übung, bevor sich ein Autofahrer ins neue Auto setzt – nicht nur Ältere: „Automatik ist das Beste, was es gibt. Alle sollten das fahren, auch junge Leute. Man hat mehr Zeit, sich auf den Verkehr zu konzentrieren“, sagt der Fahrlehrer.

Nur wenige geben Führerschein freiwillig ab

Ob Automatik oder Schaltgetriebe – nicht jeder Ältere, der einen Führerschein hat, fährt auch, betont Hofer. Den Führerschein freiwillig abgeben, diesen Schritt gehen aber nur ganz wenige. Im Rems-Murr-Kreis waren es in den vergangenen Jahren jeweils eine Handvoll.

Auflagen im Führerschein bei bedingter Eignung

Eine Zwischenstufe könnte sein, den Radius einzuschränken. Stellen Prüfer nach amtlicherseits verordneten Prüfverfahren etwa fest, dass der Betreffende zwar noch Auto fahren kann, aber eine nur bedingte Eignung vorliegt, können Auflagen im Führerschein vermerkt werden, erläutert Sandra Weiß, Sprecherin am Landratsamt. Solche Auflagen könnten vorsehen, dass ein Senior nur noch maximal 100 Stundenkilometer schnell, nicht mehr auf der Autobahn oder nur noch in einem bestimmten Umkreis um seinen Wohnsitz fahren darf: „Das wird individuell entschieden.“

Jung und Alt

Viele Fahrschulen, der ADAC und auch der TÜV bieten freiwillige Checks für Senioren an.

„Ich fahr jetzt seit mehr als 50 Jahren unfallfrei“ – das sagen Senioren oft, wenn ihnen jemand eingeschränkte Fahrtauglichkeit unterstellt.

Die Jungen sind doch das eigentliche Problem – auch das wird oft angemerkt. Stimmt auch; junge Raser verursachen oft genug schlimme Unfälle. Fahrlehrer Konrad Hofer plädiert dafür, Fahranfängern nicht gleich Autos mit hohen PS-Zahlen anzuvertrauen, sondern sie stufenweise Fahrerfahrung sammeln zu lassen.