Waiblingen

VHS-Leiterin folgt dem Ruf der Freiheit

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Rosa Budziat macht sich mit Humor, Kommunikationstalent und Neugierde auf in eine andere berufliche Zukunft. © Ramona Adolf

Waiblingen. Es war ein „supertoller Job“ als Leiterin der Volkshochschule Unteres Remstal, sagt Rosa Budziat. Einer, den man nicht leicht hinter sich lässt – aber der Freiheitsdrang überwog. Von September an macht die 53-Jährige ihr ganz eigenes Ding als Freiberuflerin in Sachen Coaching und Kommunikationsberatung.

Rosa Budziat hört als Leiterin bei der VHS auf.

Das neue VHS-Programm liegt druckfrisch aus, die „Tu Du!“-Kreativkurse laufen mit den Sommerferien an. Der Laden läuft und brummt wie nie zuvor. Um das Haus am Bürgermühlenweg, das Rosa Budziat Ende des Monats verlässt, ist es gut bestellt. Ein Haus, das sie auf ganz verschiedene Weise geprägt hat. Ganz konkret und haptisch, weil die Phase des Umzugs von der Karlstraße in die Stadtmitte in ihre Amtszeit fiel. Und inhaltlich, weil sich die ganze Bildungsszene in diesen elf Jahren enorm entwickelt hat.

Handschrift der Sozialpädagogin: Integration und Inklusion

Die Archivrecherche fördert aus der 100-Tage-Bilanz der damals neuen Leiterin weitsichtige Aussagen zutage: Ein Schwerpunkt laute Integration. „Etwa ein Fünftel der Bevölkerung sind Menschen mit ausländischem Hintergrund, sie sind in unseren Kursen unterrepräsentiert.“ Integrationskurse und gezielte Sprachangebote sollten weiterhelfen. Genau das passierte in kaum für möglich gehaltenem Maße: Deutsch als Fremdsprache und offizielle Integrationskurse zählen heute zu den größten Unterrichtsbereichen. Zwei Fünftel der Teilnehmer haben Migrationshintergrund. In einem Punkt täuschte sich Rosa (damals noch) Knülle: „Mehr geht nicht“, sagte sie über die 33 000 geleisteten Unterrichtseinheiten. Im Herbstsemester 2016/2017 jedoch werden es 52 000 sein.

Sie ist nicht so vermessen, zu behaupten, das sei alles allein ihr Verdienst. „Aber ich hab’s zumindest nicht verhindert.“ Der Wegzug aus der Karlstraße war schon ein älterer Wunsch der VHS, doch Rosa Budziat hat die Chancen genutzt, die der Neuanfang bot. Die Teilnehmerzahlen sind explodiert. Ähnliche Neuanfänge gab’s an den Außenstellen in Fellbach, im Stettener Himbeerbau und im Korber Feuerwehrgerätehaus. Nicht, dass Architektur und Bauplanung besondere Steckenpferdchen der früheren Sozialarbeiterin wären, ihre Handschrift lässt sich eher an Neuerungen erkennen, die sich an bisher kaum erreichte Zielgruppen wenden. Zum Beispiel konnten auch „im Lernen Ungeübte“ sich im Zuge niederschwelliger Bildungsberatung über Möglichkeiten des „Lernens vor Ort“ informieren. Kochen für unter fünf Euro oder Englisch für Einsteiger richteten sich weniger an klassische VHS-Nutzer. Und mit der Diakonie Stetten entwickelte sie die „Easy Uni“, bei der sich Behinderte mit Themen wie der US-Präsidentenwahl auseinandersetzen.

Jazz-Fan und improvisierende Schauspielerin

Die inklusive Big Band Groove Inclusion, bei der behinderte und nicht-behinderte Musiker gemeinsam auf der Bühne stehen und die schon eine Konzertreise nach China machte, war ihre Idee. Unwahrscheinlich, dass es die Band gäbe, wenn nicht der Herr Gemahl Eberhard Budziat, seines Zeichens Jazz-Posaunist von bestem Ruf, ihr vor vier Jahren eine Trompete geschenkt hätte. Groove Inclusion war die ideale Band für die Anfängerin und ist heute nicht ihre einzige. In Zukunft will Rosa Budziat auch wieder etwas mehr bei ihrer Improvisationstheater-Truppe Krimiwerke mitmischen. „Überhaupt gehört es zu meinem Plan, mehr außerhalb des Jobs machen zu können“, verrät sie. Vor nicht allzu langer Zeit war sie ein paar Monate „komplett k.o.“, auch das war Anlass, sich grundlegende Gedanken zu machen, wie es beruflich weitergehen sollte.

Ihr künftiges Dasein als Freiberuflerin erlaubt ihr, sich weniger von Strukturen einzwängen zu lassen und ein lang gehegtes Interesse in den Mittelpunkt zu stellen: Supervision und Coaching für Gruppen und Einzelne, Training für Führungskräfte und Teamentwicklung. Zur Anwendung können diese Hilfen bei betriebsinternen Konflikten oder bei konfliktträchtigen Fusionen kommen. Ihre Überzeugung: „Man muss Konflikte benennen und angehen, sonst wirken sie immer weiter.“ Diese Arbeit macht sie als Selbstständige und auf Honorarbasis in Diensten des Moreno-Weiterbildungsinstituts in Stuttgart. Das Institut hatte Rosa Budziat, die sich über Jahre als Coach fortgebildet hatte, angefragt. Das gab den finalen Anstoß zum Umsatteln.

Remstäler Gewächs

Rosa Budziat, geborene Knülle, ist in Waiblingen und Korb aufgewachsen. In Waiblingen besuchte sie den Kindergarten, am Salier-Gymnasium machte sie ihr Abi. Vor ihrer Zeit als Volkshochschul-Leiterin leitete sie die katholische Jugendarbeit der Diözese Rottenburg. Noch etwas früher war sie auch einmal Vorsitzende des Kreisjugendrings Rems-Murr.

Als Teilnehmerin bei der VHS lernte Rosa Budziat unter anderem Dirndl-Nähen, Jodeln und Brezeln-Backen. Als Teilnehmerin bleibt sie auch weiter dabei. Geplant sind Fitnessworkout und vielleicht Ungarisch.

Die Nachfolgerin in der VHS-Leitung heißt Stefanie Köhler.

Das aktuelle Volkshochschul-Programm für Herbst und Winter liegt seit Kurzem aus.