Waiblingen

Viele Menschen gingen in Waiblingen noch mal einkaufen - ab Montag gilt wieder "Click and Meet"

Einkaufstag
Die Waiblinger Innenstadt vor dem Lockdown im Frühjahr 2021. © ZVW / Alexandra Palmizi

Den perfekten Rahmen zum Wochenendeinkauf bot am Samstagmorgen der zwar frostige, aber dennoch freundlich sonnige Frühlingsanfang. Bereits um neun Uhr in der Früh herrschte auf dem Wochenmarkt reges Kommen und Gehen. Ein mittlerweile gewohntes Bild boten die Reihen der Kundinnen und Kunden, die unter den Arkaden des Alten Rathauses von Stand zu Stand schlenderten und sich - maskenbewehrt und peinlichst auf Abstand bedacht - geduldig vor den jeweiligen Marktständen auffädelten. Dass der Wochenmarkt auch nach einem Jahr Covid-19 nichts von seiner Attraktivität als Treffpunkt und Begegnungsstätte verloren hat, dies zeigte sich auch an den bisweilen überschwänglichen Begrüßungsszenen, an die sich der ausführliche Austausch des neuesten Klatsches und Tratsches anschloss.

Der Marktplatz bleibt Treffpunkt und Begegnungsstätte

Ein bekanntes Gesicht unter den Marktbeschickern war auch das von Frieder Bayer, der sich mit seinem Lastenfahrrad gegenüber dem Rathaus aufgebaut hatte und vom Anhänger herunter Pflanzensetzlinge und Samen feilbot. Der Nachteil gegenüber dem Auto, so seine Sorge an diesem Morgen, bestehe darin, dass er auf dem Fahrradanhänger nicht so viele Kisten mit Pflanzen unterbringe. Dadurch habe der Kunde weniger Auswahl, und in der Folge er weniger Umsatz. Und selbstverständlich leide auch die Kauflust, wenn man sich hinter den Masken verstecken müsse, wobei er am meisten das Gespräch und den Small Talk von Angesicht zu Angesicht vermisse. Youtube-Videos und Onlinekonferenzen seien zwar interessant und oftmals auch informativ, aber sie würden keinen Ersatz dafür bieten. „Es bleibt uns somit nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass in einem Jahr alle geimpft sind, die Epidemie vorbei ist und wir uns wieder wie gewohnt gegenübertreten können.“ Dass es bei den Inzidenzzahlen zu einem gewissen Auf und Ab kommen würde, darauf habe man sich einstellen müssen, denn schließlich, so Bayer, „befinden wir uns in Bezug auf die Impfstoffe gerade in der Phase der klinischen Erprobung, und dass es da zu Unterbrechungen kommt, man Pausen einlegen und nachschauen muss, ist wahrscheinlich nichts Ungewöhnliches. Somit bleibt uns vorläufig nichts anderes übrig, als weiterhin die Masken zu ertragen.“ Eine besondere Herausforderung für ihn als Raucher bestehe darin, dass er jedes Mal, wenn er rauchen wolle, die Maske abnehmen müsse. Mittlerweile sei er so daran gewöhnt, dass er jedes Mal, wenn er die Maske abnehme, den Wunsch verspüre, zu rauchen.

Nahezu wunschlos glücklich zeigte sich auch Markus Schneider in der Buchhandlung „Taube“. Nahezu, denn daheim sei er mit einem Berg Wäsche konfrontiert, der ihm liegen geblieben sei und den es noch aufzuarbeiten gelte. Aber geschäftlich könne er nicht klagen, „seit der Buchhandel ein Upgrade erfahren hat. Bücher werden nun, wie auch Blumen, als lebensnotwendig anerkannt und sind Nahrungsmitteln gleichgestellt.“ Somit mache er sich über die ab kommender Woche geltenden Beschränkungen für den Einzelhandel keine Sorgen. Für den Buchhandel habe der Onlineverkauf keinen neuen Vertriebsweg dargestellt, den man erst für sich entdecken musste. Er habe schon vor der Pandemie zum Alltag gehört. Sehr wohl habe man aber erfreut entdeckt, wie eng die Beziehung zu manchen Kunden sei, und wie sehr diese es zu schätzen wussten, wenn sie ihre Bücher nicht nur über die "Click & Meet"-Theke zugeschoben bekämen, sondern sich ihr Buchhändler in seiner Freizeit aufs Fahrrad schwang oder zu Fuß auf den Weg machte und das sehnsüchtig erwartete Buch bis zur Haustür brachte. Dadurch habe sich auch so manches interessante Gespräch über den Zaun oder im Garten ergeben, das auch ihn veranlasst hat, so manchen Kunden mit anderen Augen zu sehen.

Belebtes Treiben auf dem Alten Postplatz

Das längst gewohnte Bild bot an diesem Morgen auch der Alte Postplatz, einst in Kutschentagen Wechsel- und Raststation für den Fernverkehr. Etwas zumindest davon hat er sich bewahrt als Quengelecke für Ehemänner, die ihre Frauen zwar „in die Stadt“ fahren durften, dann aber hier abgestellt wurden, damit die „besseren Hälften“ in aller Ruhe die Einkäufe erledigen können. So mancher allein gelassene Vater oder Opa verweilte währenddessen mit dem Enkel im Kinderwagen oder an der Hand, reihte sich in die Schlange der vor der Bäckerei Wartenden ein, begutachtete die Primeln, Hornveilchen und Stiefmütterchen in einem Verkaufsregal neben der Einfahrt zur Tiefgarage, die vom Reif des vorangehenden Morgens nicht ganz unberührt geblieben waren, oder politisierte temperamentvoll mit einem Leidensgenossen, den anscheinend ein ähnliches Schicksal getroffen hatte.

 Nicht zum Politisieren hatte sich eine 85-jährige Dame unter die Wartenden eingereiht, so versicherte sie. Sie wurde von dem Angebot angelockt, bereits den Nudelteig für Ostern vorzubestellen. Noch habe sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ihr womöglich in ihrem Leben doch noch einmal ein erfülltes Osterfest mit Maultaschen zum Karfreitag und mit allen ihren Lieben um den Esstisch versammelt vergönnt sei, „nachdem mir die Pandemie bereits Weihnachten geraubt hat. Nein, nicht die Pandemie“, verbesserte sie sich, „sondern diese“, so die alte Dame „unfähigen Politikidioten und ihre Handlanger! Die sind noch nicht einmal in der Lage, das Sterben einzudämmen, indem sie eine Impfkampagne organisieren“, schimpfte sie verbittert. Um sich selbst mache sie sich allerdings die wenigsten Sorgen, meinte sie. Sie habe als Kind im Konzentrationslager bereits Malaria, Typhus, Ruhr, Diphterie sowie Terror und Bosheit überlebt und dabei gelernt, dass sie sterblich sei. Wer ihr aber leid tue, seien die jungen Menschen, denen durch dieses seit einem Jahr andauernde Behördenversagen Chancen vorenthalten und die Zukunft geraubt werde.

Zu denjenigen, die von den steigenden Infektionszahlen und den damit verbundenen Einschränkungen betroffen sein werden, gehört wohl das „Mariposa“, der an diesem Frühlingstag hoffnungsvoll flatternde Schmetterling in der Pfarrgasse („Mariposa“ lautet die spanische Übersetzung von „Schmetterling“). Beim Bezahlen der „lovely things and more“, die sie in dieser Schatztruhe entdeckt haben, wurden die Kunden schon darauf hingewiesen, dass ab kommenden Montag wohl „Click & Meet“ angesagt sein werde.

 

 

Den perfekten Rahmen zum Wochenendeinkauf bot am Samstagmorgen der zwar frostige, aber dennoch freundlich sonnige Frühlingsanfang. Bereits um neun Uhr in der Früh herrschte auf dem Wochenmarkt reges Kommen und Gehen. Ein mittlerweile gewohntes Bild boten die Reihen der Kundinnen und Kunden, die unter den Arkaden des Alten Rathauses von Stand zu Stand schlenderten und sich - maskenbewehrt und peinlichst auf Abstand bedacht - geduldig vor den jeweiligen Marktständen auffädelten. Dass der

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