Waiblingen

Volksbankvorstand über Negativzinsen und Verbraucherschutz

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„Auf Dauer können wir entsprechende Anpassungen der Kontogebühren nicht vollständig ausschließen.“ Hans R. Zeisl, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Stuttgart. © Ramona Adolf

Waiblingen. Die niedrigen Zinsen werden uns noch geraume Zeit begleiten. Würde der Zinssatz nämlich auf zwei Prozent steigen, gerieten eine ganze Reihe von hoch verschuldeten Ländern in Europa in Schwierigkeiten, sagt Hans R. Zeisl, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Stuttgart, im Interview.

Video: Hans Zeisl, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Stuttgart, im Interview.

Herr Zeisl, wer Bundesanleihen kauft, bekommt keine Zinsen, sondern muss sogar noch etwas für die Anlage bezahlen. In welchem bankwirtschaftlichen Lehrbuch ist so eine Sache beschrieben?

Über die Entstehung und die möglichen Folgen einer negativen Realverzinsung habe ich schon in verschiedenen Büchern und wirtschaftlichen Aufsätzen gelesen. Ein Lehrbuch, in dem die, durch die aktuelle Politik der Europäischen Zentralbank entstandene, massive Finanzrepression beschrieben wird, ist mir jedoch nicht bekannt. Aber, um Ihre Frage zu verdeutlichen: Sie geben dem Staat Ihr sauer verdientes Geld, bekommen keine Zinsen dafür, sondern müssen noch etwas bezahlen. Einen solchen Sparverlust hat es seit der letzten Währungsreform in Deutschland nicht mehr gegeben.

Die Niedrigzinsphase dauert nun schon ziemlich lange. Ein Ende ist nicht abzusehen. Wie verändert dies Ihr Bankgeschäft und mit was müssen die Kunden der Volksbank Stuttgart noch rechnen?

Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst klargestellt werden, dass die anhaltende Niedrigzinsphase das Ergebnis einer politisch motivierten Geldschwemme ist. Neben der Flutung der Märkte mit Kapital nimmt die Europäische Zentralbank auch direkten Einfluss auf das Kundengeschäft der Banken, indem sie für kurzfristige Bankeinlagen aus Liquiditätsüberhängen Negativzinsen berechnet. Anders ausgedrückt: Müssen wir Liquidität bei der EZB „parken“, wird unser Einlagenkonto mit Strafzinsen von minus 0,4 Prozent belastet. Ein unglaublicher Vorgang, der dem Irrglauben entspringt, mit dieser Politik die Kreditvergabe in den Krisenländern Europas ankurbeln zu können.

Was sind die Folgen für die Banken?

Diese Geldpolitik der EZB belastet das Geschäftsergebnis aller deutschen Banken - und damit auch das der Volksbank Stuttgart. Wir befürchten, dass es auf Dauer flächendeckend keine Einlagenzinsen mehr geben wird und bei bestimmten Anlagen sogar Negativzinsen an die Anleger weitergegeben werden müssen. Nicht wenige Institute wenden dies schon heute in der Praxis an. Die Kombination von Anlageformen wird deshalb für die Anleger noch enorm an Bedeutung gewinnen.

Werden die Kontogebühren weiter angehoben?

Die Volksbank Stuttgart hat seit dem Beginn der Niedrigzinsphase, zumindest im Privatkundengeschäft, auf Preisanpassungen verzichtet. Mit unserem „Giro Bankier“ bieten wir sogar nach wie vor ein gebührenfreies Konto für unsere Mitglieder an. Diese Kontinuität wollen wir, wenn auch andere Banken und Sparkassen ihre Kontenmodelle heute deutlich höher bepreisen, noch möglichst lange aufrechterhalten. Allerdings können auch wir auf Dauer entsprechende Anpassungen nicht vollständig ausschließen.

Muss die Volksbank Stuttgart Filialen schließen?

Das Einfachste ist Schließen. Aber als Volks- und Raiffeisenbank müssen wir achtgeben, dass wir auch in Zukunft vor Ort sind. Notwendig sind intelligente Lösungen. Wir typisieren derzeit unsere Zweigstellen, zu welcher Zeit wie viele Kunden [da] sind und passen die Öffnungszeiten an. Auf diese Weise kann ein Team mehrere Zweigstellen betreuen. Der Service bleibt also vor Ort.

Die niedrigen Zinsen sind nicht zuletzt eine Folge des Bankencrashs von 2008. Um ihre Banken zu retten, mussten sich viele Staaten enorm verschulden - und landeten selbst am Abgrund. Damit das nicht noch mal passiert, sollen die Banken stärker an die Kandare genommen werden. Was ist daran falsch?

Im Prinzip nichts - allerdings muss man schon genau hinsehen, welche Bankengruppen den Finanzcrash im Jahre 2008 verursacht haben und wer zum Überleben staatliche Hilfe in Anspruch nehmen musste. In ihrer über 150-jährigen Geschichte haben Volksbanken oder Raiffeisenbanken noch nie staatliche Rettungsgelder in Anspruch nehmen müssen. Die Genossenschaftsbanken waren im Übrigen auch nicht die Auslöser der weltweiten Finanzkrise. Um solche Finanzkrisen künftig zu vermeiden, wurde eine Gegenbewegung zur Liberalisierung der Finanzmärkte eingeleitet. Die hierbei eingesetzten regulatorischen Instrumente treffen allerdings nicht nur die systemrelevanten und international agierenden Banken als wahre Schuldige der Finanzkrise, sie schlagen auch voll auf die Volksbanken und Raiffeisenbanken durch. Und dies in einer Form, die besonders für kleinere Häuser bis hin zur Gefährdung der Existenz geht.

Nicht nur die Volks- und Raiffeisenbanken stöhnen über die zunehmende Regulatorik. Über welche drei Regelungen regen Sie sich jenseits der diplomatischen Zurückhaltung am meisten auf?

Wenn ich hier aufzählen muss, reichen - bei aller Selbstbeschränkung - drei Beispiele mit Sicherheit nicht aus. Aber ernsthaft: Es ist die Summe der Regelungen, die den Volksbanken und Raiffeisenbanken, aber auch den Sparkassen große Sorge bereitet. Neben den aufsichtsrechtlichen Bestimmungen müssen in diesem Zusammenhang auch die überbordenden Vorschriften unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes angesprochen werden. Hier gibt es mittlerweile Vorschriften, deren Sinnhaftigkeit weder vom Kunden noch von der Bank verstanden werden.

Volks- und Raiffeisenbanken werden wie die Sparkassen in einen Topf mit Großbanken wie der Deutschen Bank, UBS oder HSBC geworfen und derselben Regulatorik unterworfen. Bank ist Bank. Was ist daran falsch?

Bank ist eben nicht Bank. Es ist ein deutlicher Unterschied, ob man - wie die Volksbanken und Raiffeisenbanken - mit einem seit über 150 Jahren bewährten Geschäftsmodell die Menschen und Unternehmen in der Region unterstützt oder ob man an den internationalen Kapitalmärkten Spekulationsgeschäfte mit hohen Ertragschancen, aber noch weitaus höheren Risiken tätigt. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mit dieser Darstellung etwas vereinfacht argumentiere. Im Grunde trifft sie aber den Kern, der die Verallgemeinerung „Bank ist Bank“ eben nicht zulässt.

In Italien wanken derzeit eine Reihe von Banken. Die Politik wiegelt ab. Was sagt ein schwäbischer Banker zur Situation der europäischen Banken im Allgemeinen und der italienischen im Speziellen?

Italien und Schwaben sind über die Staufer ja historisch verbunden, die Schwaben haben auch deutsch-römische Kaiser gestellt. Um daher ein lateinisches Zitat zur prekären Lage der italienischen Kollegen zu bemühen: „Mors certa, hora incerta“ oder frei übersetzt: Der Tod ist sicher, die Stunde unsicher. Dies klingt dramatisch und die Situation ist es auch: Sollte es in absehbarer Zeit zu keinen staatlichen gelenkten Stabilisierungsmaßnahmen kommen, werden wir erstmals nach 2008 wieder ein extremes Krisenszenario in Europa sehen. In Südeuropa sitzen Banken noch immer auf Krediten, deren Werthaltigkeit und Rückzahlung zweifelhaft ist. Dieses Problem kann auch nicht geldpolitisch mit Strafzinsen für Banken gelöst werden, da eine erzwungene Kreditvergabe die bestehenden Probleme nicht verkleinert, im Gegenteil: Die Geldpolitik läuft dort ins Leere, wo Strukturprobleme nicht beseitigt werden.

Müssen „wir“, die Steuerzahler, womöglich doch wieder für europäische Bankencrashs geradestehen, obwohl die EU gerade dies verhindern wollte?

Die Überlegungen einer europäischen Einlagensicherung sind sicherlich nicht dem Gedanken entsprungen, dass europäische Steuerzahler deutsche Banken retten müssen. Die deutsche Einlagensicherung und hier insbesondere die Institutssicherung der Volksbanken und Raiffeisenbanken weisen gut gefüllte Sicherungsfonds auf, die europäische Begehrlichkeiten wecken. Dagegen wehren wir uns natürlich!

Alle Wege führen nach „Basel“. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht wirkt sich direkt aufs Geschäft hier aus. Wie?

Stark vereinfacht müssen Banken Kredite mit Eigenkapital unterlegen; je risikoreicher und ausfallgefährdeter der Kredit, desto mehr Eigenkapital wird gebunden. Gradmesser der Risikobewertung ist dabei das individuelle Rating des Kreditnehmers. Wer also Kredit in Anspruch nehmen will, muss sich faktisch gläsern präsentieren. Umgekehrt werden die Kreditvergabemöglichkeiten über verschärfte Eigenkapitalvorschriften eingeschränkt. Dies erklärt auch die Wachstumsschritte der Volksbank Stuttgart durch zurückliegende und aktuelle Fusionen. In einer der wirtschaftsstärksten Regionen Europas ist eine gewisse Größe notwendig, um die Anforderungen des Marktes auch unter verschärften Bedingungen sicherstellen zu können - ohne die regionale Verbundenheit zu verlieren.

Die Europäische Union will uns Verbraucher schützen. Auch vor den Banken. Das ist prima. Die neue Wohnimmobilienrichtlinie verpflichtet die Banken, stärker darauf zu achten, dass ich mein Wohnungsdarlehen auch zurückzahlen kann. Was ist daran falsch?

Eigentlich nichts, könnte man zunächst annehmen. Bei einer genaueren Betrachtungsweise wird man aber feststellen, dass die Vergabe von Wohnbaukrediten, zumindest in Deutschland, in den vergangenen Jahrzehnten, auch ohne die neuen, deutlich verschärften Regelungen sehr gut funktioniert hat. Die jetzt eingeführte Wohnimmobilienkreditrichtlinie führt daher auch nicht zu mehr Verbraucherschutz, sie kommt eher einer Entmündigung des Bürgers nahe. So haben seit dem Inkrafttreten der Richtlinie zum Beispiel ältere Kreditnehmer deutlich schlechtere Möglichkeiten, ein Immobiliendarlehen zu erhalten. Für die Banken und Sparkassen hat sich mit Einführung der Richtlinie der administrative Aufwand einer Kreditvergabe derart erhöht, dass 20 Prozent weniger Kreditzusagen getroffen werden können und somit ein regelrechter Beratungsstau entsteht.

Angenommen ich bin 57 Jahre alt, Angestellter mit ordentlichem Gehalt und gesund. Wie stehen meine Chancen, noch eine Wohnung finanziert zu bekommen?

Die Regelungen zur Kreditvergabe an Personen in einem gewissen Alter schränken das Recht auf Selbstbestimmung aus unserer Sicht deutlich ein. Wer ein Eigenheim erwerben will, muss seine zur Finanzierung aufgenommenen Darlehen bis zum Renteneintritt zurückbezahlt haben oder die Rückzahlungsrate nachweislich aus seinen zu erwartenden Renteneinkünften bestreiten können. Will eine Familie also heute ein Haus erwerben, um dieses gegebenenfalls im Rentenalter wieder zu verkaufen, zum Beispiel bei einem Umzug in eine seniorengerechte Einheit, oder an die Kinder übertragen zu können, könnte die Finanzierung am rechnerischen Renteneintritt scheitern. Unabhängig der tatsächlichen Darlehenslaufzeit, die durch Sondertilgungen im Durchschnitt deutlich unter 20 Jahre liegt.

Und wie ist es mit einem Kredit für eine Renovierung?

Ältere Eigentümer besitzen oftmals hochwertige Immobilien, haben aber aufgrund einer früheren Selbstständigkeit geringere Rentenansprüche. Renovierungs- und Instandhaltungsdarlehen sind vor diesem Hintergrund kaum mehr vorstellbar, das heißt, die Immobilie muss über kurz oder lang verkauft werden, um Werterhaltungsmaßnahmen durchführen zu können. Verstehen Sie jetzt, warum ich in diesem Zusammenhang von einer Entmündigung des Bürgers spreche?

Volksbank Stuttgart

Mit einer Bilanzsumme von rund sechs Milliarden Euro ist die Volksbank Stuttgart die größte Volksbank Baden-Württembergs. Nahezu 290 000 Privat- und Firmenkunden werden an 109 Standorten an Rems und Neckar betreut. Mit über 160 000 Mitgliedern ist sie auch bei der Mitgliederzahl die Nummer Eins: Jeder zweite Kunde ist zugleich Teilhaber („Bankier“) seiner Bank.

Das Geschäftsjahr 2015 sei für die Volksbank Stuttgart „kein schlechtes“ gewesen, sagte der Vorstandsvorsitzende Hans R. Zeisl bei einem Bilanzpressegespräch und räumte ein, dass diese Formulierung stark untertrieben sei. Tatsächlich sind die Geschäfte der Volksbank in ihrer fünfjährigen Geschichte noch nie so gut gelaufen.

Zeisl ging davon aus, dass sich der Konsolidierungsprozess unter den genossenschaftlichen Kreditinstituten auch in diesem und den kommenden Jahren fortsetzen werde. Die Volksbank Stuttgart ist vor fünf Jahren aus der Fusion Volksbank Rems mit der Stuttgarter Volksbank hervorgegangen. In diesem Jahr fusionierte die Volksbank Schorndorf mit der Kerner Volksbank (Bilanzsumme: 540 Millionen Euro) und der VR-Bank Weinstadt (Bilanzsumme 138 Millionen Euro).

Zusammengeschlossen haben sich über Landkreisgrenzen hinweg in diesem Jahr bereits die Fellbacher Bank mit der Volksbank Untertürkheim zur Volksbank am Württemberg sowie die Volksbank Backnang mit der Raiffeisenbank Oberstenfeld.