Waiblingen

Vom Flüchtling zum Doktoranden

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Hayyan Al Ebrahim freut sich auf seine Familie. © Habermann / ZVW

Waiblingen-Neustadt. In seiner Heimat Syrien entkam er den Häschern des IS, in Ungarn wurde er von der Polizei misshandelt. In Neustadt half Englischlehrer Hayyan Al Ebrahim vielen Landsleuten, er selbst indes musste in quälender Ungewissheit über seine Zukunft und die seiner Familie verharren. Jetzt endlich nimmt sein Leben positive Wendungen.

Video: Hayyan Al Ebrahim im Interview

Es gab Phasen, da hatte Hayyan Al Ebrahim keinen Mut mehr. Viele seiner Freunde und Verwandten mussten im syrischen Bürgerkrieg ihr Leben lassen. Ihm selbst drohte die Abschiebung nach Ungarn, wo er Schlimmes erlebt hatte. Und es war keineswegs gewiss, ob er seine Frau jemals wiedersehen würde. Fast anderthalb Jahre wartete er auf eine Entscheidung über seine Zukunft in Deutschland, Anwälte beschäftigten sich mit dem Fall, Ehrenamtliche wie die ehemalige Lehrerin Rosemarie Rothmund-Timm kämpften für ihn, und auch ein Professor der Universität Stuttgart verwandte sich für ihn. Anderthalb Jahre voller Bangen, das Smartphone als einzige Verbindung zu den Lieben. Seit dem 31. Mai ist alles anders: Der 32-Jährige hat seine Anerkennung in der Tasche, und seine Frau darf ein Visum beantragen. Wohl im August wird er sie in die Arme schließen können – und endlich auch sein 20 Monate altes Töchterlein Lara, das er bisher nur von Fotos kennt.

Es wäre das vorläufige Happy End in einer Geschichte, die Hayyan Al Ebrahim seine „Reise ins Leben“ nennt und über die er gemeinsam mit Freunden schon auf der Theaterbühne des Waiblinger Kulturhauses „Schwanen“ berichtete. Schon vor der Familien-Zusammenführung erlebt der Englischlehrer glückliche Wendungen: Der erste Ansprechpartner und Dolmetscher für ein starkes Dutzend „Neustädter“ Syrer, der schon seit mehr als einem Jahr als ehrenamtlicher Lehrer an der Friedensschule arbeitet, hat jetzt auch eine bezahlte Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Stuttgarter Linguistik-Professor Daniel Hole und macht dort seinen Doktor. Bei einer Fachtagung mit internationalen Teilnehmern im Kleinwalsertal durfte er kürzlich den Eröffnungsvortrag halten. Und: Durch die Vermittlung von Flüchtlingshelfern hat er eine Wohnung in Neustadt gefunden, die groß genug ist für die Familie. Seit Monaten lebte er bei Freunden. Da er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) ein Einkommen bezieht, bezahlte er zwar für sein Bett in einem Fünfer-Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft Neustadt-Hohenacker eine kleine Miete, aber: „Dort herrscht immer Unruhe, man kann nicht klar denken.“

Auf den arabischen Frühling folgte der Islamische Staat

Vor einem knappen Jahr führte unsere Zeitung schon einmal ein Gespräch mit dem freundlichen „Neustädter“ Syrer. Er wirkte älter als heute, der Blick traurig. Kein Wunder angesichts dieser Geschichte: In der Großstadt Deir ez-Zor führte Hayyan Al Ebrahim ein weithin glückliches Leben, hatte drei Jobs und engagierte sich als Mediensprecher der demokratischen Revolution. Doch statt eines arabischen Frühlings kam der Bürgerkrieg, der Islamische Staat marschierte ein und kontrolliert die Stadt noch heute. Zur Einschüchterung der Bevölkerung spießten sie die Köpfe von Enthaupteten an Zäunen auf. Weil der Dolmetscher sich weigerte, für die Terrormilizen zu arbeiten, geriet er auf eine Verhaftungsliste. Ein Freund warnte ihn, so konnte er im Morgengrauen flüchten. Geld hatte er, dennoch erwies sich die Flucht als traumatische Erfahrung. In Griechenland und Mazedonien wurde er geschlagen, in Serbien gekidnappt und erpresst, in Ungarn von der Polizei über Wochen unter erbärmlichen Verhältnissen inhaftiert und zudem misshandelt. Seine Erlebnisse decken sich mit den Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl.

Friedensschule: „Der beste Job meines Lebens“

Obwohl es anfangs nicht sein Ziel war, wurde Deutschland zur Rettung. Als einer der ersten Bewohner zog Hayyan Al Ebrahim im Februar 2015 in die neue Asylbewerberunterkunft in Neustadt ein. Gleich half er anderen, sich zurechtzufinden, übersetzte bei Behörden – und wartete. Auf Anhörungen, auf Antragstellung, Prüfungen, Duldungen, auf eine Entscheidung. Seine Landsleute, die mit ihm ankamen, warteten bis zu einem Jahr, er selbst noch länger. Verkompliziert wurde sein Fall, weil er in Ungarn schon registriert worden war. Nach dem Dublin-Verfahren hätte er somit kein Asylrecht in Deutschland – doch nach Ungarn wollte er auf keinen Fall zurück: „Es war schlimmer als bei Assad.“ Über eine Sonderregelung gelang doch noch die Anerkennung.

Schon bald arbeitete Hayyan Al Ebrahim als ehrenamtlicher Lehrer in der Friedensschule: „Es ist der beste Job meines Lebens.“ Er erzählt von Syrien und seiner Flucht, wobei die Schüler Englisch mit ihm reden müssen. Das klappt bestens, und er ist beliebt bei den Schülern, die ihn mit Vornamen anreden dürfen und mit denen ihn ein freundschaftliches Verhältnis verbindet. Besonders Lehrer Jochen Binder setzte sich dafür ein, dass der Assistent aus Syrien sich heute als Teil des Kollegiums fühlen darf. „Und wenn ich die Schüler sehe, dann sehe ich die Zukunft meiner Tochter.“

Attacken durch Syrer: „Furchtbare Taten“

Den Anschlag, den ein abgelehnter syrischer Flüchtling in Ansbach verübte, nennt Hayyan Al Ebrahim eine „furchtbare Tat“. Ebenso die Attacke in Reutlingen. Es treffe ihn und seine Bekannten hart, dass Landsleute solche Verbrechen verübten. Die syrischen Flüchtlinge hätten Deutschland unheimlich viel zu verdanken.

Nun fürchten sie, dass ihr im Vergleich zu Flüchtlingen anderer Nationalitäten guter Ruf dadurch Schaden nimmt und ihr Status im Land sich ändern könnte.