Waiblingen

Vom Mut zur eigenen Meinung

Gökay Sofuoglu
Erdogan hat die Menschen in die Polarisierung hineingetrieben, unter ihm gibt es nur noch hie Freund, da Feind, Gefolgsmann oder Landesverräter, voll dafür oder voll dagegen. Raum für wägende Stimmen, konstruktive Kritik und demokratische Opposition gibt es in der Türkei derzeit kaum noch. Das beklagt Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der „Türkischen Gemeinde in Deutschland“. © Büttner / ZVW

Fellbach. Erdogan demontiert die Demokratie – der das anprangert, ist nicht irgendwer, sondern der Bundesvorsitzende des Verbandes „Türkische Gemeinde in Deutschland“: In Zeiten, da viele Türken schon leise Zweifel an Erdogan als Verrat empfinden, ist das ein so wichtiger wie mutiger Weckruf. Ein Gespräch mit Gökay Sofuoglu, der auch im Fellbacher Gemeinderat sitzt für die SPD.

„Ich sehe, dass du von allen Seiten beschimpft wirst – das find ich gut!“ Ein Bekannter sagte das mal zu Gökay Sofuoglu, und kein Satz beschreibt besser die Haltung dieses Mannes, der sich den Mut zur eigenen Meinung nie von blindem Lagerdenken lähmen lässt. Einmal, vor einem Staatsbesuch Merkels in der Türkei, forderte er, die Kanzlerin solle die Menschenrechtslage kritisch ansprechen – worauf ihn ein deutschtürkischer Moscheevorsteher beschimpfte: Du bist es nicht wert, für uns zu sprechen, sofort zurücktreten solltest du!

Kommentar nach Böhmermanns Schmähgedicht

Nach Jan Böhmermanns Schmähgedicht kommentierte Sofuoglu: Über solch eine „Vulgarität würde ich Pressefreiheit nicht definieren“ – worauf ihn eine alte Vertraute empört anrief: Ich bin so enttäuscht von dir! Dass du so ein Anhänger von Erdogan geworden bist! Nach dem verhinderten Militärputsch vom 15. Juli erklärte er: Es sei ein Zeichen für die „Reife des türkischen Volkes“, dass die Menschen auf den Straßen sich den Panzern entgegenstellten und eine gewählte Regierung verteidigten – worauf er einen lobenden Anruf aus der türkischen Botschaft erhielt.

Heute umarmt - morgen geächtet

Kurz darauf schob er nach: Er fürchte, Erdogan werde den Putsch nutzen, um „sein Machtmonopol zu stärken“ und alle Oppositionellen unter „Generalverdacht“ zu stellen – und „schon war ich wieder der Erdoganfeind.“ So wird er mal von der einen, mal der anderen Seite heute umarmt und morgen geächtet. Kurzum: Einen besseren Gesprächsparter, um uns die deutsch-türkischen Befindlichkeiten differenziert zu erklären, werden wir nicht finden.

Warum Erdogan es geschafft haben könnte die Deutschtürken zu einer Entscheidung zu zwingen, lesen Sie in unserer Zeitungsausgabe vom Donnerstag (1.9.) oder im E-Paper ab 18.30 Uhr.