Waiblingen

Vor Gericht: Das zerbrochene Glas

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Symbolbild. © Mathias Ellwanger

Waiblingen/Kernen. Es sollte eine laute Verhandlung werden, mit viel Diskussion und Zwischenrufen. Zwei Dolmetscher halfen bei der Verständigung, ein Überwachungsvideo sollte der Aufklärung dienen. Dabei ging es vor allem um eine Frage: Hat der Angeklagte das Glas nun mutwillig zerbrochen oder nicht?

Der Angeklagte wird in Handschellen vorgeführt – er ist zur ersten Verhandlung, die für Anfang April angesetzt war, nicht erschienen und deshalb in Gewahrsam genommen worden. Der 51-jährige arbeitslose Kfz-Mechaniker stammt aus dem Libanon, in Deutschland lebt er seit 32 Jahren. Ihm wird vorgeworfen, an einem Abend im August 2015 in einer Spielothek mit einem zerbrochenen Glas auf einen 36-jährigen Albaner aus dem Kosovo losgegangen zu sein. Dabei soll er ihn am linken Unterarm und am Hals verletzt haben. Die Anklage: gefährliche Körperverletzung.

Seine Aussage beginnt der Angeklagte mit der Beteuerung, er werde nun „das alles in Einzelheiten und 100 Prozent die Wahrheit“ erzählen. Dementsprechend wortreich und blumig schildert er mit Hilfe eines Dolmetschers, was sich aus seiner Sicht an besagtem Abend im vergangenen August zugetragen hat. Er sei wie so oft bis spätabends im Spielcasino gewesen, als kurz vor Ladenschluss der Geschädigte hereingekommen sei und begonnen habe, an mehreren Automaten gleichzeitig zu spielen. Er habe ihn nie zuvor dort gesehen.

Als die Spielaufseherin, eine 40-jährige Griechin, den Mann aus Albanien darauf hingewiesen habe, dass er nicht mehr viel Zeit zum Spielen habe, habe dieser eine heftige Diskussion begonnen. Er, der Angeklagte, habe der Dame vom Casino beistehen wollen und den Albaner angesprochen. Der sei daraufhin aggressiv geworden. An dieser Stelle verliert er sich in Einzelheiten, bis die Vorsitzende Richterin Dozauer ihn ermahnt: „Sie strapazieren meine Geduld über alle Maßen, bitte kommen Sie auf den Punkt.“ Jedenfalls, so der Angeklagte weiter, habe der Geschädigte ihn geschubst – er selbst habe sich deshalb bedroht gefühlt und ihm Wasser aus einem Glas ins Gesicht schütten wollen. Irgendwie müsse das Glas dabei zerbrochen sein, Absicht sei das nicht gewesen. Er sei kein aggressiver Mensch, habe den anderen „nicht schlagen“ wollen, beteuert er. Sein Verteidiger sieht gar eine „Notwehrsituation“.

Der Geschädigte, der als Zeuge geladen war, sieht die Sache freilich anders. Der 36-jährige Trockenbauer gibt sich vernünftig und inszeniert sich als Opfer: Er gibt zwar zu, an einer leichten Spielsucht zu leiden, habe an besagtem Abend aber ganz ruhig argumentiert und auch lediglich die Hand des Angeklagten beiseitegeschoben, der ihm wild vor dem Gesicht herumgefuchtelt habe – ihn aber keineswegs angegriffen. Als der Angeklagte mit dem zerbrochenen Glas auf ihn losgegangen sei, habe er gerade noch den Arm heben können, um sein Gesicht zu schützen. An eine Verletzung am Hals, die er in der polizeilichen Vernehmung zu Protokoll gegeben hatte, will er sich allerdings nicht erinnern.

Ein wenig Licht ins Dunkel bringen, wenn es auch nicht ganz erhellen, kann die 40-jährige Griechin, die an dem Abend alleine als Spielaufseherin im Casino war. Auch sie sagt mit Unterstützung eines Dolmetschers aus. Der Mann aus dem Kosovo sei uneinsichtig gewesen, habe herumgeschrien und sich gegenüber dem Angeklagten aggressiv verhalten, so ihre Aussage. Allerdings habe sie auch gesehen, wie der Angeklagte das Glas mutwillig an der Theke zerbrochen habe. Wie es dann aber genau zu den Verletzungen gekommen sei, habe sie aus ihrer Perspektive nicht sehen können. Auch auf einem Video der Überwachungskamera, das der weiteren Aufklärung dienen soll, ist das Handgemenge nicht eindeutig zu erkennen. Bei der Urteilsfindung spielt es dann aber doch eine entscheidende Rolle: Zumindest belege das Video, dass der Angeklagte sich nicht verteidigt habe, als er mit dem Glas auf den Geschädigten losgegangen sei, sagt Richterin Dozauer in ihrer Begründung. Vielmehr habe er ein bis zwei große Schritte auf den Albaner zu gemacht. Sie spricht den 51-Jährigen daher am Ende schuldig und verurteilt ihn zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten, auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, sowie 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit.