Waiblingen

Vor Gericht: Vom Komplizen verpfiffen

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Symbolbild. © Anne-Katrin Walz

Waiblingen/Kernen. Weil die Beweislage nicht eindeutig war und eine weitere Verurteilung schon gar nicht mehr ins Gewicht fallen würde, ist am Mittwoch ein Verfahren gegen einen 24-jährigen Asylbewerber eingestellt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn beschuldigt, in der S-Bahn einen Laptop gestohlen zu haben.

Konzentriert blickt Richter Dustin Dautel auf den Bildschirm, bläst die Backen auf, wiegt den Kopf. „Eine gewisse Grundähnlichkeit ...“, beginnt er, dann bricht er ab. „Nehmen Sie einmal die Brille ab“, weist der Verteidiger seinen Klienten an. Wieder flackern konzentrierte Blicke vom Bildschirm zur Anklagebank und zurück. Es hilft nicht: Eindeutig ist Ennis F. (Name geändert) nicht auf dem Überwachungsvideo zu erkennen, das die Bundespolizei als Beweismittel zu den Akten gelegt hat.

Das Video zeigt, wie zwei Männer im Juni des vergangenen Jahres einen Laptop aus der S-Bahn S 3 stehlen – direkt vom Sitz weg. Eine junge Frau hatte ihn während eines Gesprächs dort abgelegt. Unbemerkt stellten sich die Diebe im Gang neben den Sitz, ungesehen griffen sie an der Haltestelle „Sommerrain“ zu und verschwanden.

Eine Spur aus Zufällen und Indizien

Zufälle und Indizien waren es, die die Beamten auf die Spur von Ennis F. brachten: einen algerischen Asylbewerber, der vor knapp zwei Jahren nach Deutschland kam, in Stetten lebte – und mittlerweile für eine ganze Reihe von Diebstählen im Gefängnis sitzt. Ein Jahr und zwei Monate verbüßt der 24-Jährige für gewerbsmäßigen, gemeinschaftlichen Diebstahl, weitere sechs Monate für gefährliche Körperverletzung bei einem Vorfall in einem Flüchtlingsheim.

Angeschwärzt hat ihn ausgerechnet der Mittäter. Dieser war zwei Monate nach der Tat über Umwege mit dem Diebstahl in Verbindung gebracht worden: Beamte hatten bei einem seiner Kumpanen den gestohlenen Laptop gefunden, als sie ihn nahe der niederländischen Grenze im Zug filzten. Dabei tauchte auch weiteres Diebesgut – Handys vor allem – auf.

Auffälliges Shirt führt zum Mittäter

Bei den Ermittlungen stießen Polizisten auf ein Bild des Mittäters, das ihn in einem auffälligen Shirt zeigte. Dasselbe Shirt, das er auch am 29. Juni in der S 3 trug.

Als die Bundespolizei ihn zur Rede stellte und ihm Überwachungsbilder zeigte, versuchte der Mann, von sich abzulenken – indem er den Zweiten im Bunde als Ennis F. identifizierte. Er kenne ihn aus der Flüchtlingsunterkunft, sagte er den Beamten.

Niemand hat den Diebstahl beobachtet

Ob die beiden den Diebstahl begangen haben, ist so aber nicht klar belegt. Es gibt keine Zeugen, die die Männer bei dem Diebstahl beobachtet haben. Das Bildmaterial der Bundespolizei ist nicht ausreichend. So siegesgewiss die Staatsanwältin also auch ankündigte, die Tat könne Ennis F. nachgewiesen werden: Ohne weitere Verhandlungen und eine Vorladung des Komplizen, der gesondert abgeurteilt wurde, wäre das nicht möglich. Kein lohnender Aufwand, befanden die Juristen. Richter Dautel schlug vor, das Verfahren einzustellen. Letzten Endes glaube er nicht, dass sich das bereits verhängte Strafmaß nennenswert ändern würde, begründete er seine Entscheidung. Der Angeklagte sitzt schließlich sowieso schon im Gefängnis. Nach der Haft droht ihm die Abschiebung zurück nach Algerien; seine Chancen im laufenden Asylverfahren stehen nicht gut.