Waiblingen

Waiblingen: Vater will nach Streit Sohn der Mutter wegnehmen - und landet vor Gericht

amtsgericht Waiblingen
Waiblingen Amtsgericht. Foto: Buettner © Benjamin Büttner

Nach einem eskalierten Familienstreit ist ein Stuttgarter vom Amtsgericht Waiblingen zu einer Gesamtstrafe von 120 Tagessätzen von je zehn Euro wegen Körperverletzung, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz verurteilt worden.

Es erforderte sowohl von der Richterin wie auch von der Vertreterin der Staatsanwaltschaft eine gehörige Portion an Geduld, Einfühlungsvermögen und Beharrlichkeit, um letztendlich Licht in das Dunkel einer Reihe von Zwischenfällen und sich überschlagender Ereignisse zu bringen, die sich im Dezember 2020 in einem Waiblinger Mehrfamilienhaus abgespielt und deren Bewohner aufgeschreckt hatten.

Vater taucht betrunken bei Mutter seines Kindes auf

Selbst die vom Gericht bestellte Dolmetscherin schien kurzzeitig den Überblick zu verlieren und fragte irritiert bei Richterin Basoglu-Waselzada nach: „Haben Sie das jetzt verstanden?“

Der 41-jährige Angeklagte hat einen mittlerweile zweieinhalb Jahre alten Sohn. Für ihn brachte er sogar ein ferngesteuertes Spielzeugauto mit zu der Verhandlung. Im Dezember 2020 erschien er gegen 21.30 Uhr in angetrunkenem Zustand in der Waiblinger Wohnung der Mutter, mit der er ein Jahr lang zusammengelebt hatte, und verlangte, seinen Sohn zu sehen.

Halbschwester stellt sich ihm in den Weg

Das Kind war bereits im Bett und schlief, dennoch brachte es ihm die Mutter. Aus den verschiedenen Zeugenaussagen über den Wirrwarr der Ereignisse und Akteure ließ sich dann das folgende Mosaikbild des „panischen Geschehens“ - so eine der Zeuginnen - zusammenfügen: Als der Vater den Buben im Arm hielt, erklärte er, dass er ihn mitnehmen werde, und verließ die Wohnung im dritten Stock.

Auf die Hilferufe der Mutter hin eilten ihre erwachsene Tochter und ihr heranwachsender Sohn - die Halbgeschwister des Kleinkinds leben im selben Haus - und ein Freund von diesem herbei, um den Angeklagten im Treppenhaus aufzuhalten. Die Tochter schloss geistesgegenwärtig die Haustür ab und erklärte: „Wenn du raus möchtest, dann musst du zuvor an mir vorbei!“

Es entwickelte sich ein turbulenter Wortwechsel und ein Gerangel, in dessen Verlauf es der Tochter gelang, den Vater an die Hauswand zu drücken, ihm das Kind zu entreißen und es der Mutter zu übergeben. Der Bub war kurz zuvor einer Herzoperation unterzogen worden.

Blumentopf als Waffe

Die Mutter flüchtete mit dem Kind in die Wohnung der Nachbarin im ersten Stock, die inzwischen bereits die Polizei alarmiert hatte. Währenddessen versetzte der heranwachsende Sohn der Mutter dem Angeklagten einen Fußtritt, worauf dieser einen Blumentopf ergriff, der im Treppenhaus stand. 

Er ging auf den jungen Mann los, um den Blumentopf nach ihm zu werfen oder ihn damit zu schlagen. Dies verhinderte die Tochter seiner Ex-Partnerin gerade noch, indem sie seinen bereits erhobenen Arm festhielt und herunterdrückte.

Angeklagter drohte, Haus niederzubrennen

Die Geschwister, die Nachbarin und der Nachbar gemeinsam entwanden dem Angeklagten schließlich den Blumentopf. Er wiederum drohte, das Haus niederzubrennen und alle Bewohner umzubringen. Als kurz darauf die Polizei eintraf und die Haustür wieder aufgeschlossen wurde, nutzte der Angeklagte dies aus und floh.

Vom Ort des Geschehens begab er sich allerdings auf direktem Weg zum Waiblinger Polizeirevier, wo ein Platzverweis gegen ihn ausgesprochen und er über Nacht in Gewahrsam genommen wurde. Eine Alkoholkontrolle ergab eine Konzentration von 1,23 Milligramm pro Liter Atemluft, was circa dem Doppelten an Blutalkohol entspricht.

Bewaffnet mit Holz und einer Flasche Schnaps

Am nächsten Morgen tauchte der Angeklagte gegen 8.15 Uhr erneut vor der Wohnung der Mutter des gemeinsamen Kindes auf. Ausgerüstet war er für diesen Besuch mit einem langen Holz und einer Flasche Schnaps. Als deren Sohn ihm das Betreten verwehrte, beschimpfte er ihn.

Den herbeigerufenen Polizeibeamten gegenüber verhielt er sich dann friedlich, verständig, einsichtig und kooperationswillig. Die Atemluftmessung der Polizei ergab diesmal eine Konzentration von 1,12 Milligramm pro Liter.

Mutter erwirkte Annäherungsverbot

Dieser Zwischenfall veranlasste die Mutter, beim Waiblinger Amtsgericht ein Annäherungsverbot nach dem Gewaltschutzgesetz gegen den Angeklagten zu beantragen. Es wurde einige Tage später erlassen und ihm zugestellt.

Er bestritt allerdings, es erhalten zu haben, da er mittlerweile seine Wohnung in Stuttgart verloren hatte, mehrere Tage auf der Straße lebte und dann vorübergehend bei einer Schwester in einem anderen Bundesland untergekommen sei. Die Mutter seines Sohnes erklärte nun aber vor Gericht, als er sie anrief und ankündigte, er werde seinen Sohn besuchen kommen, habe sie ihn über das Annäherungsverbot informiert.

Alkohol macht ihn zu einem "anderen Menschen"

Dennoch tauchte er im Januar unangemeldet bei der Mutter auf, als diese gerade mit einer Freundin beim Kaffee saß. Zwischen den Frauen und dem wieder betrunkenen Besucher kam es zum Streit, in dessen Verlauf der Mann die Mutter seines Sohnes beleidigte und ihr einen Fußtritt gegen das Schienbein versetzte.

Die Zeugen beschrieben den Angeklagten als „einen anderen Menschen“, wenn er Alkohol getrunken habe. Er sei dann unerträglich, streitsüchtig und auch gewalttätig. Er wiederum versicherte dem Gericht, aus seinen Fehlern gelernt zu haben und seit einem Jahr überhaupt nicht mehr zu trinken. Er habe mittlerweile eine neue Lebensgefährtin, bei der er wohne und lebe von 450 Euro im Monat, die er über die Agentur für Arbeit beziehe.

Mutter weist Entschuldigung ab

Als er sich bei der Mutter seines Sohnes entschuldigen wollte, wurde dies von ihr zurückgewiesen, mit der Begründung, dass er mit Worten die Ereignisse von damals nicht ungeschehen machen könne.

Die Richterin entschied sich für eine Gesamtstrafe. Dem Angeklagten müsse man zugutehalten, so die Richterin, dass er nicht vorbestraft sei, wegen seines alkoholisierten Zustandes zumindest nur vermindert schuldfähig und es letztendlich um sein Kind gegangen sei.

Er habe im Gericht einen einsichtigen und kooperationswilligen Eindruck gemacht und sich zu entschuldigen versucht. Sie habe den Eindruck, dass er sein Leben mittlerweile im Griff habe, so dass eine Geldstrafe, zu der auch noch die Kosten des Verfahrens kämen, angemessen sei. Das Urteil wird nach Ablauf der Widerspruchsfrist rechtskräftig, wenn weder der Angeklagte noch die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel einlegen.

Nach einem eskalierten Familienstreit ist ein Stuttgarter vom Amtsgericht Waiblingen zu einer Gesamtstrafe von 120 Tagessätzen von je zehn Euro wegen Körperverletzung, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz verurteilt worden.

Es erforderte sowohl von der Richterin wie auch von der Vertreterin der Staatsanwaltschaft eine gehörige Portion an Geduld, Einfühlungsvermögen und Beharrlichkeit, um letztendlich Licht in das Dunkel einer

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