Waiblingen

Waiblinger Altenpflegerin in der Coronakrise: „Jetzt sind wir die Helden, später wieder die Deppen vom Dienst“

ambulant
Natalie Münichsdorfner fährt mit dem Auto von Patient zu Patient. © Benjamin Büttner

Es ist Mittagszeit, Natalie Münichsdorfner legt ihre Schutzmaske ab und atmet durch. Die 35-Jährige wirkt müde. Seit sechs Uhr ist die Altenpflegerin im Dienst, ein gutes Dutzend Patienten und Patientinnen hat sie an diesem Vormittag besucht. Medikamente verabreicht, Spritzen gegeben, Trombosestrümpfe angezogen. Ein anstrengender Job, der durch die Corona-Pandemie noch schwieriger geworden ist. Wenn die Rede auf Pflegeberufe kommt, ist dieser Tage oft von „Helden des Alltags“ die Rede. Die neue Wertschätzung freut auch die Mitarbeiterin der Sozial- und Diakoniestation Waiblingen, aber sie ahnt schon: „Jetzt sind wir die Helden, danach sind wir wieder die Deppen vom Dienst.“

Natalie Münichsdorfner liebt ihren Job, doch in diesen Zeiten ist sie besonders froh, wenn eine Schicht vorbei ist. Dann kann sie endlich die FFP2-Maske abnehmen, unter der sie schlecht Luft bekommt. Selbst bei den Autofahrten von Patient zu Patient muss sie aufbleiben, damit die Maske möglichst wenig angefasst wird und das Auto, das auch andere Kolleginnen benutzen, möglichst keimfrei bleibt. Mit Maske begegnet sie auch den Patienten. Aufmunterndes Lächeln, ein leichtes Streicheln über den Unterarm – solche kleinen Gesten menschlicher Nähe gehören eigentlich zum Wesen ihres Berufs, in dem sie viel mit allein lebenden Menschen zu tun hat, die sonst keinen anderen Kontakt am Tag haben. Auf all das muss verzichtet werden, um niemanden einem unnötigen Infektionsrisiko auszusetzen. Worauf sie keinesfalls verzichten will, das sind ein paar Minuten für ein kleines Gespräch, das für manche mindestens so wichtig scheint wie die Medikamente.

Erst fehlten die Masken, jetzt die Schutzkleidung

Anfangs, als die Epidemie in Deutschland Fahrt aufnahm, mangelte es der Diakoniestation zunächst an Atemschutzmasken. Die Tagespflege, die zum Schutz der Pflegebedürftigen vor dem Virus schließen musste, begann daher in Eigeninitiative Stoffmasken zu nähen. Inzwischen sind die Vorratsschränke gut gefüllt, wie Vorstandsvorsitzender Christian Müller berichtet. Ein Glück, denn es kam zum Ernstfall und die gelieferten FFP2-Masken verfehlten ihre Wirkung offenbar nicht: Zwei Mitarbeiterinnen der Diakoniestation sind an Covid-19 erkrankt und fielen für mehrere Wochen mit starken Symptomen aus. Bevor diese auftraten, taten sie freilich nichts ahnend ihren Dienst – mit Schutzmaske. Kein Patient scheint sich dabei angesteckt zu haben, jedenfalls gibt es nach Aussage von Christian Müller bis jetzt keinen bekannten Corona-Fall unter den Patienten. Die beiden Mitarbeiterinnen haben sich inzwischen wieder erholt. Mangel herrscht nun vorläufig nicht an Masken, doch klafft schon die nächste Lücke: Schutzkleidung fehlt und ist nicht zu bekommen.

Die Pflege ist weiblich und schlecht bezahlt

Was angesichts der Krise und der erhöhten Aufmerksamkeit für systemrelevante Berufe mehr in den Fokus rückt, bestätigt sich auch bei der Waiblinger Diakoniestation: Pflege ist weiblich. Seit Anfang Mai gehört wieder ein Mann zum 70-köpfigen Team, das täglich in 300 Waiblinger Haushalten pflegerische oder hauswirtschaftliche Dienste leistet. Besonders im Bereich der Hauswirtschaft haben viele Kunden, rund 40 Prozent, gebeten, vorübergehend die Besuche auszusetzen, damit nicht mehr Personen als unbedingt nötig ins Haus kommen.

Pflege ist nicht nur weiblich, sondern auch schlecht bezahlt. Vor allem das meint Natalie Münichsdorfner, wenn sie von den „Deppen vom Dienst“ spricht. Technische Berufe genießen nach ihrer Beobachtung eine ungleich höhere gesellschaftliche Anerkennung – und ein deutlich besseres Gehalt als ihre 2600 Euro brutto. Auf eine Sonderzahlung dürfen sie und ihre Kolleginnen hoffen, aber wohl kaum auf einen dauerhaften Gehaltssprung.

Ihrem Arbeitgeber macht sie dabei keinen Vorwurf, im Gegenteil, die jetzige Arbeitstelle sei „das Beste, was passieren konnte“. Gemeint ist die Politik, die schon vor der aktuellen Krise gewusst habe, dass die Pflegebranche in Personalnöten steckt.

Sehnsucht nach "Mädelsabenden" und einem Ende der Kontaktsperren

Im Vergleich zu den Kolleginnen in den Pflegeheimen habe sie im mobilen Dienst weniger Stress, erfahre von den zumeist noch recht fitten Patienten, die ja noch zu Hause leben und sie wie einen Gast empfangen, viel Dankbarkeit. In einem Heim, in dem sie arbeitete, erlebte sie hingegen eine höhere Anspruchshaltung, mehr schwer Pflegebedürftige, mehr Stress – und dazu noch Konflikte im Team.

Die gebe es an der Diakoniestation nicht, obwohl personelle Engpässe zu überbrücken sind. Freude machen kleine Gesten und Geschenke wie der Kaffee, den sie an der Tankstelle neuerdings umsonst bekommt.

Am schwersten fühlte sich für die junge Frau die Zeit an, in der sie wegen der Covid-Erkrankung der einen Kollegin in einer Art Halb-Quarantäne lebte: Arbeiten – ja. Alles andere war für zwei Wochen verboten. Außer ihrem Freund, mit dem sie zusammenlebt, bekam sie privat niemanden zu Gesicht. Waldspaziergänge mit einer Freundin waren danach durchaus wohltuend, auf Dauer sehnt sie sich jedoch wieder nach „Mädelsabenden“ und gemeinsamem Billardspielen. „Man glaubt eigentlich gar nicht, wie sehr man das vermissen kann.“ Die größte Belastung sei aber, dass niemand weiß, wann die ganze Corona-Sache endlich vorbei ist.

Es ist Mittagszeit, Natalie Münichsdorfner legt ihre Schutzmaske ab und atmet durch. Die 35-Jährige wirkt müde. Seit sechs Uhr ist die Altenpflegerin im Dienst, ein gutes Dutzend Patienten und Patientinnen hat sie an diesem Vormittag besucht. Medikamente verabreicht, Spritzen gegeben, Trombosestrümpfe angezogen. Ein anstrengender Job, der durch die Corona-Pandemie noch schwieriger geworden ist. Wenn die Rede auf Pflegeberufe kommt, ist dieser Tage oft von „Helden des Alltags“ die Rede. Die

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