Waiblingen

Waiblinger Apotheker: „Wir bräuchten den Versandhandel nicht“

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„Der Kunde, der Patient, bekommt nur bei uns Apothekern persönlichen Kontakt und individuelle Beratung“, sagt Eleftherios Vasiliadis © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Über 3000 zugelassene Versandapotheken in Deutschland verschicken Medikamente. Der Online-Versandhandel ist seit 2004 erlaubt. Die Kundschaft in der Apotheke vor Ort ist seither statistisch gesehen um über zehn Prozent geschrumpft. „Mich ärgert das natürlich, zumal wir den Versandhandel gar nicht bräuchten“, sagt der Waiblinger Eleftherios Vasiliadis für den Apothekerverband im Rems-Murr-Kreis.

„Den Online-Versandhandel gibt’s, er ist da, er ist erlaubt. Es ist, wie es ist. Wir Apotheker müssen damit zurechtkommen“, sagt Eleftherios Vasiliadis. Der 58-Jährige betreibt seit 1990 die Apotheke in der Waiblinger Marktgasse. Darüber hinaus hat er heute noch zwei Filialen, eine in Stuttgart und eine in Grunbach. Der Gesetzgeber erlaubt jedem Apotheker maximal drei Filialen zusätzlich zum Stammhaus.

Handel im Internet erscheint gar nicht so attraktiv

„Jeder Euro, der in den Versandhandel geht, der tut mir natürlich weh; weil ja gleichzeitig auch noch der Euro an Wert verliert und wir Apotheker ja in der Vergangenheit auch nicht mehr bekommen haben, so wie alle anderen Mitglieder der arbeitenden Bevölkerung halt auch nicht.“ Dass der Online-Versandhandel mit Medikamenten stetig zunimmt, das sieht allerdings Vasiliadis nicht so. Die Zahlen stagnierten stattdessen auf einem gewissen Niveau.

Der Versandhandel mache nur rund 0,6% seines Geschäfts mit verschreibungspflichtigen Arzneien, bei den frei verkäuflichen Medikamenten habe der Versandhandel in Deutschland einen Marktanteil von elf bis 14 Prozent. „Wir Apotheker müssen deshalb natürlich mehr Umsatz machen, um unser Geschäft stabil zu halten. Und womöglich mehr Filialen eröffnen. In einen Quantitätswettbewerb können wir nicht treten, aber in einen Qualitätswettbewerb.“

Der Versandhandel sei im Grunde auch völlig unnötig, „weil wir Apotheker doch auch Botendienste anbieten. Außerdem bekommt der Kunde, der Patient nur bei uns in der Apotheke persönlichen Kontakt und individuelle Beratung. Wir Apotheker sind einer der vertrauendwürdigsten Berufe. Das mussten wir uns aber auch erst einmal erarbeiten. Und wir sind 24 Stunden für die Menschen da.“ Der Nacht- und Notdienst garantiere eine flächendeckende Arzneimittelversorgung rund um die Uhr.

Wenn erst der Versand abgewartet werden muss

Er könne nur an die Menschen appellieren, sich diese Punkte immer vor Augen zu halten, nicht dass dann irgendwann die Leute plötzlich merkten, dass sie nicht mehr spontan und schnell an Medikamente kommen, sondern erst den Versand abwarten müssen, oder dass sie immer weiter fahren müssen, weil das Apothekennetz womöglich kleiner wird.

Immer mehr Apotheker, die in den Ruhestand gehen, bekämen ihre Apotheken nicht mehr los, fänden keine Nachfolgerin, keinen Nachfolger, weil sich das Geschäft nicht überall mehr lohne. Er wolle den Teufel nicht an die Wand malen, aber in Zukunft werde nicht mehr überall eine Apotheke per Fuß zu erreichen sein, was ja gerade für ältere Menschen wichtig ist, sagt Vasiliadis.

Im Versandhandel sei manches Medikament nur auf den ersten Blick billiger. „Das sind häufig nur Lockangebote, sie müssen auch noch das Porto dazurechnen, und niemand berät sie zu Unter- oder Über-Dosierung oder Nebenwirkungen.“ Außerdem gebe es keinen hundertprozentigen Schutz gegen Medikamentenfälschungen.

Sicherer vor Fälschungen

Von 1996 bis Anfang 2008 wurden dem Bundeskriminalamt insgesamt 49 Fälle von Arzneimittelfälschungen in der legalen Verteilerkette bekannt. „Einen kleinen Skandal gab es 2013 mit dem Magensafthemmer Omeprazol, wovon Plagiate verkauft wurden.“ Viel sicherer vor Fälschungen sei man auf jeden Fall in der Apotheke vor Ort.

Vom Arzneimittel-Schwarzmarkt im Internet ganz zu schweigen, vor dem Vasiliadis ausdrücklich warnt und sich da von der Weltgesundheitsorganisation unterstützt sieht. Die WHO schätzt, dass der Fälschungsanteil bei Medikamenten, die über illegale Internetversender bezogen werden, bei über 50 Prozent liegt. Gefälscht werden nicht nur alltägliche Arzneien wie Schmerzmittel, sondern auch Lifestyle-Medikamente wie Viagra oder Steroide, Arzneimittel gegen Krebs, HIV, Diabetes oder Malaria.

Der Apothekerverband Baden-Württemberg betont deshalb: „ Die niedergelassene Apotheke steht für Arzneimittelsicherheit. Hier werden die Arzneimittel auf Herz und Nieren geprüft – und die Verteilerwege vom Hersteller über den Großhandel und die Apotheke bis in die Hände des Patienten sind nachvollziehbar. Wer seine Medikamente über dubiose Versandwege bezieht, läuft eher Gefahr, dass er gefälschte Arzneimittel bezieht.“

Gegen Fälschungen

Arzneimittelhersteller, Pharmagroßhändler und Apotheker haben sich zur Initiative „securPharm“ zusammengeschlossen, um die Echtheit von Medikamenten zu garantieren.

Dabei geht es auch um die Umsetzung der Richtlinie 2011/62/EU (Falsified Medicines Directive) der Europäischen Union. Diese Richtlinie sieht codierte Verpackungen mit einem 2D-Data-Matrix-Code und eindeutiger Seriennummer für nahezu alle verschreibungspflichtigen Arzneimittel voraussichtlich ab dem ersten Quartal 2018 vor.

Zudem soll ab 2019 ein Originalitäts-Verschlusssiegel an der Medikamentenverpackung Pflicht werden.

Dr. Reinhard Hoferichter, Sprecher des Vorstands von securPharm e.V.: „Wir müssen uns die Zeit nehmen, mit allen Akteuren der Arzneimittelversorgung die Prozesse der Echtheitsprüfung unter Realbedingungen zu trainieren. Dazu sollten sich alle Akteure bereits ein Jahr vor dem Starttermin an securPharm angeschlossen haben, um bis zum Stichtag am 9. Februar 2019 eine fehlerfreie Echtheitsprüfung zu erreichen.“