Waiblingen

Waiblinger berichten von Erfahrungen mit Rassismus

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Ahmet Vurucu arbeitet in einem Waiblinger Döner- und Pizzaimbiss. Das Logo des Lokals haben wir auf Wunsch seines Kollegen unkenntlich gemacht. © Keziban Bitek

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd wird in vielen Ländern wieder mehr über Rassismus diskutiert – auch in Deutschland. Wir haben Menschen mit Migrationshintergrund in Waiblingen nach ihren Alltagserfahrungen gefragt.

Mahmoud Ali (45): Bei der Arbeit benachteiligt

Mahmoud Ali ist 45 Jahre alt. Seit 35 Jahren lebt er in Deutschland. „Ich bin hier aufgewachsen, ich bin schon ein Deutscher“, sagt er. Als er zehn war, sind seine Eltern mit ihm aus dem Libanon geflüchtet. Ali ist deutscher Staatsbürger.

Hat er sich jemals als Deutscher zweiter Klasse gefühlt? „Ja, im Bereich der Arbeit“, sagt der zweifache Vater. Dort sei er benachteiligt worden. „Wenn sie meinen Namen hören, dann stufen sie mich anders ein.“ Nun ist er sein eigener Chef und hat sich in der Transportbranche selbstständig gemacht. Wie reagiert der 45-Jährige auf musternde Blicke? „Ich bin es gewohnt“, sagt er. „Mittlerweile sogar abgehärtet.“

Rassistischen Anfeindungen oder Vorurteilen sei aber vor allem seine Frau ausgesetzt, berichtet Mahmoud Ali. „Weil sie ein Kopftuch trägt.“ Hauptsächlich werde sie bei der Autofahrt von anderen Fahrern belästigt – so sei ihr schon der Vogel gezeigt worden, ohne dass sie irgendwie den Verkehr behindert habe. Für viele passe es nicht zusammen, dass eine muslimische Frau sich ans Steuer eines Autos setzt, vermutet er.

Auch an der Universität sei seine Frau Vorurteilen ausgesetzt. „Sie macht ihren Master in Bio-Chemie“, sagt der 45-Jährige. Und als sie gemeinsam dort waren, um die erforderlichen Unterlagen für die Einschreibung einzureichen, habe man wissen wollen, ob sie überhaupt Englisch spreche. Diese Frage findet Mahmoud Ali unberechtigt, da seine Frau ihr Bachelorstudium ebenfalls auf Englisch abgeschlossen habe. „Und wenn sie auf Englisch antwortet, dann kommt die große Überraschung“, sagt er.

Seine Erfahrung ist: Häufig werde man über einen Kamm geschoren. „Seit 2015 ist die Situation extremer geworden“, findet Ali. Was die Hochschulen angeht, erklärt er sich das folgendermaßen: Viele Flüchtlinge hätten angegeben, dass sie über einen Hochschulabschluss verfügen. Bei vielen habe sich diese Behauptung allerdings im Nachhinein als falsch herausgestellt, glaubt Ali. „Die denken, dass alle so sind.“

Dass er oder seine Frau manchmal auch für Flüchtlinge gehalten werden, obwohl sie schon so lange hier leben, merke er an der Art und Weise, wie ihr Gegenüber sich mit ihnen zu unterhalten versuche. „Sie fangen an, komisch zu reden“, sagt er – und zwar in gebrochenem Deutsch.

Er sei vor 35 Jahren selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen. „Damals durfte man acht Jahre lang nicht arbeiten. Einen Führerschein durften wir auch nicht machen“, sagt er. Auch sei ihnen die Reise nach Libanon nicht gestattet worden – 20 Jahre lang.

Wie kann man Rassismus seiner Meinung nach bekämpfen? „Das geht gar nicht. Der Hass ist schon da – es gibt zu viel Hass“, sagt Mahmoud Ali. Er vermutet, dass dahinter auch Frust steckt: „Die Leute sind auf die Regierung sauer, aber lassen es an den Ausländern raus.“

Ahmet Vurucu (54): Kein Rassismusproblem

In einem Waiblinger Döner- und Pizzaimbiss arbeitet Ahmet Vurucu aus Ludwigsburg. Als er auf das Thema Rassismus angesprochen wird, bittet sein Kollege, der anonym bleiben möchte, sofort darum, dass der Name des Lokals nicht im Bericht erscheint – aus Sicherheitsgründen, wie er sagt. Ahmet Vurucu macht sich darüber keine Sorgen. Seit 1996 lebt er in Deutschland, ursprünglich kommt er aus der Türkei. „Ich habe keinen Vorfall erlebt, von dem ich sagen würde, dass er rassistisch war“, sagt der 54-Jährige. Weder in privater noch in behördlicher Hinsicht. „Ich war im Krankenhaus, bei Behörden oder bei der Polizei, nirgendwo habe ich mich benachteiligt oder gesondert behandelt gefühlt“, sagt er.

Zwar habe er im Bekanntenkreis immer wieder gehört, dass es auch in Deutschland ein Rassismus-Problem gebe. Doch dies könne er nicht bestätigen, weil er es nicht persönlich erlebt habe. Zudem unterscheidet Vurucu zwischen Rassismus in der Bevölkerung und Rassismus auf der Regierungsebene. Als Beispiel nennt er, wenn der Staat bestimmten Bevölkerungsgruppen Rechte oder die Meinungsfreiheit entziehe. „Aber in Deutschland kann man seine Meinung frei äußern, solange sie nicht zu Gewalt aufruft“, sagt er.

Aus seiner Sicht sollte ein Land, dem es wirtschaftlich gut geht, kein Rassismusproblem haben. „Der Grund, weshalb in der Türkei viele Flüchtlinge aus Syrien als Problem wahrgenommen werden, ist, dass die Türkei keine gute Wirtschaft hat“, sagt er. Seiner Wahrnehmung nach hat Deutschland kein Rassismusproblem. Als positives Beispiel nennt er, dass Politiker wie Cem Özdemir oder Landtagspräsidentin Muhterem Aras hier trotz ihres Migrationshintergrundes erfolgreich sein könnten.

Nadir Nebioglu (39): Vorurteile abbauen durch Austausch

Nadir Nebioglu arbeitet im Außendienst und beliefert türkische Supermärkte. Seit 14 Jahren lebt der 39-Jährige in Waiblingen. Als Einziger in seiner Familie habe er die türkische Staatsangehörigkeit nicht abgegeben. „Man ist nur Deutscher auf dem Papier, man bleibt Türke“, findet er. Auch von Außenstehenden werde er als Ausländer wahrgenommen. So erinnert er sich an einen Vorfall nach einem Verkehrsunfall. Er sei gegen das Auto eines gebürtigen Italieners gefahren. „Obwohl an seinem Auto ein Schaden entstanden ist, hat er gesagt, dass das kein Problem sei“, erzählt Nebioglu. Er sei positiv überrascht gewesen, als sein Gegenüber sagte: „’Wir sind hier beide Ausländer.’“

Etwa eine Woche später sei ein Deutscher mit seinem Roller bei Nebioglu hinten aufgefahren. „’Kein Problem’, sagte ich“, erzählt er. Daraufhin habe der Unfallverursacher gebeichtet, dass er vorher Vorurteile gegenüber Türken gehabt hätte und ihm nun aber klargeworden sei, dass er nicht alle in eine Schublade stecken dürfe.

„Wenn es Anspannungen zwischen den Menschen gibt, dann ist das der Politik geschuldet“, findet Nebioglu. „Unsere Tochter und die Nachbarstochter besuchen denselben Kindergarten“, erzählt er. Mal bringe die Familie Nebioglu die Kinder in die Kita, mal die deutsche Nachbarin. Auch sie habe gestanden, dass sie, bevor sie die Familie kennenlernte, Vorurteile gegenüber Muslimen hatte. Deshalb, so Nadir Nebioglu, sei Austausch ganz wichtig.

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd wird in vielen Ländern wieder mehr über Rassismus diskutiert – auch in Deutschland. Wir haben Menschen mit Migrationshintergrund in Waiblingen nach ihren Alltagserfahrungen gefragt.

Mahmoud Ali (45): Bei der Arbeit benachteiligt

Mahmoud Ali ist 45 Jahre alt. Seit 35 Jahren lebt er in Deutschland. „Ich bin hier aufgewachsen, ich bin schon ein Deutscher“, sagt er. Als er zehn war, sind seine Eltern mit ihm aus dem Libanon

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