Waiblingen

Waiblinger Familie kämpft für Flüchtling

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Alles ändert sich, wenn ein Aktenzeichen sich in einen Menschen verwandelt: Heiderose Lang und Klaus Meier-Lang mit Boro im Gespräch. © Mathias Ellwanger
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Alles ändert sich, wenn ein Aktenzeichen sich in einen Menschen verwandelt: Heiderose Lang und Klaus Meier-Lang mit Boro im Gespräch. © ZVW

Waiblingen. Boro aus Gambia lebt in einer Flüchtlingsunterkunft, Fremden begegnet er mit einem immerfreundlichen Lächeln, von seinen Todesängsten und Traumata wissen nur wenige. Vermutlich wird er abgeschoben werden. Heiderose Lang und Klaus Meier-Lang wollen das verhindern.

Schicksal - Oder: Aktenzeichen und Mensch

Es ist völlig klar, was viele über einen Fall wie diesen denken: Wir können nicht alle aufnehmen. So sind nun mal die Gesetze. Man kann nicht dauernd Ausnahmen machen. Wir sind nicht für das ganze Leid der Welt zuständig. Und ob alles stimmt, was der erzählt? Für Abschiebungen gibt es viele Argumente: kaltherzige; paragrafentreue; bedenkenswerte; stichhaltige; manche können Heiderose Lang und Klaus Meier-Lang durchaus nachvollziehen. Nur: Alles ändert sich, wenn ein Aktenzeichen sich in einen Menschen verwandelt.

Momentan lebt Boro, 24, hier im Status der „Duldung“: Alle vier Wochen bekommt er einen Zettel in den Pass geklebt und einen weiteren Monat Aufschub. Er sei „jeden Tag in die Schule gegangen und hat ganz fleißig Deutsch gelernt“, erzählen die Langs, fand in einem Sportverein Anschluss. Boro sei ein „feiner Kerl“: Von den 300 Euro und ein paar Zerquetschten, die er monatlich erhält, bezahlt er selber seinen Deutschkurs, „schickt noch Geld in die Heimat“, und jeden Monat „so ab dem 15. oder 20. nuckelt er am Daumen“, weil fürs Essen nichts mehr übrig ist.

In Gambia hat er Elektro-Installateur gelernt, er kann „Kabel anschließen, ohne dass da hinterher gleich ein Kurzer ist“, aber er würde auch jede andere Arbeit annehmen. So jemanden abzuschieben – „wo ist der tiefere Sinn?“

Boro sei nach außen „immer fröhlich“. Aber seit immer klarer wird, dass ihm die Abschiebung droht, „schläft er nicht mehr, traut sich kaum mehr auf die Straße, schaut ständig über die Schulter, er ist ein Nervenbündel“. Müsste er gehen – „uns tät’s zerreißen“. Heiderose Lang hat Massen von Briefen geschrieben an verschiedenste Behörden. Viel Echo hat sie nicht geerntet – „die müssen halt ihre Statistiken erfüllen“.

Geschichten wie diese gibt es jetzt öfters. Sie handeln alle von derselben Frage: Was zählt mehr – Staatsräson oder Einzelschicksal?

Paradies - Oder: Abschaum und Ungeziefer

Die Einheimischen nennen Gambia „die lächelnde Küste Afrikas“: Die Sandstrände schwingen sich in goldenen Bögen dahin, das Meer ist ein von weißen Schaum-Adern durchzogener Opal. Im Landesinneren wächst der Affenbrotbaum, am Ufer des Gambiaflusses blühen Mangrovenwälder. Es gibt Antilopen und Paviane, Husarenaffen und Flusspferde. Warum, um Himmels willen, flieht irgendwer aus dem Paradies?

Gambia ist bitterarm. Wer eine Schule besuchen will oder medizinische Versorgung braucht, muss all das selbst bezahlen. Eine Einnahmequelle ist der Tourismus: Junge Männer tragen auf ihren Rücken Gäste am Fluss durchs flache Uferwasser, damit die Reichen aus der Fremde den Ausflugskahn trockenen Fußes erreichen, oder dienen sich bei den Luxushotels alleinstehenden weißen Damen an als Lakaien, Bodyguards oder Liebhaber.

Seit einem Putsch 1994 regiert der Diktator Yahya Jammeh und will, so prahlt er, „noch eine Milliarde Jahre lang“ herrschen. Er sagt, er könne Aids durch Handauflegen heilen und brauche Fremden nur in die Augen zu schauen, schon könne er ihr genaues Sterbedatum vorhersagen. Jammeh führte die Todesstrafe wieder ein und überzieht die Opposition mit Verfolgung, Folter und kruden Vorwürfen: Seine Feinde, behauptete er einmal, hätten an einer Straßenkreuzung einen Löwenkadaver vergraben, um die gambische Wirtschaft zu verhexen. Und er hat zur hasserfüllten Hatz auf Homosexuelle geblasen: Mal droht er, ihnen allen „eigenhändig den Hals durchzuschneiden“, mal will er sie zerquetschen „wie Moskitos“, er nennt sie „Abschaum“ und „Ungeziefer“, sie seien „gefährlicher als Tsunamis und Erdbeben“.

Traumata - Oder: Flucht und Entsetzen

In Deutschland untersuchte eine Psychotherapeutin Boro. Freundlich habe der junge Mann gewirkt, schrieb sie danach, und seine Aufregung mit Charme zu überspielen gesucht – aber nachdem er ihr seine Lebensgeschichte offenbart und beim Erzählen vor Ort erneut durchlitten hatte, seien seine „Hände von Angstschweiß nass“ gewesen. „Die Angaben des Patienten halte ich für glaubwürdig“, er sei „schwer traumatisiert“.

Dies ist die Geschichte, wie Boro selbst sie erzählt: Als Kind habe er auf dem Feld gearbeitet, bewacht von Milizen mit Maschinengewehren. Als neben ihm ein Freund von einer Schlange gebissen worden sei, hätten die Bewacher den erschlaffenden Körper einfach weggeschleppt und die anderen gezwungen, weiterzuknechten. Er habe den Freund nie wieder gesehen.

Die Mutter „war der beste Mensch, den ich kannte. Bevor sie starb, begleitete ich sie oft zur Arbeit. Sie verkaufte Früchte, und ich half ihr dabei.“ Der Vater habe sie so heftig verprügelt, dass sie den Folgen der Schläge erlegen sei.

Mit 14 sei er missbraucht worden von einem weißen Mann, der ihn auf der Straße auflas und mit einem Trank betäubte. Einmal habe er für eine flüchtige Begegnung Geld genommen, „das war der einzige Weg“, um den Schulbesuch bezahlen zu können, er schäme sich sehr dafür. Sein Vater habe ihn deshalb umbringen wollen. Als er 17 war, hätten Weiße ihn und andere in ein Hotel bestellt, sie mussten sich schminken, Frauenkleider tragen, fotografieren lassen. Eine Polizeirazzia habe all dem ein Ende gemacht. Ein Bewaffneter habe gesagt: „Dafür werdet ihr sterben.“

Er entkam dem Todesurteil, floh aus dem Land, trieb – ein Stück menschliches Schwemmgut – durch den Senegal und Mali, kämpfte sich zu Fuß durch die Sahara, verdingte sich unterwegs monatelang als Tagelöhner, um die Weiterreise finanzieren zu können, wurde festgenommen, musste sich die Freilassung durch Zwangsarbeit erkaufen, taumelte voran, bis Libyen.

Das Schiff, das ihn durchs Mittelmeer trug, war heillos überladen, Wogen schwappten hinein, Menschen gingen über Bord. „Ich sah, wie Leichen im Wasser schwimmen.“ In der Flut kämpfte eine Frau, ihr Baby im Arm, gegen das Ertrinken. Irgendwann entglitt ihr das Kind.

Die Überlebenden strandeten in Italien. Boro schlug sich durch nach Deutschland.

Dublin III - Oder: Recht und Ordnung

Hätte Boro in Deutschland Chancen auf Asyl? Vielleicht; sofern die Behörden ihm glaubten. Vielleicht; auch wenn die Anerkennungsquote für Flüchtlinge aus Gambia nur bei zwei oder drei Prozent liegt. Aber als Boro in Italien war, nahmen sie ihm dort Fingerabdrücke: Das ist jetzt „quasi sein Verhängnis“, sagt Heiderose Lang. Denn nun greift „dieses bescheuerte Dublin III“.

Das Dublin-III-Abkommen verfügt: Für das Asylverfahren ist derjenige EU-Staat zuständig, in dem der Flüchtling erstmalig registriert wurde. Demnach gehört Boro nach Italien, dorthin soll er abgeschoben werden und darf nicht in Deutschland bleiben, so wollen es Recht und Ordnung.

Nur muten Recht und Ordnung manchmal an wie Zynismus – um das zu verstehen, braucht man sich nur die Landkarte anzuschauen: Die südlichen EU-Staaten legen sich wie ein Sperr-Riegel um Deutschland. Es gibt keinen legalen Weg zu uns, einer wie Boro, der hier Asyl begehren möchte, müsste quasi mit dem Fallschirm abspringen oder darf sich auf dem Weg durch Italien, Griechenland, Spanien nicht erwischen lassen. Aus deutscher Sicht ist Dublin III ein anderer Ausdruck für: Diese Flüchtlinge sind euer Problem, nicht unseres.

Wieder zurück nach Italien? Eher bringe er sich um, hat Boro einmal gesagt. Monatelang hat er dort vegetiert auf seiner Odyssee, die Flüchtlinge bleiben in Rom oder Bari sich selbst überlassen, „friss oder stirb“. Er hauste auf der Straße, schlief an Bushaltestellen, bettelte vor Supermärkten, stahl Kleider von Balkonen, um nicht zu erfrieren – „ich fühlte mich sehr schlecht danach, denn ich weiß, es ist falsch“ –, wurde „bespuckt und verprügelt“. Als Durchgangsland für Flüchtlinge ist Italien heillos überfordert. Die Tagesschau beschrieb die Zustände als „katastrophal“. Wer Asylsuchende dorthin zurückschickt, der treibt sie nach Recht und Ordnung ins Elend.

Zukunft - Oder: Ketten und Hungerstreik

Er kam hier an und wurde nicht zusammengeschlagen wie in Italien, musste nicht dem Henker davonrennen wie in Gambia, sogar die Polizisten zeigten ein freundliches Gesicht: In Deutschland schöpfte Boro „Hoffnung“, sagt Heiderose Lang. Könnte er hier Fuß fassen, einen Job finden, Geld verdienen – er würde damit einen ganzen Schlag Verwandte zu Hause versorgen; was bei uns ein karger Lohn ist, stiftet dort zukunftssichernden Wohlstand, erschlösse Zugang zu Bildung und ärztlicher Versorgung. Den Seinen so zu helfen, wäre für Boro „eine Pflicht bis zu seinem Lebensende“.

Klaus Meier-Lang sagt: „Was uns die Begegnungen mit Boro und anderen Flüchtlingen persönlich gebracht haben, kannst du nicht in Geld aufwiegen.“ Warum, fragt er, darf so jemand nicht bleiben? Leute wie Boro „nehmen uns gar nichts weg, die bringen was mit!“

„Wir ziehen das jetzt durch bis zum bitteren Ende“, sie haben eine Anwältin eingeschaltet. Jemanden, den sie liebgewonnen haben, kampflos in eine ungewisse, womöglich mörderische Zukunft entlassen? Es ist ihnen unmöglich geworden. Zur Not, murmelt Heiderose Lang, und ihr ist nicht recht anzumerken, ob sie das sarkastisch meint oder bitter ernst, „werd’ ich mich irgendwo anketten und in Hungerstreik treten“. Von den „Nerven her“ gehe es ihr derzeit „echt grenzwertig“.

Es ist völlig klar, was viele über einen Fall wie diesen denken: Diese Gutmenschen. Wozu haben wir Gesetze, wenn sie nicht vollstreckt werden? Man muss auch mal hart sein können. Dafür, dass Boro abgeschoben werden müsse, gibt es ein starkes Argument: Du gehörst ganz einfach nicht hierher, sagt das Aktenzeichen. Nur: Wenn jemand den Menschen dahinter entdeckt, wird alles zum Heulen kompliziert.

Sicher

Laut UN-Berichten ist Folter in Gambia „gängige Praxis“, es komme immer wieder zu „außergerichtlichen, summarischen oder willkürlichen Hinrichtungen“. Die CSU hat im Januar gefordert, Gambia in die Liste der sogenannten „Sicheren Herkunftsstaaten“ aufzunehmen. Die Chancen, Asyl zu erhalten, würden damit für Flüchtlinge aus Gambia weiter sinken. Horst Seehofer: „Dafür werden wir kämpfen.“